Frauen und Männer : Hinterm Kamin lag das Glück

Sie waren jung und verknallt, aber der Ärmelkanal trennte sie. 16 Jahre lang hörten sie nichts voneinander. Dann tauchte plötzlich ein uralter Brief von Steve auf – und Carmen griff zum Telefon. Die unglaubliche Geschichte einer großen Liebe.

Protokolle: Julia Grosse
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Steve und Carmen fanden sich nach 16 Jahren wieder.Foto: privat

STEVE SMITH:

Ich habe noch genau vor Augen, was sie trug. Im Sommer 1992. Jeans und dieses tolle, spanische Top im Flamenco-Stil. Dazu ihre endlos langen, blonden Haare ... Wir haben uns auf der Party ihrer Gastfamilie kennengelernt, bei der sie während ihrer Sprachreise wohnte. Ich war mit der Familie schon lange befreundet. Carmen würde jetzt wahrscheinlich in die Luft gehen, wenn sie das hören würde, aber ich glaube, an diesem Abend war sie es, die mich angesprochen hat. Wir tranken Wein, wechselten ein paar Worte, schauten uns an. Für mich war es definitiv Liebe auf den ersten Blick. Schon 24 Stunden später waren wir ein Paar, zwei Monate später verlobt. Doch irgendwann war Carmens Sprachkurs zu Ende, und von da an wurde es anstrengend.

Sie ging zurück nach Paris, und ich stürzte mich in einen auszehrenden Rhythmus aus vier Tagen Durcharbeiten in der Firma und vier Tagen Paris. Ich beendete meine Schicht um 18 Uhr, nahm den Nachtbus von Devon nach Heathrow, flog um 6 Uhr in der Früh nach Charles de Gaulle und saß dann mittags bei Carmen am Küchentisch. Nach ein paar Monaten kannte ich jeden Pariser Bahnschaffner beim Vornamen und hatte leider mehrere 1000 Pfund Schulden auf meiner Kreditkarte. Ich glaube: Hätte ich mich damals ein wenig besser strukturiert, wäre ich etwas reifer gewesen, wären wir bestimmt zusammengeblieben.

Nach unserer Trennung haben wir komplett den Kontakt abgebrochen. Ganz oder gar nicht. Mein Freund Brian schüttelte nur den Kopf, ich hätte soeben meine Traumfrau gehen lassen, sagte er. Er hatte ja recht. Alles erinnerte mich an sie. Fußballspiele gegen Spanien konnte ich kaum mehr gucken, und wenn jemand in einem Film Carmen hieß, schaltete ich gleich weg.

Sechs Jahre vergingen, ich hatte natürlich wieder Beziehungen, aber nie etwas richtig Ernstes. Dann entdeckte ich beim Aufräumen auf dem Dachboden eine CD mit Carmens Liedern, die sie mir damals gegeben hatte. Ich hatte die CD lange nicht mehr gehört und öffnete gedankenverloren die Hülle, aus der plötzlich die Adresse ihrer Familie in Granada herausfiel. Ohne nachzudenken, ging ich runter, griff mir irgendein kleines Papier, es war ein rundes, pinkes, und kritzelte drei Sätze darauf: „Ich hoffe, dir geht es gut. Ich schreibe dir, weil ich dich fragen wollte, ob du jemals geheiratet hast und ob du noch an mich denkst?“ Darunter setzte ich meine Nummer. Ich bin kein großer Briefeschreiber. Monate zuvor hatte ich ihr bereits ein paar Zeilen an ihre Pariser Adresse geschickt, aber nie etwas gehört.

Sie ist längst umgezogen, dachte ich. Handys und Email hatten wir in der Zeit nicht, und so war der gute alte Brief die einzige Möglichkeit.

Zehn Jahre vergingen, ohne dass ich irgendetwas von ihr hörte. Ich wollte gerade ans Meer surfen gehen und packte meine Tasche, als das Telefon klingelte. Ich muss los, dachte ich. Lass es klingeln. Aus irgendeinem Grund ging ich doch ran. Und erlebte den Schock meines Lebens. „Hallo, hier ist Carmen, erinnerst du dich noch an mich?“ Zunächst dachte ich: Sehr witzig, Brian, deine Frau kann jetzt aufhören mit dieser schlechten Imitation, ich weiß doch selber, dass ich damals einen Riesenfehler begangen habe! Aber das war kein Scherz, sondern tatsächlich meine Carmen! Ihre Mutter hatte meinen alten Brief bei Renovierungsarbeiten hinter dem Kaminsims gefunden! Ich wollte gar nicht lang mit ihr reden, sondern sie sehen. Zwei Tage später flog ich nach Paris. Sie hatte sich optisch überhaupt nicht verändert, und es dauerte keine 30 Sekunden, da war ich schon wieder in sie verliebt. Wir hatten uns 16 Jahre nicht gesehen, doch es fühlte sich an, als seien es gerade mal 16 Minuten gewesen.

Natürlich waren in diesen Jahren wichtige Dinge passiert, doch der Rest dieser Zeit war für mich plötzlich völlig egal. Den Abend erlebte ich wie in Trance, sie kochte Pasta und ich öffnete eine Flasche spanischen Wein. Wir haben nicht einmal sonderlich viel geredet, dabei hätte es ja Themen zur Genüge gegeben! Wir haben uns einfach nur angestarrt. Einen Monat später hielt ich um ihre Hand an. Ich wollte nie wieder von ihr getrennt sein. Und das waren wir seitdem auch nicht länger als acht Stunden, so lange bin ich bei der Arbeit.

In der Firma bin ich unkonzentriert, mein Chef hat sich schon beschwert. Doch es ist mir egal, ich bin glücklich. Unsere Hochzeit war ein tolles Fest mit vielen Freunden, gerade erst sind wir zurück aus den Flitterwochen in der Türkei. Wir haben uns 16 Jahre nicht gesehen, das ist eine lange Zeit, und es ist ein Lebensabschnitt, in dem man erwachsen wird. Carmen ist auf jeden Fall erwachsen geworden, reif und erfahren. Das gefällt mir sehr. Wir kennen uns und lernen uns doch gerade wieder neu kennen, unsere Vorlieben, Macken, Hobbys.

Wenn sie shoppen gehen will, komme ich total gern mit. Ich bin großer Fußballfan, typisch britisch, und statt mich mit den Jungs in den Pub zu verziehen, öffnen Carmen und ich eine Flasche Wein und schauen uns das Spiel gemeinsam an. Ich bin kein religiöser Mensch. Doch dass wir uns über all diese schicksalhaften Umwege, die Adresse in der CD, den renovierten Kamin und ihren Anruf doch noch gefunden haben, hat der liebe Gott definitiv mit eingefädelt.

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