Frauen und Männer : Ich sende dir tausend Küsse

In Liebesbriefen verbergen sich intimste Sätze. Eva Lia Wyss sammelt und katalogisiert sie. Ein Besuch bei der Archivarin

Wie wärs mit uns? ich weis, dass wir nicht zusammenpassen, aber eine liebe wird nicht am zusammenpassen des aussehen gemessen, sondern an zusammen passen der Liebe und des Herzens.

Sabrina, 12 Jahre, an Dominik, 1999

Den Liebesbrief kennt man vor allem aus der Literatur. Ob Goethe an Frau von Stein oder Else Lasker-Schüler an ihren Mann – stets schreiben Leute, die wissen, was sie tun. Die ihr dichterisches Können einsetzen. Selbst wenn Kafka seiner On-Off-Verlobten Felice Bauer vom Büroalltag in der Versicherung erzählt, hat man das Gefühl, in einem Roman zu sein.

Doch auch Normalos beteuern ihre Liebe. Schreiben ihrem „Amor“, „hochgeehrtesten Fräulein“ oder „niedlichen Baby“. Ihrem „lieben, lieben Tiger“ oder ihrer „kleinen Miau“. Haben Sehnsucht nach „Deinen verschmitzten Augen und Deinem so gefährlichen Lächeln“, so jedenfalls ein gewisser Spitz 1930. Bekennen sich zu ihrer „heißen und innigen Liebe“ wie Emil 1911. Stellen fest, dass ihre „Fasern beben und zittern vor Sehnsucht“, wie Othmar 1993. Wollen wie Paul 1951 wissen: „Hast Du wirklich ein reines Herzlein bewahrt bis zum heutigen Tag?“ Kämpfen mit Widerständen. So Ute 1997: „Das war der letzte Brief, den ich Dir geschrieben habe. Als Antwort kam mein Brief zurück, geöffnet, mit einem kurzen Kommentar Deiner Frau versehen: ‚Im Auftrag meines Mannes schicke ich Ihnen Ihr Geschreibsel zurück. Blöder geht es nicht!’“

Diese Briefe seien es wert, erforscht zu werden, findet Eva Lia Wyss, Schweizer Sprachwissenschaftlerin und Autorin („Leidenschaftlich eingeschrieben. Schweizer Liebesbriefe“, Nagel und Kimche). Weil sie genauso interessant seien wie die hohe Literatur. Und: „Wer liest nicht gerne Liebesbriefe?“ 2001 hat Wyss eine Zeitungsanzeige aufgegeben, in der sie Leute um ihre Liebesbriefe bat. Die Resonanz war groß, Wyss bekam tausende Briefe, Postkarten, Zettelchen, E-Mails und abgetippte SMS. Eingeschickt von Frauen und Männern, von Erben, von Leuten, die Briefe auf dem Dachboden gefunden hatten. Aus Deutschland und aus der Schweiz, aus allen Schichten. Die ältesten sind aus dem 19. Jahrhundert, die jüngsten aus den Nullerjahren.

Eva Lia Wyss sitzt in ihrer Mittagspause im Beckenhof-Park in Zürich. Blumen blühen, Vögel zwitschern, eine romantische Umgebung. Im Zürcher Liebesbrief-Archiv (ZLA), das Wyss für ihre Forschung an der Uni Zürich angelegt hat, geht es dagegen streng akademisch zu. Tausende Liebesbriefe hat Wyss katalogisiert, mit Signaturen versehen und in eine Datenbank eingespeist. Die Briefe bewahrt sie, fein säuberlich geordnet, bei sich zu Hause auf, 7500 sind es inzwischen. In einem Koffer liegen die Briefe, die noch immer bei ihr eintrudeln.

Der treue Blick, den ich heute Nachmittag von Ihnen erhalten habe, hat mich sehr gerührt. … In dem Falle, dass sich bei Ihnen die gleichen Gefühle bemerkbar machen sollten, wären Sie so freundlich und täten Sie mir berichten, erbitte aber strengste Diskretion, da Ehrensache.

Postbeamter an Fräulein, 1910

Seit es die neuen Medien gibt, hat der Liebesbrief wieder Konjunktur. Die Leute setzen sich hin und versuchen per E-Mail, was dem Philosophen Roland Barthes zufolge unmöglich ist: die Liebe in Worte zu fassen. In Kauf zu nehmen, dass „das Eigentümliche der Begierde“ die „Uneigentlichkeit der Aussage“ hervorbringt, wie Barthes in seinen „Fragmenten einer Sprache der Liebe“ schrieb. Die Briefschreiber von heute haben auch allen Grund dazu. Sie leben in einer Zeit der getrennten Wohnungen, Auslandsaufenthalte und Fernbeziehungen, im Zeitalter der Liebe auf Distanz.

Ich weiß schon, dass Du, wenn Du verliebt bist, dies auch ausleben willst, und solange ich verheiratet bin, dies auch sehr schwierig ist, aber ich möchte wissen, ob sich was verändert für Dich bzw. ob Du Dir vorstellen kannst, auf mich zu „warten“.

Andrea an Thomas, 2000

Die Unmöglichkeit der Liebe zieht sich durch viele Briefe. Da sind Liebhaber, die gerne Ehemänner werden möchten. Strafgefangene schreiben an Frauen, die sie nie sehen können. Ehefrauen aus bombardierten Städten versuchen, ihre Männer an der Front zu erreichen. Die meisten Briefe würden am Anfang einer Beziehung geschrieben, sagt Wyss. Wenn die Liebe frisch ist und die Liebenden unsicher sind. Viele entstehen zu Jubiläen, als Geschenke zu Geburtstagen oder Goldenen Hochzeiten. Oder kurz vor dem Tod – als Lebensbilanz. Und dann gibt es noch das Ehepaar mit dem braven, angepassten Leben. 250 Briefe schrieben sie sich im Laufe der Jahre, in der Fiktion entstand eine Liebe, für die sie im wahren Leben keinen Ausdruck fanden.

Liebe Alte, für die Jahre – ein halbes Jahrhundert –, die darin stecken, siehst Du eigentlich noch recht frisch und unverbraucht aus. Was wiederum zeigt, dass gerade die Vertrautheit es versteht, viel an Jugend ins Alter hinüberzuschmuggeln. So etwas ist nur in der Gemeinsamkeit möglich. Fahren wir dankbar fort, bis die Kette sich schließt. Rodolfo an Margherita, 1997

Die meisten Briefe aus dem Archiv stammen von Männern. Warum, kann Eva Wyss nicht sagen. Vielleicht wissen Frauen Liebesbriefe mehr zu schätzen. Vielleicht heben Männer Liebesbriefe einfach nicht auf. Überhaupt die Geschlechterrollen. Traditionell sind sie, vor allem, wenn die Schreiber aus einfachen Verhältnissen stammen. Ein Kari verspricht seiner Margit 1955, dass er der Mann sei, „zu dem Du aufschauen darfst“. Ein Nachbar namens Willy gibt sich 1965 seinen Überwältigungsfantasien hin: „Wenn ich Zeit zum träumen habe, dann küsse ich Sie und fahre Ihnen durchs Haar und Sie können sich nicht wehren.“

Die Maries, Emmys und Ediths hingegen schicken „scheue Küsse“ oder wollen „sich hingeben“. Der Mann verführt, die Frau zögert. Frauen, die dem nicht entsprechen wollten, hatten es schwer. Auch Else Lasker-Schüler wurde für ihre expliziten Liebesbriefe angefeindet. Erst in den 70er, 80er Jahren habe sich das geändert, sagt Wyss. Seither schreiben auch Frauen über ihr Begehren. Ältere Frauen an jüngere Männer. Verheiratete Frauen an ihre Liebhaber. Die Verheißungen sind diesselben, ob von Mann oder Frau: Ich liebe nur dich. Ich lasse mich deinetwegen bestimmt scheiden.

ich glaube, wir würden die ganze welt um uns herum vergessen … nur noch wir zwei … sich lieben … mal ganz zärtlich … ruhig … langsam … ineinander verschlungen … die nachbeben gemeinsam erleben … die erschöpfung gemeinsam genießen … ob es so wäre? keine ahnung aber auf jeden fall ein reizvoller gedanke … dein fesselndER.

Bander an Jasmin, 1999

Wie ist das, wenn man 7500 Liebesbriefe liest? Vor allem die Liebesbriefe, die von Vorlagen oder aus der Literatur abgeschrieben sind, seien anstrengend, sagt Wyss. Da stumpfe man ein bisschen ab. Die längste Zeit dienten Liebesbriefe zur Anbahnung von Verlobungen und Ehen. Formulierungen waren vorgegeben, die Familie las mit. „Und es gibt Briefe, da frage ich mich: Weiß die Person, was sie da schreibt?“ Der Mann etwa, der seiner Freundin beteuert, dass er immer an sie denkt. Dann kommt, was sie alles für ihn bereithalten soll, Kopfhörer, Körpermilch und Taschenbücher. Ob man nach 7500 Liebesbriefen noch selber welche schreibe? „Ich hoffe doch“, sagt Wyss.

Ob Brautbriefe, die auch an die Frau Mama gerichtet waren, oder E-Mails, die im Sekundentakt hin- und hergehen – die Sprache der Liebe ist immer ähnlich. Da wären die Metaphern: Sterne, Herzen, Blumen. Die Babysprache, die Kosenamen aus dem Tierreich. Der Zweifel, die richtigen Worte zu finden. Das Bedürfnis, im Schreiben jemand anders zu sein als in der Wirklichkeit, ein Schatz, ein Geliebter, ein Muckelchen. Die Liebe sei „eine der wichtigsten Mythologien unserer Zeit“, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Der Konsum der Romantik“. Und so wird in den Briefen immer wieder eine Art Gedenken der Liebe beschworen, lassen die Liebenden ihr erstes Treffen, ihren ersten Kuss, ihre erste Nacht Revue passieren, als sei das Ganze eine Geschichte, ein Roman, ein Film.

In der Masse könne das ganz schön banal sein, sagt Wyss. Die drei Topoi etwa, die sich ständig wiederholen. Dass die Liebe ganzheitlich sei, ewig und frei, alle Schreiber empfinden das so, egal, aus welcher Zeit und aus welchem Milieu. „Man erlebt etwas individuell, und dabei ist es ein Stereotyp.“ Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dem Archiv, eine ernüchternde. Dass sich nämlich 7500 Liebesbriefe am Ende gleichen. Dass man so ist wie alle anderen auch. Und zwar ausgerechnet dann, wenn man das Persönlichste zu tun glaubt, was ein Mensch tun kann: seine Liebe bekennen.

Die kursiven Zitate stammen aus dem Liebesbrief-Archiv Zürich.

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