Frauen und Männer : Im Rausch der Tiefe

Ihr Leben lang war unsere Autorin extrem wasserscheu – mit 35 beschloss sie, schwimmen zu lernen. Ein Drama mit Happy End

Lea Storm

Ich entstamme einer Familie störrischer Nichtschwimmer, zumindest mütterlicherseits. „Wasser hat keine Balken“ – so laute das händeringend vorgetragene Lamento gleich mehrerer Generationen, oft auch nur im Zusammenhang mit Fähren, Transatlantikflügen, Rasensprengern oder, in einer katholischen Familie besonders absurd, Taufen.

Es gibt kein dunkles Familiengeheimnis. Soweit ich weiß, war keiner meiner Ahnen Steward auf der Titanic. Im Gegenteil, die meisten wurden steinalt, trockenen Fußes natürlich. Selbst der breite Strom, der in meiner Heimatgegend regelmäßig ruckartig aus seinem Bett tritt, wird von einer soliden Deichanlage aufgehalten. Ich schweife ab: Wie konnte es dazu kommen, dass ich nicht richtig schwimmen lernte? Und was geschah dann? 

Bestimmt hat meine Mutter schon ungeduldig auf mein entsetztes Schreien gewartet, als sie mir dereinst das Schauma-Apfelshampoo aus den Haaren wusch. Gott sei Dank, das Mädchen ist wasserscheu! So übertrugen sich ihre Ängste vor dem feuchten Element auf mich. Mama geht maximal bis zu den hübschen Knien ins Wasser. Sogar Badewannen sind ihr suspekt.

Trotzdem liebten alle den Strand. Vielleicht, weil man dort von der gepolsterten Liege aus der unberechenbar-rauschenden Naturgewalt zusehen und den Grusel mit ein paar Gläsern Chablis herunterspülen konnte?

Einmal, in den großen Ferien an der französischen Atlantikküste, lieh ich mir sehenden Auges eine Luftmatratze. Ich weiß noch, wie ich mich bäuchlings auf das rote Gummi legte und versuchte, durch das flache Wasser zu paddeln. Nach einiger Zeit genoss ich das Schaukeln der Wellen, während um mich herum Gleichaltrige fröhlich planschten und durch die Brandung hechteten. Nein, nicht ums Verrecken hätte ich meinen Kopf freiwillig unter Wasser gesteckt. Dass man dort unten in dieser fremden Welt überleben könnte, erschien mir ausgeschlossen. Mir kam Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau in den Sinn, die ihr wässriges Reich unter Schmerzen, die schlimmer waren als 1000 Nadelstiche, für einen Prinzen verlassen hat. Ich hätte an ihrer Stelle eine Million Nadelstiche ertragen, und das ganz ohne Prinz! Außerdem hatte mir ein Babysitter auf Sylt bereits ausgiebig vom Klabautermann erzählt, und ich glaubte fest an die Existenz dieser Koboltart.

Dann kam eine Welle, die etwas höher war als die anderen. Das Vorderteil der Luftmatratze ragte zuerst steil in die Luft, dann machte es „klatsch“ und ich kenterte. Panisch atmete ich weiter, bis Salzwasser in meine Lungen lief. Auf meinen Ohren lastete plötzlich ein unbekannter Druck. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah die hellblaue Wasseroberfläche in schier unerreichbarer Ferne, also etwa fünf Zentimeter über mir. Instinktiv muss ich wie ein Fröschlein mit Armen und Beinen gezuckt haben, denn es gelang mir, einen Zipfel der Luftmatratze zu fassen. Mit weichen Knien und heulend und spuckend stolperte ich an Land. Keiner hatte etwas von meinem Malheur mitbekommen. Mit dem Meer war ich fertig. Meine Karriere als Landratte hatte begonnen.

Doch daran, dass ich irgendwie schwimmen lernen musste, bestand leider kein Zweifel. „Das Wasser trägt dich“, erklärte mein Vater, schon mit Hinblick auf die Sportnote. Aber wie konnte mich das Wasser, das eben noch ohne Vorwarnung über mir zusammengeschlagen war, tragen? Ich traute dem unbekannten Element nicht – und machte mich steif wie ein Bügelbrett.

Papa probierte es mit einem Ausflug in ein so genanntes Spaßbad. Er, der Holzspielzeug-Verfechter, sagte: „Wenn du durch diese 150 Meter lange Wasserrutsche rutscht, bekommst du eine Crystal Barbie.“ Ich lehnte ab, obwohl eine Crystal Barbie mein größter Wunsch war. Für sie hätte ich gemordet, aber nicht getaucht. Von meinem Taschengeld kaufte ich einmal Pommes Schranke und sah meinem Vater am Beckenrand beim Rutschen zu.

Irgendwann gelangen mir im heimischen Hallenbad unter der anfeuernden Aufsicht des Sportlehrers und dem höhnischen Gelächter meiner Mitschüler ein paar Züge im Nichtschwimmerbecken. Dass ich dafür ein Abzeichen bekam, ist ein Fall für Seepferdchenplag: Ich habe nie einen Plastikring vom Grund des Beckens ertaucht. Das Seepferdchen wurde mir unrechtmäßig zuerkannt. Eine menschliche, wenn auch pädagogisch zweifelhafte Entscheidung des Sportlehrers. Meine Mutter nähte es trotzdem auf meinen Badeanzug. Mit 1000 Nadelstichen. Es tat weh. Die anderen Kinder hatten ja bereits silberne und goldene Schwimmabzeichen.

Der Spuk war vorerst vorbei, als ich zum ersten Mal meine Periode bekam. Bauchkrämpfe? Egal! Mit untypisch blendender Laune verbrachte ich den Schwimmunterricht an Land, in voller Montur auf der Zuschauertribüne. Doch der neue Sportlehrer auf dem Gymnasium war nicht so nett: Wegen Sport und Physik (sein zweites Fach) wäre ich fast sitzen geblieben. Die Gesetze von Auf- und Abtrieb begriff ich weder in Praxis noch Theorie.

Es folgten Jahre, in denen ich meine Schwäche recht gut verbergen konnte. Darauf folgte eine Zeit, die ich hauptsächlich mit Sitzen am Schreibtisch verbrachte, während Franziska von Almsick und Britta Steffen Weltrekorde brachen. Eine rückenschonende Sportart musste her, die mit meinen Arbeitszeiten und möglichst allen Jahreszeiten vereinbar war. Eine Freundin überredete mich zum Aquafitness-Kurs im „Leistungszentrum“ an der Landsberger Allee – so band ich mir zum ersten Mal seit 20 wieder ein Schlüsselbändchen ums Handgelenk, trat zum inoffiziellen Busen- und Schamhaarvergleich unter die Sammeldusche, schlitterte barfuß über über die Hallenbadkacheln (Tinea pedis!) und schluckte zum Viervierteltakt von Lady Gaga eine ordentliche Portion Chlorwasser. Den Klabautermann hatte ich hinter mir gelassen, jetzt erschienen die glitschigen Tentakeln des Kraken aus „Fluch der Karibik“ vor meinem inneren Auge.

Es war ein schreckliches Erlebnis – und eine Art Startpfiff. Denn während ich mit ein paar anderen Quallen im Nichtschwimmerbecken rhythmisch meine Würde abschüttelte, zogen im Nachbarbecken muskulöse Frauen und Männer in „Speedo“-Badezeug und goldverspiegelten Schwimmbrillen auf äußerst elegante Weise ihre Bahnen. Ich wusste: Das war es, was ich wollte: Die Vergangenheit hinter mir lassen. Die Angst vor der bodenlosen Tiefe überwinden. Kurzum: Richtig schwimmen lernen! Mit neuem Schwung stemmte ich mich gegen ein Styroporbrett.

Bald darauf schrieb ich eine Mail an die Berliner Bäderbetriebe. Ich wollte eine Einzelschwimmstunde buchen – 35 Euro sollte das kosten, zzgl. Eintrittspreis. Ein faires Angebot, jedenfalls weitaus günstiger als eine Therapiesitzung.

Ein Lehrer meldete sich telefonisch bei mir. Man könne sich gern treffen, am besten im Bad am Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg. Da sei er sowieso fast immer, weil er auch Babyschwimmen unterrichte. Ich entspannte mich. Ich konnte ja nicht ahnen, was passieren würde.

Um kurz das Entscheidende vorwegzunehmen: Sie erinnern sich an Smith Jerrod, Samanthas letzten Freund in „Sex and the City“? In Wahrheit ist er Schwimmlehrer bei den Berliner Bäderbetrieben. Von nun an würde ich in meinem neuen „Speedo“–Badeanzug, also quasi unbekleidet, vor ihm herumplanschen. Eine Vorstellung, die alles nur noch schlimmer machte. Sozusagen der Untergang.

Smith Jerrod erkannte mein Problem natürlich sofort. Er sagte: „So. Wir legen zuerst vorsichtig unser Gesicht ins Wasser.“ Ich tat es, um meine Schamesröte als Chlorreizung zu tarnen. Und dann geschah etwas noch nie, nie, nie dagewesenes: Er lobte mich. „Sehr schön. Am Ende der Stunde sitzen wir auf dem Beckenboden und winken uns zu, wirst sehen. Ach ja, und keine Wimperntusche mehr.“

Ehe ich den Kopf schütteln konnte, war ich abgetaucht. Ich hielt die Luft an und zählte: 21, 22 … dann öffnete ich hinter meiner Schwimmbrille die Augen. Überall Blau, Türkis im Licht, aufsteigende Luftbläschen. Zeitlupe, durch die kaum ein identifizierbares Geräusch schwebte. Ich fühlte mich wie eine gelungene Mischung aus Juri Gagarin und Christoph Kolumbus: Die neue Welt, die ich gerade entdeckt hatte, war tatsächlich schwerelos und friedlich. Und sie blieb es sogar, als ich mich später auf Befehl die einzelnen Stufen der Becken-Leiter in die Tiefe hangelte.

In der zweiten Stunde brachte Smith Jerrod mir das Schwimmen neu bei. („Du bist keine Oma! Kopp unter Wasser! Ausatmen!“) Es war spektakulär – dank nur weniger Bewegungsänderungen war ich fast doppelt so schnell wie sonst. Zum Beispiel lernte ich, meine Füße im richtigen Moment korrekt abzuspreizen und mich mit den Vorderpfoten wie ein Maulwurf durch das Element zu graben, das seinen Schrecken auf einmal verloren hatte.

Von nun an galt dem Schwimmen für einige Zeit abends mein letzter Gedanke und morgens der erste. Im Halbschlaf ging ich die Bewegungsabläufe durch. Smith Jerrod hatte mir eingebläut, dass ohne Übung alles nichts ist. So trainierte ich, bis die Schwarte krachte. Ich bekam rote Kaninchenaugen und schuppige Haut, aber auch eine viel bessere Kondition. Bald schon schaffte ich 20 Bahnen Brust – im Becken an der Landsberger Allee.

Ich denke dabei an gar nichts, höchstens zwischendurch mal kurz an Pommes Schranke. Das Wasser trägt mich.

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