Frauen und Männer : Kaderschmiede

Das Berghain gilt als der beste Club der Welt. Was kaum jemand weiß: Wer hier Türsteher oder Barkeeper ist, macht gern mal Karriere als Künstler

Jeder hat den Namen schon einmal gehört, Geschichten darüber gelesen – nicht zuletzt dank des Bloggers Airen und der Autorin Helene Hegemann –, und einige sind bereits an seiner Tür abgewiesen worden: Das Berghain ist ein Club und ein Sehnsuchtsort. Im ehemaligen Kraftwerk hinter dem Ostbahnhof legen die bekanntesten DJs der Welt auf, die Techno-Kaskaden rollen aus einer der besten Musikanlagen der Stadt über die Besucher hinweg, und manche Menschen meinen, hier feiere man die längsten Partys der Welt. Das Schöne daran ist die Mischung der Leute. Im Berghain feiern Schwule und Heteros, Touristen und Berliner, Techno-Veteranen und Novizen. Die Berghain-Geschichten über Glücklichgrinsende, Dauertanzende und Strammstehende handeln oft davon, wie man plötzlich nicht mehr weiß, wie spät es eigentlich ist und mit wem man sich gerade unterhält. Darüber vergisst man leicht, dass das Berghain zwar eine Institution der Clubkultur ist, aber auch ein Sammelbecken von Kreativen. Im Kasten aus der Stalin-Ära arbeiten Menschen, die das kulturelle Leben in Berlin und darüber hinaus entscheidend prägen. Unten an der Garderobe nehmen Menschen unsere Jacken entgegen, die sonst an Installationen tüfteln. Und an der Gitterbar in der oberen Etage wird uns das Bier von einer forschen französischen Bedienung gereicht, die mal in einer Rockabilly-Band gesungen hat. Die Impulse einiger Arbeiten, die ihren Ursprung im Berghain haben, reichen bis nach München, London oder New York. Treten wir also einmal zurück, hinaus aus dem Berghain, und sehen uns an, was die Menschen tun, wenn sie nicht Nachtschicht in jenem Club haben, den das renommierte britische Magazin „DJ Mag“ den besten der Welt nennt.

RUMMELSNUFF

Arbeitet als: Türsteher

Sein gebürtiger Name ist Roger Baptist. Der 44-Jährige stammt aus der Ursuppe der sächsischen Punkbewegung. In Dresden spielte er Ende der 80er Jahre in der Band Freunde der

Italienischen Oper, hantelte nebenbei in Kraftsporträumen und wechselte in den 90er Jahren zur Elektro-Musik. Mit dem Projekt Automatic Noir produzierte er knallharte Synthie-Rockkracher – gar nicht so weit weg von der Musik, die eine junge Band namens Rammstein zur selben Zeit in Berlin ausprobierte. Der Erfolg blieb aus, Baptist zog sich ins Fitnessstudio zurück und tauchte 2007 als Kunstfigur Rummelsnuff wieder aus der Versenkung auf. Er sang Matrosen-Chansons im Stahlgewittersound, über „Pflaumenbrand aus Bruderland“ zum Beispiel – und dank seiner Traktorreifen-Arme darf er seitdem die Tür des Laboratory (der schwule Fetischclub im Berghaingebäude) bewachen. Kürzlich ist sein zweites Album „Sender Karlshorst“ erschienen. Am 16. Juli spielt er seine „derbe Strommusik“ live im Schwuz.

SCISSOR SISTERS

Traten auf als: Animationsband

Am 1. Januar 2003 passierte etwas Ungewöhnliches im Ostgut, dem Vorgängerclub des Berghain, der genau auf der anderen Seite der Bahntrasse lag – dort, wo heute die protzige O2-World steht. Zur letzten Silvesterparty im alten Haus luden die Clubbetreiber eine junge Band aus New York ein, die gerade mal zwei Lieder auf einem Sampler veröffentlicht hatte. Das Quartett spielte auf einer improvisierten Bühne in der Panoramabar, der Sound war gewöhnungsbedürftig, aber wie sich Sänger Jake Shears und seine Mitstreiter trotz der Widrigkeiten ins Zeug legten und einfach so taten, als würden sie im Madison Square Garden auftreten – das bewies Größe. Der erste Auftritt der Scissor Sisters in Deutschland wurde frenetisch bejubelt. Niemand konnte ahnen, dass sie später einmal Millionen von Platten verkaufen und einen Nummer-Eins-Hit in Deutschland („I Don’t Feel Like Dancing“) haben würden. Ende Juni erscheint ihr neues Album „Night Work“, dazu inspirierte Songschreiber Shears auch ausdrücklich das Berghain. Am 9. Juli treten sie im Huxleys auf.

SARAH SCHÖNFELD

Arbeitet als: Barfrau in der Panoramabar

Was von der Geschichte übrig bleibt – das interessiert die Fotografin Sarah Schönfeld. Die gebürtige Berlinerin wuchs in Lichtenberg auf. Für die Reihe „Wendegelände“ besuchte sie die Orte ihrer Kindheit, später fotografierte sie verfallende Städte in Sibirien. Die heute 31-Jährige stellte bereits mit Wolfgang Tillmans aus, zeigte ihre Arbeiten in Neuseeland, Brasilien und – kürzlich – in der Berlinischen Galerie. Vertreten wird sie von der Galerie Kunstagenten. Zurzeit arbeitet sie an einem Projekt über die Stasi und die Überreste der Berliner Mauer. Eine Ausstellung und ein Bildband sind für das kommende Jahr geplant.

SVEN MARQUARDT

Arbeitet als: Türsteher

Der Fotograf beobachtet Subkulturen seit den 80er Jahren, als er Punk in Ost-Berlin war und sein Aussehen die Oberen so sehr störte, dass er offiziell nicht nach Mitte fahren durfte. Trotzdem gelang es Marquardt, Aufträge für die DDR-Modezeitschrift „Sybille“ zu erhalten. Nach der Wende versuchte er sich in anderen Jobs, bis er Ende der 90er wieder hinter die Kamera zurückkehrte. Zum Glück. Der 48-Jährige hat ein gutes Auge für das Nachtleben: das Hinausschlüpfen aus einer Alltagsrolle, das Loslassen im Club. Er bebildert Emotionen zwischen ekstatisch und enttäuscht, die er mit Blick auf die Gäste jedes Wochenende erlebt. Seit der Jahrtausendwende steht er an der Tür des Clubs, wegen seiner Piercings wird er liebevoll „der Eisenmann“ genannt. Gerade ist im Mitteldeutschen Verlag ein Buch mit seinen Aufnahmen erschienen.

CZESLAWA PURGAL

Arbeitete: am Tresen der Panorama-Bar

Die gebürtige Polin ist erst 30 Jahre alt, hat aber bereits mehr Jahre Erfahrung in der Gastronomie als das Berghain im Vergnügungsgeschäft. Mit elf Jahren half sie in der elterlichen Gaststätte aus, dann verfeinerte sie ihr Handwerk im Schneeweiß, im Grill Royal und eben in der Panoramabar. Unter dem großformatigen Wolfgang-Tillmans-Bild einer Vagina lernte sie, unter Druck freundlich zu bleiben. Vor einem Jahr eröffnete sie mit Geschäftspartnerin Nalan Kocadag das TinTin am Paul-Lincke-Ufer. Das großzügige Restaurant bietet internationale Küche, etwa Pasta- und Fleischgerichte. Die Gründerinnen sehen ihr Lokal auch als Bar und Club. Übrigens: Entworfen wurde das TinTin vom Architekturbüro Karhard – dasselbe Team, das das Heizkraftwerk zum Berghain umbaute.

MARC BRANDENBURG

Arbeitete: am Tresen

der Bar vor den Toiletten

Mit Fug und Recht kann man den Maler als Chronisten des Underground bezeichnen. Jahrelang lebte der heute 44-Jährige im SO 36 ein Leben zwischen Punk und Camp. Er zeichnete Menschen, die verstören – und ihn anregen. Seine Technik: Er fertigte Negative seiner Bilder an, auf denen Weiß zu Schwarz und Schwarz zu Weiß wird. Seine Figuren fand er in Homo-Bars wie dem Möbel Olfe, wo er als Kellner die Gäste bediente, genauso wie im Berghain. Mittlerweile verkauft der Sohn eines GI und einer Berlinerin seine Werke für bis zu 27 000 Euro und muss keine Tresenschichten mehr absolvieren. Letztes Jahr stellte er kirchenglasähnliche Fenster im Berghain aus – eine Hommage an die Kathedrale des Techno.

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