Frauen und Männer : Mord am Vormittag

Ruth Rendell ist die große Lady des Kriminalromans. Ihr Arbeitstag sieht so aus: Bis zum Lunch schreibt sie, dann geht sie ins britische Oberhaus. Ein Treffen zum 80.

Ein Bild, wie von einem holländischen Meister gemalt: Schlittschuhfahrer, so weit das Auge reicht, mitten in der Stadt. Der Himmel strahlt, halb Hamburg vergnügt sich auf der Alster. Die Sonne, erklärt Ruth Rendell mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel duldet, die Sonne habe sie aus England mitgebracht.

Wir sitzen im Restaurant des Hotels Atlantik, Ruth Rendell beugt sich vor, um noch besser aus dem Panoramafenster sehen zu können. Nicht die Idylle auf dem Eis – der Krankenwagen, der mit Tatütata vorbeigefahren ist, hat ihre Neugier geweckt, ein kleiner Kitzel zum Lunch. Noch mehr aber fesseln sie die Arbeiter, die direkt vor dem Fenster die Platanen beschneiden. Bei Bäumen kennt die Schriftstellerin sich aus, einen ganzen kleinen Wald hat sie mal in Suffolk besessen, der gehörte zu ihrem Haus auf dem rauen Land.

Die Szene auf der Alster aber, die macht der Krimiautorin eher Angst. Nie würde sie sich dort hinauswagen, in den weiten, offenen Raum. Ruth Rendell hat Agoraphobie, Platzangst, ihr kann es gar nicht dunkel und geschlossen genug sein. Weshalb sie auch in einem Himmelbett schläft, gebaut aus Esche aus dem eigenen Wald. Und weshalb sie die Londoner U-Bahn, die viel geschmähte, so liebt. Plötzlich blüht Ruth Rendell auf, das, was andere gerade fürchten, dass die U-Bahn uralt ist, so tief unter der Erde liegt, ist für sie ein Grund zum Schwärmen. Einen ganzen Krimi hat sie der tube gewidmet, „König Solomons Teppich“. Überhaupt: Tunnel! Sie nimmt jeden, den sie kriegen kann, je tiefer und dunkler und länger, desto lieber. „Das ist ungewöhnlich für eine Frau“, bekennt die Schriftstellerin.

Aber Ruth Rendell ist eben eine ungewöhnliche Frau.

Die Baroness hat geschwänzt. Statt wie üblich im House of Lords zu sitzen, stellt sie in Hamburg ihren neuesten Psychothriller vor, der sie auf der Höhe ihrer raffinierten Kunst zeigt: „Das Geburtstagsgeschenk“ (Diogenes Verlag, 22,90 Euro). Vor fünf Jahren noch hätte sie das nicht getan. Aber „ich bin eine sehr treue, fleißige Dienerin“, sagt sie und lacht. Also hat sie sich jetzt zwei Tage freigegeben.

Ruth Rendell ist eine disziplinierte Dame. Am Mittwoch 80 geworden, schlank und gepflegt, im eng anliegenden Top, mit blond gefärbten kurzen Haaren, Ohrring und Korallenkette, gönnt sie sich jetzt nach dem Lunch „zur Belohnung“ zwei Trüffel zum Kaffee. Sie isst gerne Schokolade. Weshalb sie zu Hause keine hat. Um nicht in Versuchung zu kommen. Als sie jung war, hätte sie nie gedacht, dass sie so alt werden würde, „good heavens!“. Alt zu werden, schien ihr nicht erstrebenswert, dann wäre sie sicher so stocktaub wie ihr Großvater, der Milchmann war, wie sie in einem Interview verriet, was ihr ihre klassenbewusste Tante nie verziehen hat. Dass alle alten Leute damals stocktaub waren, dafür hat Rendells Schwiegertochter eine, wie sie findet, plausible Erklärung gefunden: weil sie so viele heftige Ohrfeigen kriegten.

Jetzt ist die gebürtige Londonerin also 80 und kommt ihren Pflichten penibel nach. Jeden Morgen sitzt die Lady of Crime am Schreibtisch und schreibt Thriller und Krimis – über 50 Bücher, einige davon verfilmt von Regisseuren wie Almodóvar und Chabrol, verfasst man nicht ohne Fleiß; nach dem Mittagessen geht sie ins Oberhaus, und sie geht tatsächlich die Hälfte der weiten Strecke von Little Venice bis Westminster zu Fuß. Auf Vorschlag von Tony Blair wurde die vielfach preisgekrönte Bestsellerautorin 1997 zur Adeligen auf Lebenszeit ernannt. Als Wappentier hat sie den Eisbären gewählt, für ihren Titel, Baroness Rendell of Babergh, den Bezirk ihrer Wahlheimat Suffolk. Was sie allerdings schon das eine oder andere Mal bereut hat: Kein Mensch, zumindest kein englischer, kann Babergh richtig aussprechen. Ein Problem, das die meisten Deutschen schon mit ihrem eigentlichen Namen haben – Rendl spricht der sich.

Ins House of Lords zu kommen, das ist für sie „eine große Ehre“ und damit auch Verpflichtung. Baroness Rendell of Babergh ist eine treue Dienerin nicht nur ihres Staates, sondern auch ihrer angeschlagenen Partei. Die bekennende Linke hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Labour bei den nächsten Wahlen doch gewinnen könnte. Dogmatische Parteigängerin allerdings ist sie nicht. Eine ihrer besten Freundinnen, die nicht minder bekannte Krimiautorin P. D. James, sitzt ebenfalls im Oberhaus. Für die Torys. Der Freundschaft scheint das keinen Abbruch zu tun. Die beiden reden einfach nicht miteinander über Politik. Sie machen sie.

Ruth Rendell, deren Mann Parlamentsreporter war, hat dazu beigetragen, dass das Oberhaus eine sehr viel aktivere, lebhaftere Institution wurde, als sie es mal war. Sie nutzt ihren Sitz, um Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, Gesetze zu initiieren; so hat sie sich für die Gleichstellung von Schwulen stark gemacht, engagiert sich besonders im Kampf gegen Beschneidungen von Mädchen. Und sie nützt alle Kontakte im House of Lords, um Unterstützung für diverse wohltätige Vereine zu bekommen, die sich zum Beispiel darum kümmern, armen Familien zu besseren Wohnungen zu verhelfen.

Als Christin bezeichnet sich die Engländerin. „Eine Christin, die nicht an Gott glaubt – wie viele unserer Geistlichen.“ Das Alte Testament findet sie schaurig, mit der sozialen, menschlichen Botschaft des Neuen dagegen kann sie sich identifzieren. In die Kirche geht sie schon lange nicht mehr. Was sie dieser nicht verziehen hat, ist die Verhunzung der Sprache in der Neuausgabe des Gebetbuchs. „,The Book of Common Prayer’ war eins der schönsten Bücher der englischen Sprache. Sie haben eine totale Farce daraus gemacht.“ Aus demselben Grund schickt sie auch keine SMS, und wenn sie E-Mails schreibt, dann wie einen Brief, mit richtiger Anrede und Abschiedsgruß.

Ob die Arbeit im Oberhaus ihre Sicht auf Politiker verändert hat, auf diese Frage verweigert Ruth Rendell die Antwort. „I don’t think I am going to answer that question.“ Nach ihrem neuen, ebenso spannenden wie bösen, raffiniert gebauten Gesellschaftsroman zu urteilen, ist ihr Blick nicht freundlicher geworden. Hauptfigur ist ein junger, ehrgeiziger Tory, Abgeordneter im Unterhaus, der eine steile Karriere macht – wobei er gewissermaßen über Leichen geht. Nicht, dass er zum Mörder wird; aber dass er verwickelt ist in den Unfalltod seiner Geliebten, mit der er SM-Spiele treibt, dazu bekennt er sich nicht.

Erst am Ende des Buches passiert ein Mord, eher beiläufig, fast zufällig, wie so oft bei der Krimiautorin. Was sie viel mehr interessiert als Gewalt und Totschlag, sind die Menschen, die Motive ihres Handelns (den „Whodunit“ habe sie in einen „Whydunit“ verwandelt, hieß es einmal), ihre Beziehungen, der Kosmos der Familie, die britische (Klassen-)Gesellschaft.

„Das Geburtstagsgeschenk“ ist unter dem Namen Barbara Vine erschienen. Das Pseudonym hat Rendell sich in den 80ern zugelegt, weil sie noch andere Romane schreiben wollte als die mit ihrer berühmten Figur Reginald Wexford, Ermittler im Kleinstädtchen Kingsmarkham. Sie wollte, so sagt sie, sich nicht verstecken, sondern darauf hinweisen, dass das zweierlei Bücher sind. Für die Vine-Romane braucht sie länger, schon weil sie ihren Serienhelden so gut kennt, seit 46 Jahren. „Ich weiß, wo er wohnt, mit wem er verheiratet ist, wie er redet.“ Ja: „Wexford bin ich“, sagt sie und lacht. „Wir haben uns zusammen entwickelt.“ Auch wenn es ein paar Kleinigkeiten gibt, die sie von ihrem Alter Ego unterscheiden: Er trinkt Rotwein, sie lieber einen Sauvignon. Er achtet immer auf seine Figur. Sie nicht. Zum Mittagessen ordert sie einen Salat mit Roquefortsauce, danach Heilbutt, ein Glas Riesling dazu.

In England ist der letzte Wexford im Herbst erschienen. Dass er der allerletzte bleiben soll, woher dieses Gerücht kommt, weiß sie auch nicht zu sagen. Das sei so wie mit der Geschichte, sie hätte sich vom Honorar für ihren allerersten Krimi einen Sportwagen gekauft. Für 75 Pfund! Mehr hat die Debütantin 1964 nicht gekriegt. Und das reichte gerade für Bettwäsche und eine Armbanduhr für ihren Mann. Ihren ersten, der dann auch ihr zweiter wurde. Sie hatte sich von ihm scheiden lassen, um dann festzustellen, dass sie doch ziemlich gut zusammenpassen. Einen erwachsenen Sohn hat sie auch. Und eine Katze, „die ist Herr im Haus“.

Im Erfinden von Zeitungsgeschichten hat Ruth Rendell selber Erfahrung. Als junge Journalistin berichtete sie von einer Veranstaltung, auf der sie gar nicht war, was herauskam, weil einer der Redner dabei starb. Das war das Ende ihrer journalistischen Karriere. Als Schriftstellerin ist sie sorgfältiger bei ihren Recherchen. Dabei erweist sich das House of Lords als außerordentlich hilfreich. Unter den Peers sind viele Experten, in der Bibliothek kann sie auch von außerhalb alles ordern, was sie braucht. Sie könnte sogar die Mitarbeiter bitten, für sie zu recherchieren. Aber dazu hat sie zu große Skrupel. Ruth Rendell ist eine Dame mit weißer Weste.

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