Frauen und Männer : Steinmanns Odyssee

Kurt Steinmann übersetzt Homer – und wird dafür gefeiert. Aber er hat noch 15 693 Verse der Ilias vor sich. Verzweiflung? Kennt er nicht. Über seinen Alltag zwischen Altgriechisch und der kranken Mutter, die er nie verließ

Erwin Koch

Neulich rief doch einer aus Deutschland an, nannte sich Professor der Altphilologie, Universität soundso, und fragte, an was er, Steinmann, gerade sitze, welches Antikenwerk er im Begriffe sei zu übersetzen, denn er, Professor Doktor soundso, wage nicht, das Gleiche zu tun, weil so schön und vollkommen sei, was aus Steinmanns Filzstift fließe, und derzeit keiner die Kunst der gehobenen Traduktion besser begreife als er, Kurt Steinmann, 6015 Reussbühl bei Luzern.

Steinmann, Gymnasiallehrer in früher Rente, fährt sich durchs schwere Haar.

Eitel genug sei man ja, sagt er im 65. Jahr seines Lebens, die Zurückhaltung des deutschen Gelehrten als Lob zu deuten, zumal kaum eine Zunft auf Erden sich besser darauf verstehe als die der Philologen, einander zu beäugen und zu belauern, ein kleinster Fehler nur, und der werde einem zum Strick.

Eine Neidgesellschaft, klagt Steinmann und stützt sich am runden Tisch, der leise ächzt, achter Stock an der Eichenstraße.

Dass, im Vergleich zum Bisherigen, eine noch präzisere und auch ansprechendere Übersetzung von Homers berühmter Odyssee überhaupt möglich sei, sang die „Neue Zürcher Zeitung“ im Oktober 2007, hätte man bis dahin kaum für möglich gehalten.

„Die Zeit“ pries Steinmanns Werk als ein prächtiges Festmahl. Die „Weltwoche“ ortete gar eine Literatursensation und empfand Steinmanns Verse als unverbraucht hypnotisch.

Und schließlich, nach Besprechungen in 80 Zeitungen der weiten deutschen Welt, berief eine Jury der Leipziger Buchmesse den Reussbühler in den Kreis fünf Gesalbter, Bewerber um den Übersetzerpreis 2008.

Steinmann hat feine bleiche Hände, keine Falte im Gesicht, an der Wand eine Uhr, die nichts misst, auf dem Boden zwei, drei Teppiche, einer über dem andern, es ist warm in Steinmanns Bau, Zeitungen, Papiere, Bücher im Gestell, Bücher an der Wand, auf Tisch, Stuhl und Sofa, über der Stuhllehne ein paar Hemden und Jacken, eine über der andern.

Steinmann grinst.

Man teilt sich eine Flasche Wasser, leicht kohlensäurehaltig, und konversiert, der vermeintlich höheren Präzision zuliebe, statt in heimischer Mundart auf Schriftdeutsch.

Kennen Sie die Simpsons?

Steinmann lacht auf, dass der Stuhl knarrt.

Selbstverständlich kenne er die Simpsons, diese Zeichentrickfamilie aus Springfield, Amerika, wer kennt sie nicht?, eine Köstlichkeit, weil unanständig und frech, zudem wunderbar gezeichnet, ein Kunstwerk.

Es beleidigt Sie demnach nicht, dass der Vater der Familie, ein dümmlicher und feister Mensch, der wenig anderes ...

Dass der Homer heißt?

Genau.

Hochmut und Enge sind das Letzte, sagt Steinmann, was wir Sprachwissenschaftler uns leisten sollten.

Homer, der klassische, war der erste namentlich bekannte Dichter der griechischen Antike, vermutlich gegen Ende des achten Jahrhunderts vor Christus. Er gilt als Schöpfer der ältesten Werke der abendländischen Literatur, der Ilias, der Odyssee und einiger Hymnen.

Was, Herr Steinmann, bringt einen dazu, die Odyssee ins Deutsche zu übersetzen, nachdem dies schon 31 andere getan haben?

Steinmann blickt zum Fenster, dahinter der Friedhof, es regnet, es schneit.

Die Odyssee, bestehend aus 12 110 sechshebigen Versen, sogenannten Hexametern, aufgeteilt in 24 Gesänge, erzählt, wie Odysseus, der König der kleinen Insel Ithaka, nach zehn Jahren Krieg in Troja weitere zehn Jahre lang umherirrt, Abenteuer und Verführungen ausgesetzt, und schließlich, unerkannt als Bettler, die Heimat erreicht, sein Haus voller Männer findet, die Penelope, Odysseus’ treuer Gattin, nachstellen, und die, 108 an der Zahl, Odysseus schließlich ums Leben bringt.

Die Freude am Werk, sagt Steinmann, die Lust auf Homer habe ihn bewogen, sich der Odyssee zu nähern. Denn jedes Werk der Weltliteratur verdiene es, von Zeit zu Zeit neu übersetzt zu werden, selbst die Philologie entwickle sich ständig fort.

Er fährt sich durchs Haar und sagt: Und bei allem Respekt vor meinen Vorgängern, von Schaidenreisser, 1537, bis Hampe, 1979 – verbesserungsfähig, meine ich, waren sie doch alle.

Jetzt hört er ein Geräusch, ein Murren vielleicht, er drückt sich schnell vom Stuhl und eilt ans Bett der Mutter, 92-jährig, die er pflegt, seit sie nicht mehr gehen kann. Vor Jahren fand er sie hier auf dem Sofa, fast lahm und stumm, ein Hirnschlag, vor zwei Jahren fand er sie hier auf dem Boden, den Schenkel gebrochen.

Sie ist wunderbar, sagt er, meine Mama.

Alltäglich um halb acht trägt Dr. phil. Kurt Steinmann, in Rente seit sechs Jahren, seiner Mutter, die er nie verließ, das Frühstück ans Bett, hilft ihr, wenn nötig, beim Essen, bringt ihr die „Glückspost“ oder die „Frau mit Herz“, stellt, wenn sie es möchte, das Radio an, liest dann eine der vielen Zeitungen, die im Kasten liegen, „Neue Zürcher“, „FAZ“, „Die Zeit“, „Willisauer Bote“, bricht schließlich zum Einkaufen auf und trägt dann, kurz nach neun, ein zweites Frühstück zur Mutter, hilft ihr endlich ins Wohnzimmer, polstert ihren schmalen Rücken, schlägt sie ein, weil sie schnell friert, in Decken, und stellt einen elektrischen Ofen an und fragt, Mama, geht es dir gut?, Mama, hast du es warm genug?, bis sie nickt – und er sie streichelt.

„Dann eile ich an meinen Tisch in meinem Zimmer und beginne zu übersetzen, 15 Verse jeden Tag, zuerst im Kopf, dann schreibe ich sie nieder, schmecke sie ab, schreibe sie nieder mit schwarzem Filz, schmecke sie ab, bis ich glaube, nun seien sie gut, tippe sie dann in den Computer, sechs Stunden Arbeit für 15 Verse, 807 Tage für die Odyssee.“

In all den Jahren, da er nun schon übersetze – an die 30 Werke, Euripides, Sophokles, Sappho, Petronius, Erasmus von Rotterdam und einige andere – in drei Jahrzehnten sei es ihm darum gegangen, möglichst genau zu sein, präzise und treu, gleichsam dokumentarisch, ja, den Ausgangstext begreife er als Dokument, und der Leser, die Leserin habe ein Recht darauf, zu erfahren, was darin stehe.

Übersetzen, schiebt Steinmann über den Tisch, meint die tiefstmögliche Bekanntschaft mit einem literarischen Werk, Wort um Wort, Vers nach Vers, Lied für Lied. Intimeres gibt es nicht.

Übersetzen sei Einverleibung, Inkorporation, Übersetzen sei eine Sache der Transpiration und der Inspiration, Transpiration, also Anstrengung, erwirke Inspiration, Erleuchtung.

Steinmann trinkt einen Schluck, schiebt die Brille hoch, schlägt ein Bein über das andere: Im Grunde genommen ist es wie mit einer Frau – Sie kennen sie erst, wenn sie mit ihr geschlafen haben.

Steinmann lacht. Mama, ruft er, alles in Ordnung?

Herr Steinmann, gibt es Momente der Verzweiflung?

Verzweiflung weshalb?

Weil Sie, über einen Text gekrümmt, nicht weiterwissen.

Es gebe Krisen, sagt Steinmann, da sei man verhockt und verstockt, aber nie verzweifelt.

Da muss man hindurch, wie beim berühmten Kilometer 35 im Marathonlauf, wenn du glaubst, du seist am Ende der Kraft. Rennst du weiter, wirst du leicht und beflügelt.

Das Leichte, allenfalls Ekstatische erfuhr Kurt Steinmann, Sohn eines Rechtsanwalts in Willisau, Luzerner Hinterland, schon früh. Außer sich vor Freude tanzte er, zum Tanzen gerade fähig geworden, um den Weihnachtsbaum, bis er in den Armen der Mutter zusammensackte, erschöpft und bewusstlos. Jahre später war er Jugendmeister des Kantons im Weitsprung und Jugendmeister über 100 Meter, er spielte Fußball und Tennis, war Pfadfinder und Ministrant, ein Kämpfer in vielen Disziplinen.

Dann, in der dritten Klasse des Gymnasiums, 15-jährig, trat das Eigentliche in Steinmanns Leben, Griechisch. Der Lehrer, ein katholischer Priester, befahl seinen Schülern – es waren nur drei, die die Pein ertrugen –, zu Beginn der Lektion die neuen Vokabeln zu lesen, einmal nur, um sie dann zu kennen. Kannte einer sie nicht, ergoss sich der beißende Groll des Lehrers über ihn.

Pädagogisch katastrophal, sagt Steinmann, aber nachhaltig entzündend.

20 geworden, 1965, begann Kurt Steinmann an der Universität Zürich zu studieren, klassische Philologie und Germanistik, anderes stand nicht zur Debatte. Im Frühling 1971 schloss er sein Studium ab, Monate später war er Lehrer für Griechisch und Latein an der Kantonsschule Reussbühl bei Luzern und blieb es während 32 Jahren. Wieder wohnte er im Haus der Eltern im Hinterland, fast täglich reiste er in die Stadt, unterrichtete, fuhr am Abend zurück und feilte an seiner ersten Übersetzung, die ihm die Würde eines Doktors philosophiae versprach, nicht ein Schrieb von Vergil, Horaz, Cicero oder anderer Prominenz war ihm das Thema, sondern das Lied eines fast Unbekannten, die Gelesuintha-Elegie des Venantius Fortunatus.

Herr Steinmann, wer liest denn heute noch die Odyssee?

Steinmann streichelt mit der bleichen Linken die bleiche Rechte, er zögert und wartet, sagt schließlich: Athen gegen Springfield! – das ist in der Tat die Frage!

Steinmann zupft am weißen Schnauz.

Unabhängig davon, sagt er, dass seine Übersetzung, immerhin 150 Franken (knapp 100 Euro) teuer, 800 Mal verkauft worden sei, halte er die Odyssee für sehr aktuell und heutig, denn Odysseus, der Held des Epos, entfalte Eigenschaften, die dem Idealtypus der modernen Gesellschaft entsprächen.

Odysseus ist ein Trickser, er ist listig, schlau verschlagen, er passt sich überall und immer an, bei Gelegenheit greift er zu einer Lüge, er schwindelt und übertreibt, ist allzeit auf seinen Vorteil aus, Odysseus laviert sich durch die Welt und erreicht auf diese Weise sein Ziel.

Wie Homer Simpson?

Steinmann lacht und schweigt.

Bereits im ersten Vers sei er, Steinmann, von seinen vielen Vorgängern abgewichen. Die hätten den Kriegsveteranen Odysseus vielgewandert genannt, er aber, um Homers Intention zu treffen, wandlungsreich – Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es / abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.

Odysseus, sagt Steinmann, handelt nicht unmoralisch, sondern amoralisch, er ist ein durch und durch zerrissener Mensch.

Zieht es Sie, nach 30 Jahren des Übersetzens, nie zur Dichtung?

Dichtung brauche Fantasie oder Lebenserfahrung, wehrt Steinmann ab, ihm mangele an beidem.

Im Jahr 1981, der Vater war gestorben, verließ Steinmann mit seiner Mutter das Hinterland und zog nach Reussbühl, achter Stock an der Eichenstraße, sie setzte ihm das Essen hin, wenn er von der Schule kam, freute sich an seinen Büchern und Preisen, die er erhielt, Werkpreis der Luzerner Literaturförderung für Übersetzungen und essayistische Arbeiten, Werkpreis Pro Helvetia, Kulturpreis der Stadt Willisau, Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern, bis er sie hier auf dem Sofa fand, fast lahm und stumm, ein Hirnschlag.

Alltäglich um zehn Uhr am Morgen hilft Dr. Kurt Steinmann seiner Mutter ins Wohnzimmer, polstert ihren schmalen Rücken und fragt, Mama, hast du es warm genug?, bis sie nickt – und er sie streichelt.

Dann tritt er an seinen Tisch in seinem Zimmer und beginnt zu übersetzen, Homers anderes großes Werk, die Ilias, 15 Verse jeden Tag, zuerst im Kopf, dann schreibt er sie nieder, schmeckt sie ab, schreibt sie nieder mit schwarzem Filz, bis er glaubt, nun seien sie gut, tippt sie endlich in den Computer, sechs Stunden Arbeit für 15 von 15 693 Versen, 1047 Tage für die Ilias, Hieb um Hieb, Schlacht nach Schlacht, Gott für Gott, Abgabetermin: 2018.

Homer: „Odyssee“. Aus dem Griechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann, Nachwort von Walter Burkert, Illustrationen von Anton Christan. Manesse-Verlag, Zürich 2007. 448 Seiten, Leinen gebunden, im Schmuckschuber, 89,90 Euro.

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