Frauen und Männer : Voll schlank!

Für viele Frauen zwischen 40 und 65 sind sie Superstars: Die drei Damen vom Teleshopping. Formende Unterwäsche ist ihr Verkaufsschlager. Pro Sendung setzen sie 25 000 Stück ab. Ein Studiobesuch

Dreigestirn aus dem Ruhrpott: Nicole, Daniela und Patricia (von links) präsentieren einen ihrer Schlankstütz-Bodys.
Dreigestirn aus dem Ruhrpott: Nicole, Daniela und Patricia (von links) präsentieren einen ihrer Schlankstütz-Bodys.Foto: Andreas Heddergott

Dani posiert mit nichts als Unterwäsche am Leib, und wenn sie mit der Fußspitze auftippt, schwingt der Oberschenkel ein bisschen nach. „Dani hat zwei erwachsene Söhne, einen hervorstehenden Magen und Orangenhaut um den Bauch rum. Sehen Sie: schuckeldi, schuckeldi“, sagt ihre Schwester Nicki und krabbelt mit ihren Airbrush-Kunstnägeln in Schwarz-Rot-Gold Danis weiches Bindegewebe. Dani trägt nur Größe 38/40, B-Körbchen, aber Nicki verrät: „Auch bei ihr geht so manches nach Süden, wie bei uns allen.“ Jetzt kommt’s: Dani schnappt ihr Bauchröllchen, zieht den Slip hoch, das Top runter und drückt den Speck dezent nach Norden, Osten und Westen weg – mit dem „Angebot des Tages“: Spaghetti V-Top mit Blütendruck plus Bauchcontrol-Slip .

Jeder, der möchte, kann hier beim An- und Auskleiden zusehen. Die halbnackte Wahrheit ist Teil einer Verkaufsshow beim Sender HSE 24, mehrmals wöchentlich, immer live. Die Damen stehen vor zartblauer Kulissenwand, vor zwölf Plastik-Torsi, auf denen sich Miederwäsche spannt: Multifaser-Komfortgarn, atmungsaktiv, bi-elastisch. Die Teile gehen weg wie nix. Doch der wahre Kracher sind die Frauen, die sie präsentieren.

Das quergemusterte Slinkykleid zieht Dani nur zu Demonstrationszwecken über: Kunstfaser gleitet ungebremst über gestraffte Formen. „Hier fällt alles wieder locker-flockig“, sagt Nicki. „Vorher sah unsere Dani aus wie Wurst in Pelle, wie ein aus der Form geratenes Streifenhörnchen. Jetzt sitzt der rechte Mops wieder in der Push-up-Zone. Die Taille geformt, der Unterbauch mitgenommen, der Po geliftet. Der Bockwurst-Effekt im Achselbereich ist weg. Das ist wieder feminin, das ist wieder ästhetisch!“ Und Patricia, im Trio die Chefin, hält am Studiotresen schon die komplette Farbpalette überm Arm: petunie, rosengelb, heidelbeere, aqua, mauve, haut, champagner und so weiter. Nach nur fünf Minuten sind drei Farben nur noch begrenzt da. „Ganz ehrlich“, sagt die Moderatorin, „das sind limitierte Auflagen. Was weg, das weg.“

Die drei Schwestern aus dem Ruhrpott bringen dem Shoppingsender aus München-Ismaning Jahresumsätze in zweistelliger Millionenhöhe – mit formender Unterwäsche, Markenname: „Schlankstütz“. Vom „Angebot des Tages“, einem Sonderposten unter vielen Modellen pro Sendung, gehen zwischen 25 000 und 27 000 Stück weg. In zehn Jahren verkauften sich Bustiers, Tops, Slips, Bodys und Pantys fünf Millionen Mal. Wer an ihrem TV-Marktstand vorbeischaut, bleibt kleben: Zuschauerinnen aus Deutschland und Umgebung, nicht mehr ganz jung, zwischen 40 und 65. Die Damen aus Dortmund, die den Speckweg-Effekt ungeniert am lebenden Objekt zeigen, sind ihre heimlichen Stars.

Die Fangemeinde beherrscht das Schlankstütz-Vokabular. Sie weiß, was die Raffung am Push-up-Top soll und dass die „Unterbrustfunktion“ BH-Bügel ersetzt. Sie kapiert, dass ein PU-R-Spaghetti-Body ein Teil mit Rundhals-Ausschnitt und Trägerchen ist, wünscht sich verstärkte Rippstrickzonen, wo der Leib gern in die Breite geht, und das Drei-Haken-und-neun-Ösen-System am Zwickel. Nicht jede kauft sofort. Viele wollen einfach zugucken, ungläubig erleben, wie Frauen, die aussehen wie sie, ihre Problemzonen in die Kamera halten, um sie dann für die Außenwelt wegzumogeln.

Denn so viel unsichtbare Stütze macht stolz. Vati weiß, wie Mutti drunter aussieht, aber drall geformt präsentiert er sie lieber, na, und Mutti sich auch, weil dank formender Wäsche das Weichteile-Beben bei jedem Schritt ausbleibt. „Schatzi, deine Mädels kommen“, ruft der Gatte in die Küche und legt was drauf aufs Haushaltsgeld, wenn Nicki sagt: „Wenn der Bauch weiter vor steht als der Busen, dann is schon was verkehrt. Aber da kann man doch was machen!“

Die dritte Sendung an diesem Montag ist für das Trio gelaufen, jetzt auf eine Zigarette raus hinters Studio, Plaudern mit den Technikern. Jeder kennt sie hier: Patricia, 51, die Souveräne, die Managerin – liebes Lächeln, warme Stimme, blonde Löckchen zum Tuff gesteckt. Ihr Privatleben ist so geordnet wie das Familienunternehmen: 37 Jahre verheiratet, zweifache Mutter, seit zwei Jahren Oma. Daniela, 46, die Zuverlässige. In der lauten Sendung ist die Brünette das stille Model mit Hausfrauencharme. Im Privatleben geschieden, zwei erwachsene Kinder, liiert mit neuem Lebenspartner. Nicole, 41, Workaholic, in der Show das Verkaufsgenie mit den lockeren Sprüchen. Ein bisschen Sexy-Hexi, privat die Chaotin, die sich immer in die falschen Männer verliebt hat. Geschieden, zwei Kinder, noch immer auf der Suche nach dem Richtigen. Und Zeit für Dates bleibt keine.

Vier lange Wochenenden im Monat sind sie zwei bis vier Stunden live auf Sendung plus Mottoshows alle vier Monate plus Extra-Auftritte je fünf bis sieben Stunden, auch ab null Uhr. Patricias Mann kutschiert das Team zwischen Dortmund und München. Das Zehn-Meter-Wohnmobil parkt hinterm Studio. Der Chauffeur wartet mit dem Abendessen auf seine Mädels. Es gibt Gulasch.

Die Mieder-Marktlücke hat die Schwestern zu gut verdienenden Frauen gemacht, jede verdiene so um die 5000 Euro netto, sagt Patricia. Das lässt Platz für bürgerliche Wünsche: Dani finanziert für sich und die Kinder die Eigentumswohnung mit Garten auf Raten. Nicki träumt vom Zweifamilienhaus – so wäre auch ihre über 70-jährige Mutter versorgt. Patricia plant den Ruhestand mit 62, will „irgendwo in Ruhe leben mit ein bisschen Geld auf der Tasche“.

Den Erfolg haben sie Papa zu verdanken. Er gab den Töchtern das Rüstzeug mit für die Branche: Selbstvertrauen, Organisationstalent, Fleiß, Mundwerk. Ein fliegender Händler. Patricia war 14, als sie lernte, mit Marktschreiertalent auf der Hannovermesse Reinigungsmittel zu verticken. „Bei uns zu Hause herrschte Redefreiheit, daher haben wir das.“

1995 folgte die Gründung der gemeinsamen GmbH „Wiener Kosmetikum“. Die Produktpalette: Aromawickel gegen Cellulite, Nahrungsergänzung. Die „Stützhose mit massiver Wirkung“ kam wenig später hinzu, sie passte ins Profil. Ein Verkaufsschlager wurde es erst, als HSE 24 die Schwestern vor zehn Jahren unter Vertrag nahm – mit knallhartem Stückzahl-Gewinnanteil für den Sender. Die Mieder sollten bieder präsentiert sein, bloß kein Cellulite-Bein auf dem Bildschirm! Geht nicht, sagten die Schwestern und perfektionierten die Präsentation. Dani übte drei Monate auf Stöckelschuhen in der Wanne vorm Badezimmerspiegel, 140-Den-Höschen elegant über Bauch und Schenkel zu streifen. Der Sender wurde einsichtig. Je freizügiger Dani, desto besser die Verkaufszahlen. Eine der ersten Anruferinnen sagte: „Hut ab, Frau Daniela, was Sie uns zeigen, finden wir ganz toll!“ Und Dani sagte Tschüss zum Schamgefühl.

Die 3000 Miederhosen der ersten Sendung waren mit Gongschlag zwölf durch. Heute lässt die Firma 400 unterschiedliche Schlankstütz-Modelle fertigen, Größe S bis XXXL. Was Kundinnen kritisieren, wird verbessert. Nicht Schneiderpuppen tragen neue Designs Probe, sondern die Packerinnen im Betrieb. Das Familienunternehmen ist auf 50 Mitarbeiter angewachsen. Alle lieben sich. Und Papa ist mit 75 Jahren noch immer dabei.

Die Familiengeschichte spricht die Kundschaft an. Wenn Christl – 68 Jahre, Größe 50, eine alte Freundin der Familie – die schlankgestützte Doppel-D-Büste ins Bild hält und beim Anblick ihres Vorher-Fotos sagt: „Boah, ey, mit den normalen BH sieht dat so, ich sach ma, beschissen aus!“, johlt die Kundschaft, sendet gereimte Dankschreiben, schickt Dani ein Etui für die neue Brille und Nicki ein Stirnband gegen den Schweiß. Opa aus Iserlohn macht einmal im Jahr die vier Kilometer zu Fuß und kauft Oma einen Schlankstütz-Badeanzug ab Fabrik.

Neulich hat eine Kundin einen Pokal geschickt. „Für die vier goldenen Schlankstütz-Mädels“ steht drauf. „Seit ich Euch kenne, ist mein Leben anders geworden“, schreibt sie im Brief. Das Dreigestirn aus dem Pott weiß, wieso. Bei ihnen gibt’s Bodys plus Botschaft: Normale Frauen können sich was trauen, die älteren und die dicken, die von ihren Männern verlassenen und die ewigen Ja-Schatz-Sager. Mensch, sagen die Schlankstütz-Mädels: „Mag dich doch selbst!“

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