Frauen & Männer : Was Indien liebt

Sie ist der weibliche Star von Bollywood. Kajol über die hohen Kinopreise in Indien, Sex auf der Leinwand – und warum sie keinen Chauffeur hat.

Stefanie Flamm
Eine Szene aus „Hochzeit auf Indisch“ von 1998; in der Mitte: Kajol. Der neue Film der 34-Jährigen, „My Name is Khan“, startet diese Woche in den Kinos.
Eine Szene aus „Hochzeit auf Indisch“ von 1998; in der Mitte: Kajol. Der neue Film der 34-Jährigen, „My Name is Khan“, startet...Foto: defd

Frau Devgan, man hört, dass sich indische Fans Ihr Gesicht auf den Unterarm haben tätowieren lassen. Gefällt Ihnen das?

Es gibt verrückte Menschen in Indien! Tätowierungen sind sehr schmerzhaft. Mein Mann hat sich vor ein paar Jahren einen Shiva auf die Brust stechen lassen und dabei sehr gelitten. Dass Menschen so etwas für mich machen, ist eine gruselige Vorstellung. Ich bin ja nicht Shiva.

Viele Inder machen offenbar keinen großen Unterschied zwischen den Göttern ihrer Vorfahren und Filmgöttinnen wie Ihnen. Kürzlich hat die Polizei zwei junge Männer aus Kaschmir aufgegriffen, die illegal über die Grenze wollten. Bei den Vernehmungen sagten sie, sie seien auf einer Pilgerreise zu einem Bollywood-Star.

Ich treffe oft Menschen, die weit gereist sind, um mich zu sehen. Das freut mich natürlich. Es zeigt mir auch, was für eine Verantwortung ich habe. Alles, was ich mache, wird kommentiert, auf die Goldwaage gelegt. Das habe ich schon 1995 nach meinem ersten großen Film „Dilwale Dulhanie Le Jayenge“ gemerkt ...

„Wer zuerst kommt, kriegt die Braut“ ist einer der erfolgreichsten Bollywood-Filme.

Kurz nach dem Filmstart war ich im Auto auf dem Weg in die Stadt. Da hielt neben mir ein Lkw und der Fahrer schaute mich an wie eine geliebte Tochter, die gerade einen großen Blödsinn macht. Da habe ich begriffen: Kajol, von jetzt an stehst du unter Beobachtung.

Sie fahren selbst Auto? Die indische Oberschicht hat gewöhnlich einen Fahrer, was bei dem Höllenverkehr in Mumbai ja auch ratsam ist.

Ich liebe es, hinter dem Steuer zu sitzen, das lasse ich mir nicht nehmen. Ich fahre zum Einkaufen, zum Essen, ins Kino, nehme Verwandte oder Freunde mit. Menschen, die einen für eine Göttin halten, sehen das natürlich nicht gerne. Es zeigt, dass ich auch nur ein Mensch bin, mit ganz normalen Bedürfnissen.

Shahrukh Khan, Ihr Partner in Ihrem neuesten Film „My name is Khan“, hat kürzlich Fans empört, als er vorschlug, Sportler aus dem muslimischen Kaschmir in die indische Cricket-Nationalmannschaft aufzunehmen. Es kam in ganz Indien zu Ausschreitungen, Kinos wurden zerstört, Khan konnte sein Haus wochenlang nicht verlassen. Hätte er besser den Mund gehalten?

Shahrukh kann sagen, was er will. Es ist nur schade, dass diese Affäre den Start unseres Films überschattet hat.

Hatte die Empörung auch etwas mit dem Film zu tun? „My Name is Khan“ ist wahrscheinlich der politischste Film, der je in Bollywood gedreht wurde.

„My Name is Khan“ ist ein ungewöhnlicher Film, da gebe ich Ihnen recht. Er berührt viele Themen, für die sich das indische Kino lange nicht zuständig fühlte.

Er handelt von einem indischen Paar in Amerika, einer Hindu und einem Moslem. Kurz nach dem 11. September wird ihr Kind vom patriotischen Mob erschlagen, die amerikanischen Freunde wenden sich ab. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um darin eine Parallele zur antimuslimischen Stimmung zu sehen, die Indien erfasst hat. Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Drehbuch lasen?

Ich dachte nur: „Oh, mein Gott!“, und fragte den Regisseur, ob ihm klar sei, was er da mache. Doch Karan Johar war sich seiner Sache sehr sicher. Er ist ein guter Freund und hat mich davon überzeugt, dass Indien reif ist für diesen Film.

Es geht darin nicht nur um den Islam. Der Hauptdarsteller ist geistig behindert. Er leidet am Asperger-Syndrom, einer leichten Form von Autismus.

Das Asperger-Syndrom ist keine Behinderung! Wenn man auf Menschen trifft, die damit umzugehen wissen, kann man damit ein ganz normales Leben führen. Asperger-Patienten sind oft sehr intelligent, aber unfähig zu abstraktem Denken, zu Ironie oder Smalltalk. Sie nehmen alles wörtlich. Im Film gibt es diese wunderbare Szene, in der das indische Paar zum Essen eingeladen ist. Die Gastgeberin fragt: „Schmeckt’s euch?“ Der Mann antwortet: „Nein, das ist das schlechteste Hühnchen, das ich je gegessen habe.“ Alle lachen, denn er hat natürlich recht.

Hat das indische Publikum diesen Khan akzeptiert?

Die Inder lieben ihn. Ein Bollywood-Held muss nicht perfekt sein, darf Schwächen und Macken haben. Das Publikum soll nicht zu ihm aufschauen müssen, es soll sich mit ihm identifizieren.

Wir sprechen von „Bollywood“ – viele Inder aber lehnen diese Bezeichnung ab.

Ich habe mich über diese Bezeichnung früher auch sehr geärgert. Es klang abwertend, so als seien wir bloß die schlechte Kopie von Hollywood. Dabei entstammen wir doch einer ganz anderen Tradition, die übrigens viel älter ist als die amerikanische. Doch seitdem unsere Filme auch im Ausland erfolgreich sind, hat das Wort „Bollywood“ keinen negativen Beigeschmack mehr. Es ist ein Markenzeichen geworden, es steht für große Gefühle, wunderbare Choreografien, viele Farben, opulente Bilder.

Was ist der größte Unterschied zu Hollywood?

Indische Filme sind Filme für die ganze Familie.

Es gibt keinen Sex darin, wollen Sie das sagen?

So sind wir nun mal. Sex ist in unserer Kultur nicht vorgesehen, wir sprechen nicht darüber, wir zeigen ihn nicht. Sinnlichkeit transportieren wir im Kino über die vielen Lieder und Tänze. Den Rest muss man sich denken.

Gerade die Tänze sind oft ziemlich eindeutig. In Bombay wurden vor ein paar Jahren Table-Dance-Bars geschlossen, weil die Damen dort Bollywood-Choreografien nachtanzten. Den Sittenwächtern war das zu anzüglich.

Diese Bars wurden nicht wegen der Bollywood-Choreografien geschlossen. Das hatte andere Gründe. Bollywood-Tänze und -Musik sind in Indien überall. In meiner Jugend haben wir noch viel britische und amerikanische Musik gehört, jetzt haben wir unsere eigene Popkultur.

Als Bosch India kürzlich in Chennai einen deutschen Filmabend für seine indischen Mitarbeiter veranstaltete, kam es zum Eklat. Der Grund: Die aus westlicher Sicht völlig harmlosen Liebesszenen in „Erbsen auf halb sechs“, einer Liebesgeschichte zwischen zwei blinden Menschen. Hätten Sie denn auch den Saal verlassen, als die Hüllen fielen?

Hm, ich schaue aus beruflichen Gründen westliches Kino an, vieles gefällt mir. Aber ich möchte nicht gerne in einem Film mitarbeiten, für den meine Landsleute sich schämen müssen. Kino ist immer noch das wichtigste Freizeitvergnügen der Inder. Andere Nationen treiben Sport, gehen in die Natur, sitzen im Kaffeehaus. Wir hatten lange nur Cricket und das Kino.

Die Zahlen lassen die westlichen Filmindustrien grün werden vor Neid: 1000 neue Filme im Jahr, 12 000 Kinos, viele davon mit mehr als 1000 Sitzen. Die Inder scheinen jeden Tag ins Kino zu gehen.

Das ändert sich gerade. Durch die neuen Multiplexe, die nun überall eröffnen, ist Kino auch in Indien teuer geworden. Ein reguläres Ticket kostet bis zu 500 Rupien, und wenn Sie 10 000 Rupien verdienen und mit Ihrer ganzen Familie hingehen, ist das richtig viel Geld. Diese Entwicklung hat auch ihre guten Seiten: Die Leute verlangen nach besseren Filmen, sie wollen ein Kino, das etwas mit ihrem Leben, mit ihren Problemen zu tun hat.

Heißt das, Bollywood verabschiedet sich vom alten Erfolgsrezept: Zwei Menschen, die nicht füreinander vorgesehen sind, verlieben sich, überwinden alle Hindernisse und kommen am Ende doch zusammen?

Es ist wird viel experimentiert. Wie gesagt, das Publikum ist anspruchsvoller.

Es gibt Leute, die behaupten, das alte Bollywood sei Ausdruck der indischen Rückständigkeit gewesen: belanglose Filme, die die ungebildeten Massen bei Laune halten sollten. Wofür steht das neue Bollywood?

Ja, Rückständigkeit ist ein großes Problem: 35 Prozent der Inder können nicht schreiben und lesen, in manchen Gegenden sind es sogar 70 Prozent. Aber mit dem Kino hat das nichts zu tun.

Sondern?

Die Gründe sind oft furchtbar banal. Das macht mich wütend. Familien schicken ihre Kinder nicht in die Schule, weil sie gehört haben, dass es dort keine Mädchentoiletten gibt. Oder sie sagen: Der Weg ist zu weit. An solche Dinge denkt man als Mittelschicht-Mutter nicht. Man fragt sich nur, was ist die beste Schule? Ohne Bildung wird man kein vollwertiges Mitglied der modernen Welt, das geht gar nicht. Und die Unterschicht hat Angst vor dem Schulweg! Es ist so einfach, dagegen was zu unternehmen, einen Bus zu organisieren, Toiletten zu bauen.

Sie haben eine Tochter. Was bedeutet es, ein Mädchen im heutigen Indien zu sein?

Früher wünschten die Menschen sich Söhne, weil nur der Sohn sich im Alter um sie kümmerte. Die Töchter kosteten ein horrendes Geld an Mitgift und gingen weg. Aber auch das verändert sich. Im modernen Indien sind die Jungs oft nicht in der Lage, ihre Eltern im Alter zu ernähren. Das ist gut für die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Eltern haben heute sehr viel weniger Macht über ihre Töchter als noch vor zehn Jahren.

Dennoch: 70 Prozent aller indischen Ehen werden immer noch von den Familien arrangiert.

Aber auch bei arrangierten Ehen müssen die Kinder heutzutage zustimmen. Man kann so ein Arrangement ablehnen. Jeder zweite Bollywood-Film handelt davon, dass es möglich ist, diesem Arrangement zu entkommen, wenn man wirklich will.

Wurde Ihre Ehe arrangiert?

Nein, wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt, wie moderne Menschen das so tun. Für meine Eltern war das eine Selbstverständlichkeit.

Ihr Mann ist Filmproduzent, genau wie Ihr Vater. Ihre Mutter war Schauspielerin wie Sie. Ist Bollywood eine eigene Kaste, wie der Autor Shashi Taroor mal gesagt hat?

Das ist eine hübsche Metapher, mehr nicht. Bollywood ist moderner als der Rest von Indien, nirgends arbeiten so viele Muslime wie beim Film. Die Karriere von Shahrukh Khan ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben unsere eigenen Dos and Don’ts. Aber wir unterliegen nicht so strengen Regeln wie zum Beispiel die Brahmanen. Dass ich Schauspielerin geworden bin wie meine Mutter, war reiner Zufall. Ich wollte das nicht, als Kind habe ich immer gesagt: Mama, ich möchte nicht so viel arbeiten wie du.

Was wollten Sie werden?

Ich hatte mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Als ich mit 16 aus dem Internat kam, erhielt ich das Angebot, in einem Film mitzumachen. Ich sagte zu, um das mal auszuprobieren. Dann habe ich einfach weitergemacht.

Könnten Sie sich vorstellen, außerhalb Indiens zu arbeiten?

Ich brauche bei der Arbeit das Gefühl, dass dies der beste Film ist, den ich je gedreht habe. Im Ausland wurden mir bisher nur Nebenrollen angetragen. Doch wenn Hollywood mir mal was Ordentliches anbietet, warum nicht?

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