Frauen & Männer : Wenn die Liebe baden geht

Von wegen: schöne Ferien! Denn jede dritte Scheidung ist nach dem Sommerurlaub fällig. Warum das gemeinsame Verreisen für viele Paare zum großen Problem werden kann

Das Problem auf dem Foto ist genau genommen nicht Helge*, sondern die arme Schildkröte. Das Bild zeigt Helge im Pazifischen Ozean. Auf dem Kopf trägt er ein ramboartiges Bandana, ein Bikertuch. Eine Hand reckt er zum Victory-Zeichen in den makellos blauen Himmel, mit der anderen hält er mühsam eine verstört strampelnde Riesenschildkröte im Schwitzkasten. Das Foto hat, Helges keuchend hervorgestoßenem Befehl folgend, Anne* aufgenommen – damals noch seine Freundin.

Wer verstehen will, was die Schildkröte mit der späteren Trennung von Helge und Anne zu tun hat, der muss mehr sehen als dieses Bild. Der muss Helge sehen, vier Wochen lang im Mexikourlaub und durch Annes Augen. Anne erklärt, was sie auf dem Foto erkennt: Helges nicht existentes Feingefühl (sowohl für Schildkröten als auch für andere Lebewesen), seine komplette Ignoranz Regeln gegenüber, seinen vollkommen übersteigerten Ehrgeiz, seine Gier nach Beifall und Anerkennung.

Als Teil einer Touristengruppe waren sie damals aufs Meer gefahren, um mit den Schildkröten zu tauchen. Das funktionierte so, dass der Bootsführer die fast tauben und blinden Tiere, die ihre Köpfe aus dem Wasser reckten, packte und in die Hände eines Touristen gab, der mit ihnen hinabtauchen konnte. Helge aber verwickelte seine Schildkröte unter Wasser in eine Rangelei, aus der er als Sieger hervorging, und als er mit dem Tier wieder an die Oberfläche kam, stieß er ein lautes Triumphgeheul aus, während der Bootsführer wütend herumbrüllte. Anne schaudert es heute noch bei dem Gedanken daran.

In allerlei Zeitschriften wird zu Beginn der Sommersaison geraten, nicht mit zu hohen Erwartungen in den Urlaub zu fahren, ruhig zu bleiben, sollten sich Unterkunft und Büfett als Katastrophe und die Tischnachbarn als Idioten entpuppen. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass man zwar nicht glücklicher aus dem Urlaub heimkehrt – aber auch nicht gleich als Single.

Dabei wird laut einer Studie des Abaris-Instituts für Psychotherapie jede dritte Scheidung in Deutschland nach den Sommerferien eingereicht. Auch Paartherapeuten berichten von zwei Zeitpunkten, an denen sie plötzlich besonders gefragt sind: nach Weihnachten – und eben nach dem Sommerurlaub, der vermeintlich schönsten Zeit des Jahres. Aber warum eigentlich?

Das erwähnte Schildkrötenfoto findet sich in einer Kiste, die mit „Urlaubsbilder 2004–2008“ beschriftet ist. Anne hat sie heute hervorgeholt. Sie sitzt in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg und erinnert sich an die Mexikoreise mit Helge, ihrem ersten richtig langen gemeinsamen Urlaub. Sie war damals Anfang, er Ende 30 – und beide waren seit knapp zwei Jahren ein Paar. Auf den Ferienbildern hat Anne ihren zierlichen Körper in helle, weite Gewänder gewickelt und die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Der schlaksige Helge ist oft mit bloßem, knallroten Oberkörper zu sehen, unrasiert und mit Trekkingsandalen an den Füßen.

„Natürlich“, sagt Anne, „war die Sache mit der Schildkröte isoliert betrachtet keine Katastrophe.“ Der Urlaub allerdings geriet zu einer Abfolge von Situationen, in denen sie Helges Verhalten beschämend fand. Die Aggressionen wurden immer stärker. Und irgendwann wusste sie, dass es für sie mit diesem Mann keine Zukunft geben würde.

Selbst wenn am Ende der gemeinsam verbrachten Ferien keine Trennung steht: Schwierig ist so ein Urlaub für viele. Bei einer Umfrage der Uni Bremen gab ein Viertel der Befragten an, Streit mit dem Partner habe den Urlaub verdorben. Und das Fachorgan „Psychotherapie“ zitiert eine Studie des Instituts für Psychologie in Rom, für die mehr als 400 Urlaubs-Ehekrisen analysiert wurden. Demnach ist jedes dritte italienische Paar vom „Ehepartner-Stress“ betroffen; hauptsächlich Ehemänner (insbesondere zwischen 30 und 40 Jahren), die nicht damit klarkämen, typisch weibliche Beschäftigungen wie Kinderhüten und Einkäufe erledigen zu müssen. Die Folgen: Kopfweh, Muskelschmerzen, Ausschlag, Appetitlosigkeit. Ein britischer Experte warnt vor allem vor dem dritten Urlaubstag, an dem gehäuft seelische und körperliche Krisen aufträten. Ein Zwischentief drohe zudem an den Tagen sieben bis zehn.

Natürlich muss es nicht so schlecht laufen. Reinhold Schmitz-Schretzmair hat sich für die „Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie“ intensiv mit dem Einfluss von Urlaub auf Paarbeziehungen beschäftigt. Er glaubt, dass gemeinsame Ferien den Verlauf einer Beziehung entscheidend prägen können – auch im Positiven. „Bei Paaren, die im Alltag so gestresst sind, dass aus Nähe Genervtheit geworden ist, kann ein Urlaub mit gutem Essen, schönem Ambiente und viel Zeit für Sex erfrischend wirken“, sagt der Psychologe und Paartherapeut. Und: „Bei manchen Paaren verdichtet der Anblick makelloser Körper am Strand die Sehnsüchte nach lange Vergangenem“, sagt Schmitz-Schretzmair. „Wenn dadurch wieder über Bedürfnisse geredet wird, ist das eine Chance, auch im Alltag wieder intensiver auf den anderen einzugehen.“ Paare, die sich noch nicht so gut kennen, könnten durch die gemeinsamen Erlebnisse eines Urlaubs, in dem sie zum ersten Mal völlig aufeinander bezogen sind, sogar zusammengeschweißt werden.

Eben jener totale Bezug aufeinander wird aber zum Problem, wenn in der Beziehung bereits viel im Argen liegt. So war es auch bei Anne und Helge. Sie hatte, sagt Anne, schon geahnt und in Ansätzen erlebt, welche von Helges Eigenschaften problematisch werden könnten. Dass er sehr sparsam war und oft eine Spur zu aufdringlich die Rampensau gab. „Urlaub funktioniert wie ein Katalysator, er verstärkt durch die große Nähe und Intimität bestimmte Tendenzen“, sagt Schmitz-Schretzmair. So könnten neue, unangenehme Bilder des Partners entstehen, die sich nicht wieder löschen lassen.

Schmitz-Schretzmair hat es in der Praxis aber meist mit einem anderen Problem zu tun. Zu ihm kommen Paare, deren jahre- oder jahrzehntelange Routine durch den Urlaub aufgebrochen wurde. Und plötzlich ist klar, dass man sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat. Laut Studien sprechen deutsche Paare täglich im Durchschnitt nur acht bis zehn Minuten miteinander – im Urlaub fällt das noch stärker auf. Jeder Ferienort, egal auf welchem Kontinent, ist Bühne für diese traurige Szene: das schweigende Paar. Im Restaurant sitzen sie nebeneinander, die Frau vielleicht mit einem Glas Weißwein, der Mann mit einem Bier. Wenn sich zwischen ihnen auch noch giftfarbene Cocktails mit glitzernden Plastikflamingos befinden, die in krassem Widerspruch zur Stimmung am Tisch stehen, dann wird es richtig beklemmend. Reinhold Schmitz-Schretzmair betont aber, dass es auf die Art des Schweigens ankomme. Ist es ein voneinander abgekehrtes Schweigen oder ein Schweigen in liebevollem Einverständnis?

Bei langen Beziehungen zeigt der Urlaub, was nicht mehr da ist; bei nicht so langen, was man eigentlich gar nicht sehen möchte. Anne hatte sich schon gedacht, dass Sensibilität und Fingerspitzengefühl nicht Helges größte Stärken sind, doch sie hatte ihre Ahnung ignoriert. So, wie sie seine Sparsamkeit auch nicht als Geiz sehen wollte.

Nun aber führte kein Weg mehr an den bitteren Erkenntnissen vorbei. An der Pazifikküste, in einer winzigen Strandbar in Mazunte, begann Helge, um umgerechnet 20 Cent zu feilschen, obwohl der Barbesitzer belegen konnte, dass die Guacamole-Preiserhöhung gute Gründe hatte; Helge bestand darauf, stets mit dem billigen Nachtbus zu reisen, wovor im Reiseführer wegen akuter Überfallgefahr ausdrücklich gewarnt wurde. Während sich Helge also vergnügt in der Holzklasse rekelte, fürchtete Anne bei jedem Halt eine Kalaschnikow im Gesicht. In einer Herberge entfachte Helge einen Streit um die Frage, ob die unsauber geführte Strichliste, mit der die Anzahl aus dem Kühlschrank entnommenen Getränkedosen dokumentiert wurde, aus fünf oder sechs Strichen bestand. In Puerto Escondido zwang er einen einbeinigen Jungen von etwa acht Jahren, der ihnen ihr Zimmer zeigte, das fleckige Laken durch ein sauberes zu ersetzen. Dabei, sagt Anne, habe man froh sein können, dass die verschlagähnliche Kammer überhaupt ein Bett aufwies. Helge gerierte sich in Annes Augen wie ein geiziger, unsensibler Pascha.

Natürlich gab es auch schöne Momente, wenn sie auf der Dachterrasse ihres Hotels saßen und sich mit Mezcal betranken. Die vielen unschönen konnten sie jedoch nicht aufwiegen. „Man muss herausfinden, ob so ein Verhalten der Situation geschuldet oder so tief im Charakter verwurzelt ist, dass man nicht mit diesem Menschen zusammen sein möchte“, sagt Reinhold Schmidt-Schretzmair. Es sei oft möglich, Probleme im Gespräch auszuräumen, sagt der Therapeut. Wenn aber wie im Fall von Helge und Anne derart eklatante Aversionen auftauchen, gebe es kaum Chancen, dass das Urlaubstrauma überwunden wird. „Der Partner ist hinterher sensibilisiert, selbst Anflüge des Urlaubsverhaltens werden ihm sofort auffallen und ihn stören.“

Beim Trennungsgespräch von Helge und Anne einige Monate nach dem Urlaub kam zu Annes Überraschung auch Helge auf Mexiko zu sprechen: auf Annes seiner Ansicht nach völlig übersteigerte Ängstlichkeit, ihre unentspannte Art und ihre Angewohnheit, in heiteren Situationen ständig die miesepetrige Spielverderberin zu geben. Mexiko hatte nicht nur bei Anne Spuren hinterlassen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar