Frauen und Männer : Wir sind so frei

Die Liebe stirbt: Sex ist kein Tabu mehr, Partner gibt’s im Internet, und die Suche nach dem Glück findet kein Ende... Ein Essay von Sven Hillenkamp.

Sven Hillenkamp
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Sven HillenkampFoto: Marijan Murat

Man stelle sich vor! Die Liebe stirbt aus. Sie verschwindet wie Absolutismus und Sowjetsozialismus, wie die Ohnmachtsanfälle der Frauen, die Hysterie der Massen, das Unbehagen in der Kultur. Mehr noch als andere Phänomene wird die Liebe sich als historisch erweisen. Als Besonderheit, die mit ihren Bedingungen kommt und geht. Die Liebe wird wieder sein, was sie einst war. Ausnahme, Seltenheit. Die Liebenden werden wieder, wie Millionäre oder Rollstuhlfahrer, zu einer kleinen Minderheit. Die Mehrheit aber wird die Ekstasen und Tragödien der Liebe in Filmen und Romanen verfolgen wie die Mehrheit des Theaterpublikums einst, im 16. und 17. Jahrhundert, die Liebe auf der Bühne. Tief berührt, doch ahnungslos.

LEBEN MIT EINEM HOLOGRAMM

Ein Mann lebt seit drei Jahren mit einer Frau zusammen. Sie haben sich kennengelernt über eine Internetseite, die der Partnersuche dient. Die Frau ist 28, der Mann 34. Eines Tages fällt der Frau ein, dass ihr Profil noch im Internet steht: zwei Fotos und der Text, den sie über sich und ihre Erwartungen an eine Partnerschaft geschrieben hatte. Die Frau geht online. Als sie die Fotos sieht, aufgenommen während einer Reise durch Vietnam, hat sie das Gefühl, zwischen der Person auf den Fotos und ihr liege eine Ewigkeit. In diesen drei Jahren, denkt sie, sei sie erwachsen geworden. Sie sucht nach seinem Profil, lacht, als sie die Fotos sieht. Er hat noch kein graues Haar, die Augen sind groß und traurig, wie die eines Kindes, das man in der Fußgängerzone hat stehen lassen. Dann sieht sie den kleinen Sendemast, der rechts oben auf der Seite blinkt. Als er nach Hause kommt, hat sie alle Entscheidungen getroffen. Er sagt, es sei nur ein Spiel gewesen, ein Zeitvertreib. Er habe sich nie mit jemandem verabredet. Er habe nur die Nachrichten gelesen, nicht einmal geantwortet. Doch sie weiß, dass er während der drei Jahre, die sie ein Paar gewesen sind (sie haben über Kinder gesprochen, den Kauf einer Wohnung, den Umzug in eine andere Stadt), weitergesucht hat. Sie sagt: „Du hast weitergesucht. Während ich mit dir geredet habe, während ich dich geküsst habe, warst du gar nicht da. Ich habe drei Jahre mit einem Hologramm geredet. Du warst die ganze Zeit über an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Ich bin ein Versuch für dich gewesen, nicht einmal das, ein Provisorium. Du hast dich in meiner Liebe, in unserem Leben aufgehalten wie in einem Wartezimmer.“ Er streitet es ab. Doch irgendwann sagt er in die Stille: „Da war eine Sehnsucht, nach einer Frau … Ich weiß es auch nicht.“

DIE BEDINGUNGEN DER LIEBE

Nie zuvor in der Geschichte waren Liebeshoffnung und Liebeserwartung der Menschen so groß. Nie zuvor war das Glück, das sie ersehnten und suchten, so weitgehend deckungsgleich mit Liebesglück. Die Epoche der romantischen Liebe ist nicht Vergangenheit, sondern – gemessen an ihren Bedingungen – angelangt auf ihrem Höhepunkt. Die Voraussetzungen für die Liebe scheinen besser denn je. Die Menschen begegnen immer mehr Menschen. Sie sind frei, zu wählen. Sie wissen, was sie wollen. Kein gesellschaftlicher oder kultureller Unterschied scheint für die Liebe noch ein Hindernis aufzurichten. Nicht nur die Männer, auch die Frauen leben ihre sexuellen Bedürfnisse frei aus. Die gewerbsmäßige, zur Industrie gewachsene Partnervermittlung über das Internet erzeugt eine größtmögliche Auswahl von Sex- und Lebenspartnern, ermöglicht eine maschinelle, computergestützte Suche. Die Idee der Liebe wird durch keine andere Idee, keine Struktur mehr beschränkt. Sie ist absolut, unbegrenzt. Die Liebe verschwindet im Moment ihres historischen Triumphes.

DAS ERSTE NICHTLIEBESLIED

Im Jahr 1967 bringt der Engländer Engelbert Humperdinck die Single „Release Me (And Let Me Love Again)“ auf den Markt. Bis dahin hatte es zwar unzählige Liebeslieder gegeben und unzählige Lieder, die von fehlender Liebe und Trennung handeln – doch immer aus der Sicht des Ungeliebten, des Verlassenen. „Release Me“ ist der erste Song, der einen Trennungswunsch ausspricht, der Trennung und fehlende Liebe aus der Sicht des Trennungswilligen behandelt. Der Song klingt wie ein Liebeslied. Doch er handelt von Nichtliebe und – von der nächsten Liebe: „Please release me, let me go / For I don’t love you anymore / To waste our lives would be a sin / Release me and let me love again.“ Der Song steht 65 Wochen auf Platz eins der britischen Charts. Er erobert auch die Hitparaden in anderen Ländern. Es ist die Zeit, in der die Scheidungsraten, wie man sagt, explodieren. Noch gelten Trennung und Scheidung als verpönt. Der Song spricht aus, was viele denken – und bald auch tun werden.

REVOLUTION OHNE UMSTURZ

Es ist die größte Revolution seit Entstehung von Kapitalismus und Demokratie. Doch sie ist unbemerkt geblieben. Sie folgte keinem Umsturz, keinem Wechsel der Regierung, nicht der Erfindung einer neuen Technik. Dennoch sind die Folgen für das Leben der Menschen handfest, für manche sind sie tödlich. Die Gesellschaft hat sich ebenso verändert wie einst im Übergang vom Mittelalter zur Moderne. Im Mittelalter hatte der Mensch einen festen Platz in einer gesellschaftlichen und göttlichen Ordnung. In der Moderne stand der Mensch im Konflikt mit der gesellschaftlichen und göttlichen Ordnung. Er behauptete sich gegen sie, wälzte sie um, wuchs über sie hinaus. Wenn er von Freiheit sprach, meinte er eine Freiheit, die sich gegen eine Ordnung behaupten musste. Beide, Mittelalter und Moderne, sind Zeiten eines Miteinanders gewesen, eines Bezogenseins auf andere, in Liebe oder in Feindschaft und Kampf. Im Mittelalter lebte der Mensch weitgehend in Harmonie mit den anderen, seinen Herren und Untertanen, seinem Gott. In der Moderne kämpfte er mit den anderen – seinen rebellischen Untertanen, seinen tyrannischen Herren, einem paradoxen, irrsinnigen Gott. Jetzt ist der Mensch allein. Das heißt: Die Ordnung hat sich so gewandelt, dass es im Bewusstsein des Menschen jetzt ausschließlich auf ihn selbst ankommt. Der Mensch scheint frei, sich selbst zu wählen, die anderen zu wählen, die eigene Ordnung zu bestimmen. Er scheint unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Doch jeder Mensch versagt vor seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Keiner erreicht, was er erreichen könnte.

KÖRPERTEILE, ZEITABSCHNITTE

Die Menschen erinnern sich nie an einen ganzen Menschen, an eine ganze Begegnung oder Beziehung, sondern immer nur an Teile – an Körperteile, Zeitabschnitte, einzelne Gesten und Taten. Sie vergleichen einen Menschen nur mit dem Schönsten, Angenehmsten eines anderen: mit dem Haar des Ersten und den Küssen des Zweiten, mit der Zeit vom 23. Oktober 1995 bis zum Anfang Januar 1996 mit dem Dritten … Die Hydra ist eine Collage – aus Zeitfetzen, Körperfetzen, Handlungsfetzen. Sie besteht nicht aus allen Erinnerungen, nur aus ausgewählten. Sie ist also dreifach fiktiv: erstens als Möglichkeit der Summe, der Unendlichkeit – also alle möglichen Partner zu besitzen, alle in einem zu finden; zweitens als Möglichkeit der Rückkehr zu einzelnen Menschen und Begegnungen, obwohl diese längst der Vergangenheit angehören; und drittens als Möglichkeit der Teile der Teile, also als Möglichkeit eines (vollkommenen) Körperteils ohne den unvollkommenen Rest eines Körpers, einer (liebevollen) Handlung einer Person ohne den unerträglichen Rest des Handelns dieser Person, einer (schönen) Zeit mit einer Person ohne den Rest der Zeit mit ihr, der furchtbar war. Eine Frau sehnt sich also nach T.s Händen und D.s Mund im Winter mit R. …

DAS LEBEN ALS ROMAN

Die freien Menschen haben etwas Romanhaftes. Sie folgen der Logik ihres Lebens, wie Romanfiguren, unerbittlich, bis zur letzten Konsequenz. In Zeiten, da man seine Gefühle unterdrückte, man aus Gründen der Moral und Ehre am Alten festhielt, man nicht tat und tun konnte, was man wünschte und wollte, da hatte der Roman die Aufgabe, die Gefühle und den Willen der Menschen sichtbar zu machen, indem er von Menschen erzählte, die sie auslebten. Heute aber werden alle Romane von der Realität übertroffen. Die freien Menschen folgen ihren Gefühlen bis zum Schluss. Sie leben als Äußerstes ihres Innersten. Sie gehen bis an ihre Grenzen – und zeigen damit allen, wo ihre Grenzen sind. Sie machen Medienkarrieren. Sie leben in Ladenlokalen. Sie stellen ihre Stühle auf die Straße. Sie stellen ihr Innerstes aus. Sie wollen romanhaft lieben, doch romanhaft lieben sie nicht. Sie würden ihr Leben umwälzen für die Liebe. Sie sagen immer, was sie fühlen, sie schreien es heraus. Sie werden Mitglied in Liebesgruppen, Liebessekten. Sie nehmen an Orgien teil. Sie sind Mitglied in Orgienvereinen, Swingerclubs. Sie weigern sich, länger als eine Woche unglücklich zu sein – und trennen sich also. Sie weigern sich, länger als zwei Stunden ihre Sehnsucht auszuhalten – und haben Sex mit Unbekannten. Sie sitzen onanierend vor dem Computer. Die freien Menschen leben romanhaft und sterben romanhaft. Sie betreten in Armeekleidung eine Schule und schießen drauflos, sie steuern Passagierflugzeuge in die Hochhäuser einer Großstadt. Wären Romane denkbar, die eine größere Konsequenz entfalteten, deren Logik unerbittlicher wäre? Die Motive des Romans und die Motive der freien Menschen sind tatsächlich die gleichen: alle Fantasien zu realisieren, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Die freien Menschen sind Fantasienrealisierer.

LIEBE IN ZEITEN DER UNENDLICHKEIT

Die freien Menschen nehmen keine Auswahl, die sich ihnen bietet, als endgültig hin. Tiere stellen eine Auswahl möglicher Partner, die sie vor Augen haben, nicht infrage. Sie überschreiten diese nicht durch eine Suche an einem anderen Ort, schieben ihre Wahl nicht bis zum nächsten Jahr auf, in der Hoffnung, die Auswahl werde dann eine bessere sein. Menschen aber können wählen, weiterzusuchen. Die freien Menschen wissen, dass sie in ihrer Wahl nicht mehr beschränkt sind auf ihre Kreise, ihr Milieu. Denn sie haben unendliche Bewegungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Sie können jeden Kreis überschreiten. Ein Mensch, der nie weiß, nie wissen kann, wo sein endgültiger Platz in der Gesellschaft ist, welche Schicht die seine ist, welche Gehalts- und Berühmtheitsgruppe, welcher Heilungs- und Erleuchtungsgrad, welche Stadt und welches Land, der kann seine Suche nicht abschließen, sondern muss denken, dass seine Entwicklung, die gesellschaftlich-berufliche wie die therapeutisch-spirituelle, ihn womöglich noch in Gefilde und Sphären führen werde, in denen die Auswahl eine bessere sei, dass also jede Wahl unter den jetzigen Voraussetzungen eine voreilige, katastrophale sein müsse, es vielmehr gelte, abzuwarten. Es gehört zum evolutionären Programm vieler partnerwählender Säugetiere, die Entscheidung für einen Partner so lange wie möglich hinauszuzögern. Das Sprödigkeitsverhalten, wie Tierforscher sagen, also Warten auf etwas Besseres, ist durchaus vernünftig. Wenn es sich ins Unendliche verlängert, so deshalb, weil die Welt unendlich geworden ist. Es entspricht der Logik einer Welt, die das menschliche Maß überschritten hat – und damit die menschliche Logik ad absurdum, beziehungsweise ad infinitum führt. Die freien Menschen existieren in einem tückisch entgrenzten Lebensraum, der ihr evolutionäres Programm überfordert und austrickst. So einfach hatte die Liebe einst die Auswahl überwunden – durch Überblick. Vielmehr: durch das Gefühl des Menschen, seine Möglichkeiten absehen zu können. Der Mensch hatte den Eindruck, in seinem – räumlich und zeitlich begrenzten – Radius den für sich Besten gefunden zu haben. Liebe war nichts als ein Gespür für Grenzen. Wenn die Grenzen aber verschwimmen und verschwinden, geht das Gespür der Liebe in die Leere.

Die Texte auf dieser Seite sind leicht gekürzte Auszüge aus dem Buch „Das Ende der Liebe“ (22,90 Euro, 320 Seiten, Klett-Cotta), das diese Woche erschienen ist.

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