Zeitung Heute : Frauenabend

Sonja Niemann

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Meine Freundinnen A. und M. hatten ihren Besuch angekündigt. Wir kennen uns aus der Schule in der niedersächsischen Kleinstadt, haben unsere zweitbesten Jahre in Hamburg verbracht, mit A. habe ich mal in einer WG gewohnt. Ich freute mich sehr auf sie.

„Ihr habt euch sicher viel zu erzählen“, sagte Freund und Kollege Tilmann, „macht euch mal einen richtig netten Frauenabend.“

Er sagte tatsächlich Frauenabend. So ein Wort weckt bei mir ganz unangenehme Assoziationen, die mit üblen Klischees zusammenhängen. Ich sehe mich am Frauenabend mit hundert kreischenden Frauen in der Veranstaltungshalle einer mittelgroßen Stadt mit einem Glas billigen Prosecco in der einen Hand und einem übergroßen Polyester-BH in der anderen, den ich in Richtung einer öligen Männerstripgruppe werfe. Oder ich sitze am Frauenabend mit meinen Freundinnen auf dem Retrodesignsofa und trinke teuren Prosecco, während wir uns unsere neuen Schuhe vorführen und dann einen kompletten DVD-Schuber „Sex and the city“ anschauen (eine Sendung, die wahrscheinlich von viel mehr schwulen Jungs als von Frauen geguckt wird).

„Ich mach’ keinen Frauenabend“, sagte ich. „Ich mag keinen Prosecco, habe keine neuen Schuhe, finde ölige Muskelkörper unerotisch und ‚Sex and the city’ doof. Da kaufe ich lieber einen Kasten Beck’s und wir gucken…“ „Boxen?“ fragte Tilmann. – „Äh, vielleicht lieber Beverly Hills 90210.“

Aber dazu kam es nicht. Wir hatten uns zu viel zu erzählen. Erst waren wir im netten Restaurant „Chez Gino“, wo man abends wieder problemlos einen Platz bekommt, seit dankenswerterweise ein Stadtmagazin der Küche die Wertung „zwiespältig“ gegeben hat.

Gegen 2 Uhr gingen wir dann auf eine Party bei irgendwelchen Schwaben in Friedrichshain, um dort einen weiteren Bekannten zu treffen. Die Schwaben schmissen uns alle nach einer halben Stunde raus, weil wir nicht eingeladen waren. Schade. Die Party war zwar genauso langweilig wie „Sex an the city“. Aber der Prosecco war ganz gut.

Vergessen Sie viel gelobte TV-Serien und Partys in Friedrichshain. Besser als sein Ruf ist dagegen das Restaurant „Chez Gino“, Wrangelstr.43, Kreuzberg.

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