FRAUENDOPPELSibylle Lewitscharoff und Juli Zeh : Strick und Strafe

Gregor DotzauerD

Was für ein schandmäuliges Engelchen sich doch hier durch die Welt schimpft. Nachsicht hat die Erzählerin von Sibylle Lewitscharoffs Roman „Apostoloff“ nicht einmal mit dem eigenen Vater. Wozu auch? Er, der Frauenarzt mit dem strahlenden Namen Kristo, hat sich frühzeitig aus der Verantwortung für die Familie gestohlen und sein Leben an einen Strick gehängt. Der Hass auf ihn konkurriert nur noch mit dem Hass auf das Land, dem er entstammt und das sie gerade zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester durchquert.

„Apostoloff“ (Suhrkamp) ist ein aus der eigenen halbbulgarischen Herkunft geborenes Vatersuchbuch, ein Schwestereifersuchtsbuch, ein Bulgarienverachtungsbuch, in erster Linie aber ein quecksilbriges Sprachgespinst, das in einem fortwährenden Austausch zwischen den Regionen des Materiellen und des Spirituellen den Vater im Himmel mit dem Vater auf Erden konfrontiert und die Ich-Erzählerin zur Vermittlung gerne über Engel nachdenken lässt. Die kreuchen hier allerdings mehr, als dass sie fleuchen. Zur Buchpremiere im „Studio LCB“ des Literarischen Colloquiums (Ausstrahlung auf Deutschlandfunk am 28.2., 20.05 Uhr) gesellt sich mit Juli Zeh nun eine Schriftstellerin an Lewitscharoffs Seite, die auf ihre Art ebenso fantasiereich erzählt – nur dass „Corpus Delicti“ (Schöffling) eine düstere Science-Fiction-Vision von einer Gesundheitsdiktatur im 21. Jahrhundert ist. Auch Zeh stellt Geschwister in den Mittelpunkt: Die Biologin Mia versucht ihren Bruder Moritz vor einer Verurteilung wegen einer angeblichen Vergewaltigung zu bewahren. Das Gespräch mit dem Frauendoppel führen Denis Scheck und Ijoma Mangold. Gregor Dotzauer

Literarisches Colloquium, Do 26.2., 20 Uhr, 5 €/3 €

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