Frauenfußball : Die Traumfabrik

Die Sportschule Potsdam bildet Stars von morgen aus: 124 Olympiamedaillen haben hier ihren Ursprung. Längst gehen auch Fußball spielende Mädchen auf dieses Internat. Nur für ein oder zwei pro Jahrgang reicht es für die Profikarriere. Eine Reportage

Wenn Rosalie gefragt wird, ob sie glücklich ist, fällt ihr die Sache mit den Joghurts ein. „Ein Kühlschrank mit abschließbaren Fächern wäre schön“, sagt sie dann. Wenn man jeden Tag drei Stundenlang trainiert, kilometerweit läuft und Gewichte stemmt, bekommt Essen eine andere Bedeutung. Dann hört der Spaß schon mal auf, wenn eine andere sich an den  eigenen Vorräten bedient. Ein Gemeinschaftskühlschank kann also eine echte Herausforderung sein. Das war eine der ersten Lektionen, die Rosalie in ihrem neuen Leben  gelernt hat. Glücklich sei sie natürlich trotzdem, beeilt sie sich hinterherzuschieben, weil, die Sache mit dem Joghurt sei doch inzwischen verjährt.

Nun, so ganz kann das noch nicht stimmen. Rosalie, 1,58Meter groß, weißblondes, kinnlanges Haar, wohnt erst seit zehn Monaten in dem bunt bemalten Potsdamer Hochhaus, in dem Schmetterlinge und Fotos verschwitzter Körper an den Flurwänden kleben. Hier muss sie sich seitdem Kühlschrank, Dusche und Zimmer teilen. „Mit Annalena ist es okay“, sagt Rosalie und schielt zu ihrer Mitbewohnerin hinüber. Dann lachen beide, Annalena und Rosi, zwei 13-Jährige, die sich bestens verstehen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Annalena ist eine ruhige Natur, pflichtbewusst und kontrolliert. Rosi ist eine Meisterin des Chaos, selbstsicher und impulsiv, en bisschen vorlaut zuweilen. Ws sie verbindet, ist der  gemeinsame Traum: eines Tages als Profifußballerin auf dem Rasen zu stehen. Und in den vergangenen zehn Monaten sind die beiden der Verwirklichung dieses Traums ein ganzes Stück näher gekommen.

Seitdem klingelt ihr Wecker um 6.55 Uhr und noch einmal um sieben, dann steht Annalena auf, macht sich fertig, treibt anschließend Rosalie an, von der meistens nur ein Fuß zu sehen ist. Einer mit Ringelsocke oder ein nackter, denn eine verliert sie immer im Lauf der Nacht. Der Rest von Rosi liegt begraben unter Kissen und Kuscheltieren, von denen es in den Regalen über ihrem Bett etliche gibt. Daneben steht ein kleiner, überladener Schreibtisch, hängt eine Pinnwand voller Freundschaftsbekundungen: ein Kinderzimmer auf 14 Quadratmetern in der fünften von 14 Etagen, Nordseite. Doch spätestens beim Frühstück weicht alles Kindliche von Rosi: Dann beginnt für sie und Annalena ein mehr als  zehnstündiger Arbeitstag. Training, Schule, noch mal Training, noch mal Schule – „damit kommen wir klar“, sagen die Mädchen. Das tun sie, mit einer für ihr Alter ungewöhnlichen Selbstdisziplin und Eigenverantwortung. „Die braucht man hier auch“, sagt der Schulleiter.

Die Eliteschule des Fußballs

Die Sportschule Potsdam ist eine prestigeträchtige Institution: 124 olympische Medaillen, mehr als die Hälfte davon goldene, haben Schüler und Absolventen bisher errungen, dazu zahlreiche nationale und internationale Titel. Seit 1995 wird hier auch der Nachwuchs von Turbine Potsdam ausgebildet, dem amtierenden Deutschen Meister im Frauenfußball.

Rund 50 Mädchen, acht in jeder Klassenstufe, haben ihr Leben dem Fußball verschrieben. Sie haben Freunde und Familie zurückgelassen und sind ins Internat gezogen, auf das Gelände der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule, die seit frühen DDR-Zeiten sportbegabte Schüler fördert. Es ist ein großzügiges, schönes Gelände, mit viel Grün und direkt am Templiner See gelegen. Ein eigener Kosmos: Vom Wohnheim zum Schulgebäude, zur Mensa und zum Fußballplatz sind es nur wenige Meter. Straße und Innenstadt fühlen sich dagegen meilenweit entfernt an. In der Regel gibt es für die Schülerinnen aber auch keinen Grund, das Grundstück zu verlassen.

„Die Großen tun das ab und zu“, sagt Rosalie und meint die Neuntklässlerinnen, die schon mal shoppen gehen, abends nach dem Training, oder zu McDonald’s. In der neunten Klasse hat Rosi auch ihr größtes Vorbild, Cheyenne Ostermann, echte Berlinerin aus Wedding mit eigener Website und bereits in derU17. Gelegentlich trainieren Cheyenne und Rosi zusammen, und wenn sie einander in der Kantine begegnen, sorgt Rosi dafür, dass sie sich grüßen. Abends schickt Rosalie „Chey“ SMS in den 14. Stock, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Potsdamer St. Nikolaikirche hat. Sie schreibt Sätze wie „Scheiß Spiel heute, ne?“ oder fragt, ob sie mal hochkommen und das Internet benutzen dürfe.

Weshalb sie die zwei Jahre ältere Cheyenne bewundert? „Die spielt schon hammermäßig“, sagt Rosi. Außerdem sei sie echt nett. Was sie nicht sagt: „Chey“ ist auffallend hübsch. Und damit hat sie hier durchaus Vorbildfunktion.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben