Frauennetzwerke in Nahost : In guten Händen

Firmengründerinnen in Palästina müssen sich gegen viele Widerstände durchboxen, haben aber einen starken Mitstreiter.

Nur 19 Prozent der palästinensischen Frauen gehen einer Arbeit nach. Der Verein Business Women Forum Palestine will das ändern.
Nur 19 Prozent der palästinensischen Frauen gehen einer Arbeit nach. Der Verein Business Women Forum Palestine will das ändern.Foto: imago/ZUMA Press

Alte, knorrige Bäume drängen sich an den Hängen der Hügel. Die Gegend rund um die Stadt Nablus in der Westbank ist bekannt für ihre Olivenhaine. Seit Jahrhunderten wird hier Seife hergestellt, aus natürlichen Stoffen und – wie könnte es denn anders sein – gepresstem Olivenöl.

Keine vier Kilometer von Nablus entfernt, im Dorf Asira Al-Shamaliya, übte sich auch Ikhlas Sawalha an ihrem Küchentisch in diesem Handwerk. Die besonderen Rezepturen für ihre Heilseifen hatte die Wissenschaftlerin in einem Unilabor entwickelt. „Ich wollte damit etwas Geld für meine Familie dazuverdienen“, sagt Sawalha. Heute führt sie mit Siba Soap eine große Fabrik in der Industriezone von Jericho. Manche Träume wachsen eben wie Seifenblasen.

Doa Wadi kennt viele solche Erfolgsgeschichten. Sie ist Chefin des Business Women Forum Palestine (BWF), einer Non-Profit-Organisation, die palästinensischen Frauen den Einstieg ins Geschäftsleben erleichtern soll. Die Idee wurde vor zehn Jahren nach einer Konferenz in Tunis geboren. Erfolgreiche palästinensische Unternehmerinnen kamen dort mit Frauen aus der Region zusammen, um sich über ihre Chancen auszutauschen. Dabei stellte sich heraus, dass Palästina und Libanon die einzigen Länder waren, wo kein organisiertes Netzwerk für Firmengründerinnen existierte. Zurück in Ramallah gründeten sie einen Verein, anfangs mit nur sieben Mitgliedern. Inzwischen sind es 3500. „Und jeden Tag kommen neue hinzu“, sagt Wadi.

Palästina hat die weltweit niedrigste Erwerbstätigkeitsquote von Frauen

Networking, Erfahrungsaustausch, und Know-how-Transfer stehen im Fokus der Arbeit. „Wir müssen mehr Platz für Frauen in der Wirtschaft schaffen“, sagt Wadi. Und das ist in Palästina dringend notwendig. Denn obwohl sich langsam ein Wandel abzeichnet, ist die Arbeitswelt nach wie vor von den Männern dominiert – mit erdrückender Mehrheit. Der Frauenanteil bei den Beschäftigten lag 2015 bei 19,6 Prozent (bei den Männern waren es 71,1 Prozent), so das Palästinensische Zentralbüro für Statistik (PCBS).

Das ist eine der weltweit niedrigsten Erwerbstätigkeitsquoten. Zum Vergleich: In den EU-Ländern sind 62 Prozent der Frauen berufstätig. Bis zum Jahr 2020 sollen sogar 75 Prozent aller 20- bis 64-Jährigen über eigenes Einkommen verfügen.

BWF stärkt die Solidarität unter Frauen. Denn sie müssen sich gegen viele Widerstände durchboxen. „Wir sind ihre Stimme“, sagt Wadi. Dabei geht es nicht nur um kulturelle Hindernisse. Eine große Herausforderung sei etwa der Zugang zu Finanzierung.

„Wir setzen uns dafür ein, dass Frauen überhaupt an Kredite bei den Banken kommen“, sagt Wadi. In Palästina keine Selbstverständlichkeit. Dabei sei für junge Firmengründerinnen oft allein schon die Miete unbezahlbar. Ikhlas Sawalha weißt das nur zu gut. Sie baute ihre Firma ohne Startkapital auf. Um Rohstoffe für die erste kleine Produktion zu bekommen, tauschte sie Sachen. 2010 trat sie dem BWF bei. Das war der Wendepunkt ihrer Karriere, sagt sie.

"Ohne die Anleitung von BWF wäre ich nicht so weit gekommen"

Im gleichen Jahr etablierte der Verein das Business Development Center (BDC), einen „technischen Arm“ der Organisation. Das BDC soll Gründerinnen von Start-ups und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) dabei unterstützen, marktfähige Produkte zu entwickeln und einen eigenen Betrieb aufzubauen. Ist die eigene Geschäftsidee ausgereift? Wie vermarkte ich meine Produkte? Wie kommuniziere ich mit Kunden? Wie komme ich an das nötige Geld? Zu all diesen Fragen bietet BDC regelmäßig Schulungen und Seminare.

Auch Ikhlas Sawalha sitzt bei den Coachings dabei und holt sich Rat. Gemeinsam mit Marketingexperten entwickelt sie neue Verpackungen für ihre Heilseifen. Außerdem motiviert sie BWF dazu, ihr kleines Unternehmen zu registrieren.

Irgendwann fasst sie den Mut. „Ich eröffnete eine kleine Manufaktur direkt neben meinem Haus“, sagt sie. Inzwischen hat ihre Firma elf Sorten im Angebot. Alles natürliche Seifen aus Olivenöl mit Honig, Kamelmilch oder Schlamm aus dem Toten Meer. „Ohne die Anleitung und Beratung von BWF wäre ich sicherlich nicht so weit gekommen“, sagt Sawalha.

Checkpoints und gesperrte Straßen erschweren den Handel

Nun ist sie für den nächsten Schritt bereit. „Ich möchte Siba Soap als ein internationales Label etablieren“, sagt sie. Doch genau hier liegt die weitere Hürde: Die politische Situation erschwert den Marktzugang. Durch die israelische Besatzung ist die Reisefreiheit der Palästinenser enorm eingeschränkt. „Wer nach Jerusalem will, braucht eine Ausnahmegenehmigung“, beklagt Wadi. Im gesamten Westjordanland gebe es Checkpoints, Kontrollpunkte und gesperrte Straßen.

Auch Exporte seien ohne Zustimmung der israelischen Behörden unmöglich. „Der einzige Weg ins Ausland führt über Jordanien“, sagt sie. Nur wer ein Visum habe, komme über die Grenze. Und das koste viel Geld – und Zeit. Deshalb übernimmt BWF auch diesen Teil. Der Verband kontaktiert die Behörden, besorgt Genehmigungen und stellt Dolmetscher zur Verfügung.

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Das Engagement trägt Früchte. Die BWF-Mitglieder konnten ihre Produkte schon auf Messen in New York und Mailand präsentieren. Jetzt kommen sie auch nach Berlin, auf die Bazaar-Messe. Und hoffen auf neue Kunden. Im Gepäck Schmuck, Kleidung, Accessoires und Kunsthandwerk. „Wir wollen keine Almosen, sondern eine faire Bezahlung für gute Arbeit“, sagt Wadi. Darauf legen sie viel Wert.

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