Frauentag : Die Buchstaben des Geschlechts

Frauen verdienen noch immer weit weniger als Männer, und sie sind immer noch, sagt ein Expertenbericht darüber hinaus, unterrepräsentiert in entscheidenden Positionen der Politik, des Erwerbsleben und des öffentlichen Lebens.

Caroline Fetscher

Wir leben im „Jahr der Kartoffel“. Das mag einigen entgangen sein, ist aber wahr. Ausgerufen haben es die UN in New York, die seit einem halben Jahrhundert jedem kalendarischen Jahr ein Motto verleihen. Es ist eine Weile her, da erklärten die UN das „Jahr der Frau“, das war 1975. Der Internationale Frauentag hingegen, den ein Gutteil der Welt wahrnimmt, kommt jedes Jahr. Wie es der Kalender vorsah, debattierte das deutsche Parlament diese Woche die Gleichstellungspolitik, parallel legte die Regierung ihren Fortschrittsbericht zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen vor, während alle Parteien, von der Linken bis zur FDP, auf ihre Weise Mängel bei der Umsetzung der Chancengleichheit beklagten.

Frauen verdienen noch immer weit weniger als Männer, und sie sind immer noch, sagt der Bericht darüber hinaus, unterrepräsentiert in entscheidenden Positionen der Politik, des Erwerbsleben und des öffentlichen Lebens. Abgelehnt hat der Bundestag den Antrag der Grünen, „Gleichstellung von Frauen und Männern in den Gremien des Bundes tatsächlich durchzusetzen“. Am Tag der Frau selber, am Samstag, dem 8. März, blickte dann eine Frau von den Titelblättern, die nun doch nicht an die Macht will und kann: Hessens Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti. Durchkreuzt hat die Pläne eine Frau aus ihrer Fraktion.

Das symbolische Kapital eines solchen Datums ist eingeschränkt, und „die Frau“ gibt es so wenig wie „den Mann“. Bestimmend für die Chancen weiblicher wie männlicher Individuen ist der Grad an politischer und damit auch emotionaler Freiheit, wie jede globale oder lokale Statistik belegt. Je demokratischer, säkularer und diskussionsfreundlicher eine Gesellschaft sich konstituiert, desto mehr Spielraum gewinnen alle, desto größer kann der Abstand zu primitiven Müttermythen und ethnisch geprägtem, patriarchalem Machtgebaren werden. Immerhin kandidiert im „Jahr der Kartoffel“ 2008 eine Frau für die Präsidentschaft in Amerika, und nicht nur in der Bundesrepublik steht eine Frau dem Kabinett vor. Mädchen hier wie dort erleben, selbst wo es noch eklatante Ungleichheiten und biologistische oder ökonomische Strategien zu deren Legitimation gibt, starke, weibliche Vorbilder.

Zugleich, wie Epochen entfernt, lernen etwa 65 Millionen Mädchen auf der Welt weder lesen noch schreiben und wissen als erwachsene Frauen nicht, wie sie sich vor Krankheit und Ausbeutung schützen können. Darauf wies Amnesty International am Frauentag hin. Solche Mädchen dürfen sicherlich Kartoffeln ernten – das Licht in ihrem Kopf anschalten dürfen sie nicht. In arabischen Staaten und in Afrika lassen Eltern Millionen ihrer Töchter, oft noch als Kleinkinder, unter dem Vorwand der „Tradition“ an den Genitalien verstümmeln. Dass eine Kampagne der deutschen Hilfsorganisation Wadi gegen solche Praxis im Nordirak dort gerade zu einem Gesetz führt, das diese absurde Grausamkeit verbietet, ist genau die Art von Durchbruch, der weltweit die Unterstützung von Demokraten verdient.

Denn an jedem Tag hat die Erkenntnis Gültigkeit, dass Demokratie und Frauenrechte einander bedingen. Nur wo das eine unterstützt wird, gedeiht das andere auch. Ein „Jahr der Demokratie“ haben die UN übrigens noch nie auszurufen gewagt. Dabei wäre es an der Zeit.

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