Zeitung Heute : Fred Perry, mein Vater und ich

Vor 70 Jahren wurde Fred Perry in Wimbledon zum Mythos. Die Geschichte einer großen Liebe zum Shirt.

Noe Noack

Als ihn die Krankenschwestern reinschoben, musste ich schlucken, und meine Freundin drückte meine Hand. Vor mir lag die Hülle meines Vaters, die Augen gebrochen, genau wie die Augen der Vögel, die gegen unser Wohnzimmerfenster geflogen waren und die wir dann im Garten beerdigten. Das Gebiss hatten sie ihm auch rausgenommen. Ich sah die Spuren, die der Herzinfarkt hinterlassen hatte: Hals und Nacken waren blau- schwarz. Jetzt erst glaubte ich wirklich, dass er tot war. Ein grauer, eingefallener Greis und nicht der 79-jährige Tennis-Senior, drahtig, agil, braun gebrannt, den alle immer jünger geschätzt hatten.

Eineinhalb Tage zuvor hatte ich ihn noch auf dem Tennisplatz beobachtet, bei den Vereinsmeisterschaften im Doppel-Halbfinale. Vier Tage später, bei den Internationalen Deutschen Seniorenmeisterschaften am Tegernsee, wollte er dann „richtig in Form“ sein. Zwei Stunden vor dem Doppelfinale, bei dem ihn der Herzinfarkt im ersten Satz erwischte, hatte er das Anmeldeformular noch zur Post gebracht.

Ich drückte meinem Vater einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Mach’s gut.“

„Fast so, wie er sich es immer gewünscht hat, einschlafen und nicht mehr aufwachen, so ist er halt auf dem Tennisplatz eingeschlafen, er hatte nur ganz kurz Schmerzen, nach der Spritze hat er nichts mehr gespürt, ich hab mit dem Arzt gesprochen“, beruhigte ich später meine Mutter. Nachdem der Tod festgestellt worden war, wollte sie ihn nicht mehr sehen. Sie hatte die Plastiktüte mit seinen Sachen angenommen und war nach Hause gegangen.

Ich fand die Plastiktüte im Keller auf der Waschmaschine, öffnete sie vorsichtig und hatte sofort den Schweißgeruch meines Vaters in der Nase. Feinkörniger Tennissand rieselte aus der Tüte. Feuchte Baumwollsocken mit roten Sandspuren fielen raus, dann fingerte ich nach dem verschwitzten Hemd und der Shorts. Es war sein Lieblingsoutfit von Fred Perry. Das klassische, weiße Polo- Hemd mit dem grünen Lorbeerkranz, am Rücken etwas länger geschnitten, die Shorts mit Bundfalte, dünnem Bund und blauem Lorbeerkranz.

Tausend Gedanken, Erlebnisse, seine geistige Verwandtschaft mit Fred Perry, den er 1994 kennen lernen durfte, all das schoss mir durch den Kopf. Ich weinte.

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, fiel mir ein Satz von Fred Perry ein, den mir mein Vater erklärt hatte, als ich mit zwölf Jahren zwar ein Tennismatch, aber nicht seine Gunst gewonnen hatte. Denn ich hatte mich nicht wie ein Gentleman aufgeführt, hatte geflucht, den Schläger geworfen und mein Fred-Perry- Hemd aus der Hose hängen lassen. „Es genügt nicht, zu siegen, du musst es mit Stil tun“, trichterte mir mein Vater ein. Mein Vater kam wie Fred Perry aus der Arbeiterklasse und hatte sich mit seinem Tennis Respekt verschafft. Der Underdog, dessen Leistungen über jeden Zweifel erhaben sind, den man aber immer spüren lässt, nicht richtig dazuzugehören.

Frederick John Perry kam 1909 in Stockport bei Manchester auf die Welt. Von seinem Vater, einem Labour-Politiker, bekam Fred Perry einen gebrauchten Tennisschläger geschenkt und qualifizierte sich für das Wimbledon-Turnier. Mit 18 Jahren gewann er den Weltmeistertitel.

Sechs Jahre später schockte Fred Perry die britische High Society, als er 1934 seinen ersten von drei Wimbledon-Titeln gewann. Nie zuvor war es einem Sportler aus der Arbeiterklasse gelungen, bei diesem prestigeträchtigen Tennisturnier, das bis dahin als die Domäne der Adeligen und reichen Snobs galt, zu triumphieren. Die Upper Class und die Vorsitzenden des Tennisklubs von Wimbledon waren geschockt und ließen Fred Perry spüren, dass hier der Falsche gewonnen hatte. Die Siegermedaille und obligatorische Wimbledon-Klubkrawatte wurde dem Arbeitersohn aus Stockport nicht feierlich verliehen, sondern verächtlich in die Umkleidekabine geworfen. Fred Perry zeigte der blasierten Oberschicht auf seine Weise den Stinkefinger: Das Preisgeld von 25 Pfund spendete er nicht wie üblich einer gemeinnützigen Einrichtung, sondern beschloss selbst der gute Zweck zu sein. Neben drei Wimbledon-Siegen in Folge gelang es Fred Perry als erstem Tennisspieler überhaupt, die drei anderen Grand-Slam-Turniere der Welt – in Melbourne, Paris und New York – zu gewinnen.

Ende der 30er Jahre ging Fred Perry als Tennisprofi in die USA und kehrte erst 1947 nach England zurück. Als Zuschauer in Wimbledon beschwerte er sich über die Kluft der Spieler, die in grünen Armeehemden auf dem Platz standen. Zusammen mit seiner Frau ließ Fred Perry 75 weiße Polohemden anfertigen und den Spielern schenken. Die Spieler wollten sich beim edlen Spender bedanken und kamen auf die Idee, als Emblem einen grünen Lorbeerkranz aufnähen zu lassen – in Anlehnung an den Siegerkranz den Fred Perry 1934 beim All England Cup gewonnen hatte.

Anfang der 50er Jahre begann dann der Siegeszug der Kult-Marke Fred Perry, für die sich auch langsam die Oberschicht zu interessieren begann. Sogar die Queen soll sich mal bei Fred Perry erkundigt haben, was denn an seinen Hemden so toll sein soll? „Hoheit, sie passen“, soll Fred Perry erwidert haben.

Solche Anekdoten, den britischen Humor, liebte mein Vater. Die Fred Perry- Geschichte hat er mir 1974 erzählt, als ich mein erstes Fred-Perry-Polo-Tennisshirt von ihm geschenkt bekam. Es war eines seiner alten Hemden aus den späten 50ern, der Klassiker in Weiß mit grünem Lorbeerkranz und am Rücken länger geschnitten. „Damit du nicht gleich nach dem ersten Aufschlag im Freien stehst“, wie mein Vater nie müde wurde zu betonen. „Die modernen Hemden kannst du alle vergessen, die Hersteller haben ja keine Ahnung was funktionsgerecht heißt, stattdessen denken sie sich ständig niveau- und stillosen Firlefanz aus, der sich dann Design schimpft.“ Bei Sportswear war mein Vater kompromisslos und konservativ bis auf die Knochen. Mit Ausnahme vereinzelter Lacoste-Polos ließ er nur Fred Perry gelten. Und obwohl die meisten Fred-Perry-Klamotten in den 70ern und 80ern unverschämt teuer waren und somit eigentlich einen Widerspruch zur Workingclass darstellten, kleidete mein Vater die Familie mit Fred Perry ein.

Mein Vater war aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im August 1945 nach Oberbayern zurückgekehrt. Als Waldarbeiter schlug er sich in den ersten Nachkriegsmonaten durch und half mit, die TU in München von Trümmern freizulegen, bevor er mit seinem Architekturstudium beginnen konnte. Gleichzeitig baute er eine Tischtennis-, Leichtathletik-, Ski- und Handballabteilung mit auf, um mit seinem ersten Tennisschläger aus dem Pfandleihhaus und der Broschüre „The Fred Perry Story“ seine wahre sportliche Bestimmung zu finden. Als „Spätberufener mit 24“, wie er immer ein wenig kokett bemerkte. Immerhin reichte es noch bis zur höchsten Tennisliga in Deutschland, der Oberliga.

Eigentlich war mein Vater sehr sparsam, aber bei Fred Perry „ließ er alle Vernunft fahren“, wie meine Mutter heute noch schmunzelnd erzählt. So machte er 1978 den einzigen Fred-Perry- Händler Deutschlands ausfindig, der eine spezielle Kollektion aus England importieren konnte. Am Heiligen Abend standen wir drei im neuesten Fred-Perry- Outfit unterm Christbaum: Meine Mutter in einem dunkelblauen Hochglanz-Trainingsanzug mit weißen Bündchen, dazu einen weißen Blouson mit Frottee-Innenfutter. Das Gleiche in Dunkelblau für meinen Vater, und ich bekam den Hochglanz-Trainingsanzug in Bordeaux. Wenn ich damit auf Punk-, Power-Pop und Skakonzerten in München auftauchte und darunter mein Original-Sixties-Fred-Perry-Polo trug, kam es vor, dass sich Mods und Skins vor mich hinknieten und mich anbettelten.

Allein für das Polohemd, das schon ganz durchsichtig vom vielen Waschen war, wurden mir bis zu 300 Mark geboten. No way! Schließlich war es das erste Fred-Perry-Shirt meines Vaters. Ich trug es mit Stolz, schon als 12-Jähriger, als ich damit in der von Adidas und Puma regierten Welt der Pausenhöfe und Sportplätze noch Außenseiter war.

Für meinen Vater war Tennis, ähnlich wie für sein Idol Fred Perry, ein faszinierender Sport, der aber von Funktionären gelenkt wurde, die Standesdünkel meist über Fair Play stellten. So wurde den beiden Finalisten bei den Deutschen Tennis-Senioren-Meisterschaften 1975 vom Deutschen Tennisbund Startplätze beim Veteranenturnier in Wimbledon versprochen. Einmal auf dem heiligen Rasen von Wimbledon spielen dürfen und dann die alten Helden und Idole wie Fred Perry, Rod Laver oder Ken Rosewall treffen!

Mein Vater glühte bei diesem Turnier. Nach einem dreieinhalbstündigen Drei- Satz-Marathon-Match im Halbfinale stand mein Vater also im Finale. Doch er konnte kaum noch gehen, eine Art Hexenschuss und eine Verletzung am Kreuzbein legten ihn lahm. In der Kabine wurde er vom Turnierarzt behandelt. Als ich eintrat, um mich nach ihm zu erkundigen und wie immer seine Tasche zu tragen, schrie er vor Schmerzen. „Das wird nix mit dem Finale,“ sagte der Turnierarzt. „Das muss gehen“, erwiderte mein Vater. „Fred Perry hat beim Davis Cup 1934 gegen die Amis trotz eines eingeklemmten Muskels nicht aufgegeben.“

Vor dem Finale ließ sich mein Vater mit Bienengiftsalbe den Rücken einreiben und zog trotz 30 Grad im Schatten seinen Fred-Perry-Pullunder über das Tennishemd. Schweißgebadet kam er auf den Platz und wurde von seinem Gegner, einem Bank-Vorstandschef, gedemütigt. 0:6, 0:6 lautete das vernichtende Endresultat nach zwei Stunden Spielzeit. Mein Vater hatte gekämpft, doch nach jedem langen Ballwechsel kam ein Stoppball. Jeder auf der Anlage wusste, dass mein Vater verletzt war und eigentlich hätte aufgeben müssen, auch sein Gegner. Ich weinte neben meiner Mutter vor Wut. Eine Woche später kam ein Schreiben vom Deutschen Tennisbund mit der Mitteilung, dass der Sieger und ein anderer Spieler nach Wimbledon geschickt würden.

Mein Vater war wieder von den Funktionären ausgetrickst worden. „Ich hab meine Herkunft nie verleugnet“, sagte er. „Schau, Fred Perry war drei Mal Wimbledonsieger, und trotzdem hat er von denen nie die Anerkennung bekommen, die er verdient gehabt hätte. Nicht mal den Adelstitel hat er bekommen. Aber wir, die wir diesen Sport lieben und seine Hemden tragen, wir erkennen ihn an.“

Ich weiß, dass mein Vater lange gebraucht hat , um diese Wimbledon-Enttäuschung zu verdauen. Wir haben erst wieder darüber gesprochen, als er 1994 Fred Perry bei den Senioren-Weltmeisterschaften in Kroatien getroffen hatte. Mein Vater als Kapitän der Deutschen Senioren- Tennis-Mannschaft und Fred Perry als Ehrengast, der sich um die Entwicklung der Computerweltrangliste für Tennissenioren verdient gemacht hatte. Ein dreiviertel Jahr später starb Fred Perry im Alter von 85 Jahren in Melbourne an Herzversagen, nachdem er sich bei einem Sturz einige Rippen gebrochen hatte.

Als mein Vater die Meldung in der Zeitung gelesen hatte, zog er sein Lieblings- Fred-Perry-Tennishemd und seine ältesten Fred-Perry-Tennisshorts an und fuhr in die Tennishalle.

Zu Weihnachten schenkte ich ihm von da an immer ein Fred-Perry-Polo. Die Brit-Pop-Welle machte es möglich, dass es jetzt in allen Farben erhältlich war.

Aber für die Welt des Pop hatte mein Vater wenig übrig. „Na, immerhin haben sie Geschmack“, sagte er nur, wenn ich ihm von der Fred-Perry-Renaissance dank Blur und Oasis erzählte. Und bei den Fernsehbildern von Neonazis in schwarzen Fred-Perry-Polos meinte mein Vater nur: „Von diesen Idioten lassen wir uns doch unseren Perry nicht kaputt machen. Außerdem haben die doch gar keine Ahnung, wie man so was trägt.“

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