Zeitung Heute : Frei vom Ballast der Tradition

Porzellan der Manufaktur Hering hat sich in kurzer Zeit einen Platz in den edelsten Restaurants erobert

Bernd Matthies

Aus Kohlhasenbrück nach Dubai, das ist schon mal was. In Kohlhasenbrück sitzt die Porzellanmanufaktur Hering – in Dubai liegt das Unterwasserrestaurant „Ossiano“, in dem der berühmte spanische Koch Santi Santamaria edelste Speisen auftischt, auf Hering-Porzellan. Worauf sonst? Die außerhalb von Fachkreisen noch kaum bekannte Marke hat sich in wenigen Jahren weltweit den Ruf des Bestmöglichen erworben, was Qualität, Design und Preis angeht, in einer Liga mit Silber von Robbe & Berking und Glas von Riedel – den Partnern auf den Tischen vieler bekannter Restaurants.

Europäisches Porzellan gibt es seit mehr als 300 Jahren, Hering ist neun Jahre alt, mithin eine Fußnote in der Geschichte des kapriziösen Materials. Vermutlich ist die Firma aber gerade deshalb so erfolgreich, weil sie vom Ballast der Tradition frei ist und keine unrentablen historischen Serien weiterführen muss. Ihre Produkte stehen in den führenden Fachgeschäften und Kaufhäusern, in Designsammlungen und berühmten Restaurants, und sie prägen die Seiten von immer mehr Hochglanzkochbüchern.

Hering – das sind Stefanie Hering und Wiebke Lehmann. Ihre Geschichte begann 1992 in Prenzlauer Berg. Die aus Stuttgart stammende Keramikerin Hering hatte sich selbstständig gemacht im boomenden Berliner Osten, fand, dass die unkonventionelle Atmosphäre zu ihrer Arbeit passte. Wiebke Lehmann, eine Freundin aus der Ausbildungszeit, war zwischendurch eine Weile in London, gründete nicht weit entfernt eine eigene Werkstatt. Irgendwann tat man sich zusammen und gründete zusammen mit Stefanie Herings Mann, dem Architekten Götz Esslinger, die Firma mit dem einprägsamen Namen, die dann in Kohlhasenbrück das passende Grundstück fand.

Dass sich die Sache so verselbstständigen würde, stand in keinem Business-Plan. „Wir sind längst nicht so groß, wie viele denken“, betonen beide, wenn man nach Umsätzen fragt – selbst in Berlin reicht die Ware gerade fürs KaDeWe. Doch man wächst: Das kleine Gebäude in Kohlhasenbrück, in dem die Erfolgsgeschichte der Firma begann, ist seit Herbst 2007 nur noch Schauraum und Wohnhaus. Seitdem entstehen auch die handgedrehten Einzelstücke in der Thüringer Manufaktur Reichenbach, die schon vor Jahren die Herstellung der Serienprodukte übernommen hat.

Hering-Markenzeichen ist das weiße Biskuit-Porzellan, das im Ofen ohne Glasur gebrannt wird, Natur-Porzellan, wenn man so will. Die Oberfläche ist dann matt, aber noch elektrisierend rau; erst durch kostenträchtige Nachbearbeitung von Hand mit einem Diamantschwamm entsteht die geradezu sinnliche Glätte, die Hering von vielen Plagiaten abhebt. Genauso wichtig ist die klare, elegante Formensprache, die Stefanie Hering entwickelt hat. Es sind filigrane Entwürfe, oft an der Grenze des technisch Machbaren.

Warum haben die einen Erfolg mit Porzellan und die anderen nicht? Stefanie Hering überlegt noch, da ruft ihr Mann schon dazwischen: „Weil niemand so im Material steckt wie meine Frau!“ Widerspruch ist nicht zu hören – es muss wohl tatsächlich etwas mit dem Sinn für das komplexe Material zu tun haben, dass die 42-Jährige gegenwärtig die meistbeachtete deutsche Porzellan-Designerin ist.

So etwas wird gern mit internationalen Preisen gewürdigt. Den bislang letzten aus einer langen Reihe wird Stefanie Hering im April in Korea in Empfang nehmen: die Goldmedaille „ceramics for use“ auf der Biennale in Seoul. Dotiert mit 20 000 Dollar, immer gut für die Eigenkapitalbasis des Unternehmens. Der letzte Berliner Hering-Erfolg kann dagegen von allen genutzt werden: Die Vollausstattung des Restaurants „Vitrum“ im Hotel Ritz-Carlton.

Dass sich die ganze Sache hier so verselbstständigen würde, stand in keinem Business-Plan. Wir sind längst nicht so groß, wie viele denken.“

Stefanie Hering, Porzellan-Designerin

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