Zeitung Heute : Frei wie ein Fußballer

Für sie geht die WM erst Ende August los: Dann spielen geistig Behinderte aus aller Welt vor 20 000 Zuschauern um die Fußball-Weltmeisterschaft. Die deutsche Mannschaft hat bereits mehrere Trainingslager und Testspiele absolviert. Mitspielen darf aber nur, wessen IQ 75 nicht überschreitet. Für Trainer Willi Breuer kein Problem – wenn nur die Spieler nicht so oft das Training vergessen würden.

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Manchmal steht Nationaltrainer Willi Breuer am Fußballplatz ganz ohne Mannschaft da. „Meine Spieler verlieren ständig ihre Handys oder vergessen die Nummer, da kann ich sie dann oft nicht erreichen, etwa wenn wir das Training mal verlegen müssen“, sagt Breuer. Der 51-Jährige aus Bergheim ist der Jürgen Klinsmann der Fußballnationalmannschaft der Menschen mit geistiger Behinderung – und er hat einen noch schwereren Job als sein Kollege. Was seine Spieler aber trotz all der Erschwernisse drauf haben, davon können sich die Berliner an diesem Donnerstag von 13 bis 16 Uhr überzeugen. Da kicken Spieler des WM-Kaders auf dem Kleinfeld der Adidas-Arena vor dem Reichstag in Mitte.

Bei der zweiten Fußball-WM in Deutschland in diesem Jahr treten dann vom 26. August bis zum 17. September Nationalteams aus 16 Ländern gegeneinander an. Über 20 000 Menschen aus aller Welt werden als Gäste erwartet.

Bei einigen professionellen Fußballern drängt sich hin und wieder der Eindruck auf, sie hätten nicht mehr alle Sinne beisammen: Wenn sie spucken, foulen, sich spektakulär fallen lassen.

Bei den Spielern, die bei der Behinderten-WM im Spätsommer auf den Rasen in insgesamt 41 Städten in vier Bundesländern auflaufen, muss der Intelligenzquotient sogar niedrig sein: „Die Spieler absolvieren ein Testverfahren bei neutralen Psychologen“, sagt Nationaltrainer Breuer, „und bei einem IQ über 75 darf man nicht mehr mitmachen.“ Die Männer spielen trotzdem nach denselben Regeln wie Klinsmann & Co, denn diese seien leicht zu kapieren. Breuer: „Das Ding muss ins Tor, das ist die Hauptsache.“

Die meisten Spieler des deutschen Teams sind lernbehindert oder verhaltensauffällig, aber physisch und motorisch fit. In der Welt belegt die deutsche Mannschaft derzeit Platz vier, das Team ist physisch stark und auch wegen des guten Teamgeists erfolgreich. Knapp 1000 Kicker mit geistigem Handicap gibt es in Deutschland. Begonnen hat alles Anfang der 90er Jahre, als die ersten Teams aus Behindertenwerkstätten gegeneinander antraten.

Breuer, der früher fünf Jahre lang unter anderem auch Nationalspieler Lukas Podolski beim 1. FC Köln trainierte, musste sich irgendwann entscheiden: Köln oder Behindertensport. Die Entscheidung fiel Breuer nicht leicht. Erst nach reiflicher Überlegung wurde ihm klar, was ihm mehr am Herzen liegt. Breuer fuhr mit seinen Jungs aus den Werkstätten 2002 zur WM nach Japan.

In den Niederlanden besitzt der Handicap-Fußball wie in England – Austragungsort der WM 1998 – längst professionelle Strukturen. Der Trainer des englischen Teams ist beim Fußballverband fest angestellt, und der Verband stellt ihm eine Million Pfund im Jahr zur Verfügung. Hier zu Lande engagieren sich Cheftrainer, Kotrainer, Teammanager und Physiotherapeuten ehrenamtlich.

Wenn die Mannschaft um Trainer Breuer nicht gerade die Spiele der nichtbehinderten Kollegen im Stadion oder vor dem Fernseher verfolgt, bereitet sie sich auf ihre eigene WM vor. Trainingslager gab es in unter anderem auf Mallorca, in Sachsen-Anhalt, auf Texel. Getestet wurde gegen die Auswahl der Lebenshilfe und gegen die nichtbehinderte Mannschaft der Ford-Werke. „Da haben wir uns gar nicht schlecht behauptet“, sagt Trainer Breuer. Damit seine Spieler künftig noch professioneller trainieren können, will er sie künftig, wie in vielen anderen Ländern üblich, häufiger in nichtbehinderten Mannschaften unterbringen. Außerdem sucht Breuer jetzt noch Paten für seine Spieler, die hier und dort mal mit zupacken. Auch Moderator Johannes B. Kerner und Behindertenfußball-Botschafter Rudi Völler sollen als prominente Paten helfen.

Behindertenfußball, das ist immer auch ein Nervenspiel. Sei es, dass der Trainer seine Nationalspieler plötzlich ganz überraschend kennen lernt, weil Teamkollegen ihm versichern: „Das ist unser Neuer.“ Wer aus dem etwa 20 Spieler starken Kader letztlich genau aufläuft, ist jedes Mal spannend. Die Nominierung kann daran scheitern, dass jemand sich doch noch kräftig auf dem Spielfeld daneben benimmt und ein wenig zu hart rangeht. Oder daran, dass Spieler den deutschen Pass nicht mehr rechtzeitig bekommen. Oder zu klug sind und somit durch den IQ-Test fallen.

Zwar wird das deutsche Nationalteam vom Innenministerium, dem Deutschen Fußball-Bund und zahlreichen privaten Sponsoren unterstützt. Doch sein Team kann noch mehr Hilfe gebrauchen, sagt Trainer Breuer. „Meine Jungs lassen nun mal ständig ihre Sporttaschen oder Schuhe versehentlich stehen – oder rufen mich kurz vor Abfahrt auf dem Bahnhof an: Trainer, welchen Zug sollen wir nehmen? Aber wir haben gar kein Geld fürs Ticket dabei!“ Wenigstens hatten seine Kicker wenigstens mal ihr Handy rechtzeitig zur Hand. Annette Kögel

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