Zeitung Heute : Frei zum Büffeln

Viele Arbeitnehmer haben einen gesetzlichen Anspruch aufs Lernen während der Arbeitszeit – doch es gibt Grenzen

Regina-C. Henkel

Englisch, Spanisch, Französisch – Fremdsprachen stehen ganz oben auf der Wunschliste von Arbeitnehmern, die sich im Bildungsurlaub weiterbilden wollen. Das hat „Weiterbildung Hamburg“ herausgefunden. Der Verein zählt und kategorisiert die Klicks auf seiner Website www.bildungsurlaub-hamburg.de kontinuierlich und stellt dabei jedes Jahr aufs Neue fest: Bildungsurlaub behauptet seinen festen Platz in der Weiterbildung.

Bildungsurlaub? Etwa 40 000 Arbeitnehmer bundesweit nehmen pro Jahr die vom Gesetzgeber eingeräumte Möglichkeit wahr, bei ihrem Arbeitgeber Bildungsurlaub zu beantragen. Zwölf der 16 Bundesländer haben in einem Gesetz die Rahmenbedingungen für die individuelle Weiterbildung von Arbeitnehmern mit Entgeltfortzahlung geregelt. Das Besondere am Bildungsurlaub: Der Arbeitnehmer kann seine Weiterbildungswünsche inhaltlich frei von den Vorstellungen seines Arbeitgebers wählen – und sich trotzdem während der Arbeitszeit qualifizieren.

Um statt zur Arbeit ins Seminar zu gehen, muss der Bildungswillige im Grunde nur zwei Voraussetzungen erfüllen: Erstens muss er seinen Arbeitgeber frühzeitig – üblicherweise, wie beim Erholungsurlaub, sechs Wochen vorher – über den Zeitpunkt seines geplanten Kurses informieren. Als einfachste Lösung wird propagiert, dem Arbeitgeber die Anmeldebestätigung des Bildungsinstituts und den Anerkennungsbescheid der Zulassungsstelle vorzulegen. Kurse ohne amtliches Prüfsiegel haben nämlich keine Chance.

Die zweite Voraussetzung zu erfüllen, ist nicht viel schwieriger. Katharina Heuer etwa, Leiterin Personalstrategie und Bildungsstrategie im Deutsche Bahn-Konzern, beantwortet die Frage, wie man als Arbeitnehmer seinen Wunsch nach Bildungsurlaub am besten realisiert, mit „im Dialog“. Eine typische Reaktion der Personalerzunft – zumindest bei größeren Unternehmen und Behörden. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat ermittelt, dass mehr als 50 Prozent der Bildungsurlauber aus Landesbehörden, Gebietskörperschaften oder Kommunalverwaltungen kommen, weitere 25 Prozent aus der Industrie. So sagt Michael Hugo, Personalchef der Berliner Volkswagen-Tochter gedas AG: „Wir unterstützen jede Form von Weiterbildung, also auch den Bildungsurlaub. Wichtig ist allerdings, dass der Termin mit den Abläufen im Betrieb abgestimmt wird. Aber da konnten wir uns bislang immer einigen.“ Das bestätigen auch die Mitarbeiter der Vereine und Gewerkschaften, die sich auf das Thema Bildungsurlaub spezialisiert haben und Weiterbildungswillige wie auch Arbeitgeber beraten. Nach Beobachtung von Gabriele Gebauer, Bereichsleiterin bei „Weiterbildung Hamburg“, besteht auf Arbeitgeberseite vor allem bei kleinen und mittelständischen Betrieben nach wie vor Informationsbedarf. Die Erhebungen des IW bestätigen: „Im Handwerk“, heißt es aus Köln, seien „einschlägige Angebote noch nie auf nennenswerte Resonanz gestoßen.“ Eine Erklärung dafür sieht Hans-Ulrich Nordhaus vom DGB-Bundesvorstand in den Missbrauchsvorwürfen, „die jedes Jahr pünktlich zum Sommer immer wieder wieder hoch gespült werden, etwa weil jemand einen Ikebana-Kurs beantragt hat“. Für ihn sind das „Konflikte symbolischer Politik“. Wirklich Sorge bereitet ihm, dass beim Bildungsurlaub „die Ökonomisierung“ voranschreite. Er werde zunehmend zu einem Förderinstrument der beruflichen Bildung.

Dieser Trend wird auch vom Bundesarbeitskreis „Arbeit und Leben“ in Düsseldorf beobachtet – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bildungsreferent Lothar Jansen hält grundsätzlich jede Weiterbildung für gut, bedauert aber die Abkehr von politischen Inhalten. Sein Argument ist ein Zitat von Bundespräsident Rau: „Eine Demokratie ohne ständig in der Demokratie sich übende Demokraten und sich weiterbildende Demokraten hat keine Perspektive.“

Zum Glück zeigt eine gerade vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) veröffentlichte Studie auf, dass das Schlimmste nicht zu befürchten ist: Rund 28 Millionen Weiterbildungswillige in Deutschland zahlen fast 14 Milliarden Euro jährlich aus eigener Tasche, um sich zu qualifizieren. Das sind im Durchschnitt 502 Euro pro Person – inklusive der Kosten für Bildungsurlaub.

Mehr dazu im Internet:

www.bildungsurlaub.de,

www.berlin.de/SenWiArbFrau/beruflb/bil-urlaub.html,

www.iwkoeln.de, www.bibb.de

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