Zeitung Heute : Freiburgs Auferstehung

Der Tagesspiegel

Von Martin Hägele

Freiburg. So sehen also Menschen aus, wenn sie wieder aus dem Sarg klettern, nachdem sie zuvor von ihren „Schulterklopfern tot gehauen wurden". Diese Fern-Diagnose hatte am Vormittag des Spiels zwischen dem SC Freiburg und dem 1. FC Kaiserslautern der Fernseh-Weise Marcel Reif gefällt; ein rhetorischer Hammer, von dem man nicht wusste, ob er eine letzte bitterböse Kritik oder schon der Nachruf sein sollte.

Anders jedoch als im richtigen Leben oder in der Gedankenwelt gläubiger Christen lässt der Fußball die Menschen heute zuschauen bei der Auferstehung von den Toten, und selbst die Sprache der Apostel hat sich dem dritten Jahrtausend angepasst: Ein „geiles Gefühl“ sei das, wieder einmal nach einem Sieg unter den Reportern zu stehen, schwärmte Mittelfeldspieler Tobias Willi. In den vergangenen Wochen hatten die Spiele für die Profis des Sportclubs nämlich viel länger gedauert. Die Niederlagen gingen beim Auslaufen nicht weg, auch nicht, wenn man beim Duschen lang schrubbte. Am schlimmsten war die Zeit, wenn alle schon gefönt und angezogen in der Kabine zusammensaßen. Und warteten und warteten, bis endlich kein Zuschauer mehr im Dreisamstadion war und sich auch noch die Journalisten vor der Tür verzogen hatten. Dann war die Niederlage fürs Erste ausgesessen. Glück hatten nur jene ausländischen Kollegen, aus deren Wortschatz sich auch beim besten Willen kein Kurz-Interview stricken ließ. Die durften früher heim.

Nach dem 3:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern aber kamen lauter junge und auskunftsfreudige Leute aus der Kabine, die ihre Befriedigung und ihren Stolz auch mitteilen wollten. Der neue Geist, der freilich ein alter war, hatte sie alle in den Griff genommen, vom Schwarzwälder Buben Willi bis hin zum Kotrainer Achim Sarstedt übten sie nun ihr Glaubensbekenntnis.

Sie hätten das dumme Gerede widerlegt, wonach man im Abstiegskampf seinen Stil ändern müsse, sagte Sarstedt: „Auch in der Vergangenheit haben wir uns immer mit spielerischen Mitteln aus dem Sumpf gezogen, wenn es Spitz auf Knopf stand." Das ist hübsch gesagt und doch nicht ganz richtig. Denn erst als Kobiaschwilis Elfmetertor in der 47. Minute die Köpfe ein bisschen befreite vom Frust aus zwölf Spielen ohne Sieg, stellten sich langsam die vertrauten Kurzpass-Mechanismen wieder ein. Aber es hat schon noch einmal 20 weitere Minuten und die Treffer von Sellimi und Männer zur vollständigen Befreiung gebraucht.

Am Ende dankte der Tunesier Sellimi einem ganzen Haufen von Kollegen: „An diesem Wochenende hat die ganze Liga für uns gespielt." Nicht auszudenken, wie ein frühzeitiger Leverkusener Titelgewinn sowie ein positives Kölner Resultat im Westfalenstadion die Selbstzweifel der Freiburger Fußballgemeinde getroffen hätten. Die Bilder von einer gemischten Bayer-Elf aus A-Jugendlichen und Reservisten am Samstag beim Freiburger Rivalen 1. FC Nürnberg, derweil Trainer Toppmöller seine Stars für die Champions-League schont, wurden schon an die Wand gemalt. Und wie viel wäre das eigene Selbstvertrauen wert gewesen, falls der 1. FC Köln tatsächlich Borussia Dortmund aus der Meisterschaft gekippt hätte. All diese bösen Fotos sind nun gelöscht, die Spekulationen vorbei, und am liebsten wären all die Willis von der Schwarzwaldstraße gleich in einen Bus gestiegen, um nach Köln zu fahren.

„Jetzt haben wir es in der Hand, dort den großen Schritt zu machen“, sagte Wladimir But. So denken und fühlen auf einmal wieder alle. Das Wissen, endlich wieder jenen schnellen und offensiven Fußball abrufen zu können, der den Ruf von den „Breisgau-Brasilianern“ geschaffen hat. Also „möglichst schon in Köln drei Punkte holen“, wie Tobias Willi verlangt, damit nicht beim Saisonfinale gegen den HSV gezittert werden muss. Der Fußball in Freiburg lebt noch, trotz des einen Punktes Rückstand auf den 1. FC Nürnberg herrscht Hoffnung. Dass die Profis vom 1. FC Kaiserslautern bei dieser Reanimation kräftig mitgeholfen haben (Torwart Koch: „ein paar von uns haben Jojo gespielt"), kann in zwei Wochen schon Konsequenzen haben: Wenn ein paar Millionen Euro fehlen für den Uefa-Cup, und ein paar Argumente für die Trainer Brehme und Stumpf.

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