Zeitung Heute : Freie Tage statt Freiertage

Ein Ansturm der internationalen Freier wurde für die WM prophezeit, Bordelle stockten ihr Personal für die erwarteten WM-Gäste auf. Die Realität sieht eher trostlos aus, die Prostituierten auf dem Dortmunder Straßenstrich beklagen sich über WM-Gaffer und freuen sich auf die Stammkunden nach dem Turnier.

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Vanessa* raucht. Sie sitzt entspannt in einem cremefarbenen Ledersessel und wartet auf Kunden. Schon 21 Uhr, aber nicht viel los im Moment. Dabei läuft die WM und viele Experten haben vor dem Turnier prophezeit: Hunderte von Prostituierten aus Osteuropa werden nach Deutschland kommen, weil der Bedarf riesig sein wird. Auch von Zwangsprostitution war viel die Rede.

Gisela Zohren schüttelt den Kopf. Sie hat lange selbst im Milieu gearbeitet und kümmert sich nun seit Jahren für die Dortmunder Mitternachtsmission um die Prostituierten. Regelmäßig fährt sie zum Straßenstrich und in die Clubs, redet mit den Frauen und hilft bei Problemen und Fragen. Natürlich hat auch sie schon Fälle von Zwangsprostitution erlebt, und sie tut alles, um Frauen aus solchen Situationen zu befreien. „Aber es kann nicht sein, dass Frauen, die bei den Behörden gemeldet sind und völlig legal anschaffen gehen, durch die Berichte in den Dreck gezogen werden.“

Frauen wie Vanessa. Vanessa kommt aus Duisburg und verdient ihr Geld seit dem letzten Winter auf dem Dortmunder Straßenstrich. Die 20-Jährige ist schlank, hat lange Beine und wirkt beim Reden sehr energisch. „Ich habe hier seit Beginn der WM noch nicht ein neues Mädchen gesehen. Es würde auch überhaupt nix bringen. Im Moment fahren hier viele Autos voll mit Jugendlichen durch, die nur glotzen wollen.“ Das finden die Prostituierten überhaupt nicht komisch. „Die halten den ganzen Betrieb auf. Ab 23 Uhr kommen die Kunden überhaupt nicht mehr durch. Manche Gaffer beschimpfen uns auch. Und darauf hab ich gar keinen Bock“, sagt Vanessa und schaut aus dem Fenster. Sie sitzt gerne hier, im neu gestalteten Lounge-Bereich des „Club Escort“, der am Anfang des Straßenstrichs liegt. Kein roter Plüsch, keine blinkenden Herzen im Fenster. Stattdessen helle Fliesen, eine gestreifte Papiertapete, Ledersessel, Theke und Tische in dunklem Holz. Hier vertreiben sich Vanessa und die anderen Mädchen bei einem Kaffee die Zeit, wenn gerade nichts zu tun ist.

Keine WM-Preise

Wieder fährt ein Auto mit Deutschland-Fähnchen vorbei, in dem vier junge Männer sitzen. „Die kurven hier schon ewig rum und gucken. Blöde WM“, sagt Vanessa. Inzwischen nehmen die Prostituierten auf dem Dortmunder Straßenstrich allerdings das Ganze mit Humor. „Was sollen wir machen? Wir stehen die meiste Zeit ohnehin nur herum. Da singen wir doch lieber WM-Lieder, lachen uns kaputt und muntern uns gegenseitig auf.“ Sie freut sich auf die Zeit nach der WM – wenn ihre Stammkunden wieder in der Juliusstraße vorbeikommen. Denn selbst die bleiben seit Beginn der WM größtenteils weg, „weil sie im Moment wohl auch lieber Fußball gucken und im Garten grillen“, bemerkt Vanessa lapidar.

Ganze drei Schweden und ein Engländer haben bisher ihre Dienste in Anspruch genommen. Die waren nett und haben, ohne zu murren, bezahlt. Vanessa ärgert sich dagegen über Männer, die nach speziellen „WM-Preisen“ fragen und das auch noch unheimlich lustig finden. Sie und fast alle ihrer Kolleginnen denken gar nicht an Rabatte und Sonderangebote, sie haben feste, einheitliche Preise für ihre Dienste und eine klare Zeitvorgabe, auf keinen Fall darf die erotische Verrichtung länger als 20 Minuten dauern.

Während der WM fährt die Dortmunder Polizei den ganzen Tag Streife. Auch das gibt Vanessa ein Gefühl von Sicherheit. Das Notfalltelefon, das die Dortmunder Mitternachtsmission für die WM eingerichtet hat, musste allerdings noch keine der Prostituierten in Anspruch nehmen. Nur gestern habe sie einen Anruf gehabt, sagt Gisela Zohren. „Und was war’s? Zwei Mädchen hatten sich in die Haare bekommen und wollten mir beide ihre Version der Geschichte erzählen.“ Vanessa lacht. „Das ist vielleicht noch ’ne Marktlücke: ein mehrsprachiges Wörterbuch für Prostituierte, also für den Umgang mit den Kolleginnen. Ich konnte gestern einer, die auf meinem Platz stand, auch nur mit Zeichen klar machen, dass sie sich mal ganz schnell vom Acker machen soll.“ Sie drückt ihre Zigarette aus und stöckelt nach draußen, zu einem Kunden. Es ist ihr erster heute.Alexandra Stober

* Name geändert

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