Zeitung Heute : Freie Wege im 80er-Jahre-Bau

Im Archiv der Akademie der Künste kann sich Daniela Reinhold so selbstständig bewegen, dass ihr Rollstuhl vielen Kollegen gar nicht mehr auffällt Die Flure sind breit, die Übergänge schwellenlos Fachwissen ist wichtiger als körperliche Fitness

Hoch hinaus. Eine Partitur aus einem der oberen Fächer holen? Für die Musikwissenschaftlerin Daniela Reinhold ist das kein Problem – sie hat ja ihren elektronischen Rollstuhl mit hydraulischer Höhenverstellung.
Hoch hinaus. Eine Partitur aus einem der oberen Fächer holen? Für die Musikwissenschaftlerin Daniela Reinhold ist das kein Problem...

Im Musikmagazin des Archivs der Akademie der Künste fährt Daniela Reinhold mit ihrem elektrischen Rollstuhl durch den Hauptgang. Die Musikwissenschaftlerin dreht das große Rad am ersten Rollschrank und bewegt mit Leichtigkeit die schweren Archivregale, in denen wertvolle Partituren und Dokumente bedeutender Komponisten des 20. Jahrhunderts lagern, etwa von Hanns Eisler und Bernd Alois Zimmermann. Sie fährt zielstrebig in den freigewordenen Gang und bringt die Sitzfläche ihres Rollstuhls per Knopfdruck hydraulisch auf die richtige Höhe. Bequem kann sie nun in die Frühfassung von Paul Dessaus „Das Verhör des Lukullus“ Einsicht nehmen. Dessau ist ihr Spezialgebiet.

„Manchmal ist unsere Arbeit geradezu kriminalistisch“, sagt sie. „Denn nicht immer finden wir im Nachlass eines Komponisten alles wohlgeordnet. Oft wird man mit Fragmenten oder Skizzen konfrontiert, die man einander zuordnen und wie ein Puzzle zusammensetzen muss.“ Daniela Reinhold schließt die Tür und fährt mit dem Fahrstuhl eine Etage höher in ihr Büro.

Dass sich die schwerbehinderte Frau so selbstverständlich im Haus bewegen kann, verdankt sie der Tatsache, dass die Türen und Flure breit genug sind für ihren E-Rolli und dass die Übergänge schwellenfrei sind. Das war nicht immer so, denn das Archiv der Akademie der Künste ist in einem Gebäude am Robert-Koch-Platz aus den 1980er Jahren untergebracht.

„Als ich 1996 hier anfing, war von Barrierefreiheit noch nichts zu sehen“, erzählt Reinhold. Sukzessive habe man das Haus dann umgebaut. Als erstes kam die Rampe am Eingang, dann eine behindertengerechte Toilette und zuletzt seien die Magazine im Zuge eines Gesamtumbaus barrierefrei geworden. „Die Umbauten sind ja nicht nur für mich oder andere schwerbehinderte Kollegen im Haus. Wir haben hier das größte interdisziplinäre Kunstarchiv in Deutschland und das einzige für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, zu dem jeder Zugang haben soll“, sagt sie. Durch die Umbauten sei das jetzt möglich.

Wenn Daniela Reinhold nicht gerade im Magazin zu tun hat, arbeitet sie in der Regel in ihrem Büro am Computer, um etwa Materialien zu verzeichnen, eine Ausstellung vorzubereiten oder einen Band in der Schriftenreihe „Archive zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts“ fertig zu stellen. Dafür setzt sie sich vom Rollstuhl auf ihren Bürostuhl um. „Das ist bequemer“, sagt sie. Außer dem Rollstuhl für die langen Wege im Haus hat sie einen höhenverstellbaren Schreibtisch, der ihr ermöglicht, eine bequeme Arbeitsposition zu finden. Im Gegensatz zu ihren Kollegen muss Daniela Reinhold auch nicht das Stockwerk wechseln, um ein Fax zu verschicken: Ihr Fax ist im Computer integriert. Es seien eben diese technischen Hilfen, die es ihr erlauben, selbstbestimmt und selbstständig zu arbeiten. „Manchmal wird meine körperliche Einschränkung unter Kollegen gar nicht mehr wahrgenommen“, sagt sie. „Ich arbeite ganz normal, wie alle anderen.“ Leistungsfähigkeit hängt in ihrem Beruf eben nicht von der körperlichen Fitness ab, sondern vom Fachwissen und der persönlichen Motivation – davon hat Daniela Reinhold eine Menge. Schließlich ist die Kombination aus Musik und Wissenschaft genau das, was ihr liegt. Und wie die meisten ihrer Kollegen identifiziert sie sich stark mit ihrem Arbeitgeber.

Neben ihrer Tätigkeit im Musikarchiv nimmt sie daher auch eine soziale Funktion wahr als Vertrauensfrau der schwerbehinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Akademie. Zu ihr kommen Kollegen mit ganz unterschiedlichen Anliegen. Mal geht es um persönliche, mal um arbeitsorganisatorische Dinge. Je nach Situation zieht sie auch den technischen Beratungsdienst des Integrationsamtes hinzu, um eine sinnvolle Lösung für einen Kollegen oder eine Kollegin zu finden. „Von Seiten der Verwaltung herrscht grundsätzlich eine große Offenheit, gemeinsam Lösungen zu finden“, betont Reinhold. Das sei nicht unbedingt selbstverständlich.

Daniela Reinhold freut sich über das, was schon umgesetzt wurde, aber sie sieht auch noch Handlungsbedarf. Ihr großer Traum: Dass das Hauptgebäude der Akademie am Pariser Platz komplett barrierefrei gestaltet wird. „Mit dem Rollstuhl kommt man überall hin, aber für Hörgeschädigte oder Blinde ist es eher schwierig, sich im Haus selbstständig zu bewegen“, sagt sie.

Dass die von Professor Klaus Staeck geleitete Akademie der Künste dieses Jahr als einer der behindertenfreundlichsten Arbeitgeber Berlins gewürdigt wird, freut sie. „Wir haben ja seit 2006 eine schöne Integrationsvereinbarung, die vieles, vom Prozedere bei Einstellungsverfahren bis zu arbeitsorganisatorischen Dingen, abdeckt“, sagt sie. „Ich hoffe, der Preis gibt uns perspektivisch eine gewisse Unterstützung, weitere Dinge umzusetzen.“

Als nächstes steht die Ausarbeitung einer Vereinbarung für ein betriebliches Eingliederungsmanagement auf der Agenda. Darin soll geregelt werden, wie Mitarbeiter nach einer längeren Krankheit wieder in den Arbeitsalltag zurückfinden können – wie eventuell ihr Arbeitsplatz oder ihre Arbeitszeiten der Situation angepasst werden können. Reinhold sieht dem mit Optimismus entgegen.

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