Zeitung Heute : Freiheit, die ich meine

Den deutschen Universitäten kann geholfen werden. Eine Betriebsanleitung / Von Reimar Lüst

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„Studiengebühren sind auch sozial gerecht, denn gegenwärtig hilft der sozial Schwächere mit seinen Steuern demjenigen zu einem gebührenfreien Studium, der später in den meisten Fällen ein beträchtliches Einkommen erzielen kann.“

Seit mehr als dreißig Jahren wird über die Universitäten und über die für sie notwendigen Reformen diskutiert, allerdings nur unter den Fachleuten. Bundeskanzler Schröder hat es mit dem umstrittenen Stichwort „EliteUniversitäten“ geschafft, endlich eine öffentliche Debatte über die deutschen Universitäten in Gang zu setzen. Aber brauchen wir wirklich Elite-Universitäten nach dem Vorbild der USA? Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage ist doch deutlich geworden, dass endlich gehandelt werden muss, nachdem in den vergangenen Jahren alles gesagt worden ist. Oder hindern uns ideologische Blockaden immer noch daran?

Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang an den Start der Berliner Universität zu erinnern. Am 11. Oktober 1810 wurde sie, wie es Wilhelm von Humboldt kurz zuvor dem König vorgeschlagen hatte, gegründet. Zuvor hatte er alles Notwendige über die zukünftigen Aufgaben und Gestalt einer Universität in einer Denkschrift zusammengefasst. Nur 14 Monate, nachdem er den Antrag an den König gestellt hatte, wurde die Universität gegründet. Eine so rasche Umsetzung ist heute nicht mehr vorstellbar. Dabei waren damals auch die Zeiten für Preußen nicht einfach. Das lässt sich auch noch heute aus Wilhelm von Humboldts Antrag herauslesen, den er so einleitete: „Es wird befremdend scheinen, dass die Sektion des öffentlichen Unterrichtes im gegenwärtigen Augenblick einen Plan zur Sprache zu bringen wagt, dessen Ausführung ruhigere und glücklichere Zeiten vorauszusetzen scheint.“

100 Jahre später schrieb der Kabinettschef von Kaiser Wilhelm zum Jubiläum der Berliner Universitätsgründung: „In der Geschichte der deutschen Hochschulen bedeutet die Gründung der Universität Berlin im Jahre 1810 den Beginn eines neuen Abschnittes. Waren die Universitäten mit wenigen Ausnahmen bis dahin schon nach ihrer ganzen Verfassung in erster Linie ,hohe Schulen’ für die gelernten Berufe gewesen, so wurden sie durch die Ideen Fichtes und Schleiermachers, die dank der Initiative Wilhelm von Humboldts in der Neugründung ihre Verwirklichung fanden, zu Stätten wissenschaftlicher Forschung. Die Idee Fichtes, dass der bedeutende Gelehrte, der Mann der Wissenschaft immer auch der beste, in letzter und tiefster Absicht wirksamste Lehrer sein werde, hat in kurzer Zeit umgestaltend auf alle deutschen Universitäten gewirkt und so den Boden bereitet, auf dem sich der gewaltige Aufschwung deutscher Wissenschaft während des 19. Jahrhunderts vollziehen konnte, der Deutschland in seinem wissenschaftlichen Ansehen für lange Zeit an die Spitze aller Kulturnationen gerückt und seine Hochschuleinrichtungen zu maßgebenden Vorbildern gemacht hat.“

Heute sind die deutschen Universitäten kaum noch Vorbild, aber die Humboldtsche Idee einer Universität ist noch längst nicht gestorben. Sie wurde vor allem von den Hochschulen in den USA übernommen, manche berufen sich ausdrücklich in ihrer Charter darauf. Allerdings wurde die Humboldtsche Vorlage dort stets als Motor für Neuanfänge genutzt, während sie in Deutschland inzwischen eher als Bremse gegen mögliche Reformen dient.

Trotz der gewaltigen Veränderungen in der deutschen Universitätslandschaft, ist der Auftrag der Universität der Gleiche geblieben. Er lautet immer noch: Zum einen junge Menschen, die dazu befähigt sind, in der Wissenschaft auszubilden und berufsfähig zu machen; und zum anderen Zentrum der Forschung zu sein.

Welches sind die Veränderungen, die sich an den Universitäten seit Ende der sechziger Jahre vollzogen haben? Am augenscheinlichsten ist dies die Zahl der Studenten: Während 1950 nur etwa sechs Prozent und 1960 nur acht Prozent eines Geburtsjahrgangs ein Hochschulstudium begannen, sind es heute zwischen 25 und 30 Prozent. Dies ist im internationalen Vergleich völlig angemessen und sollte auch nicht rückgängig gemacht werden. Aber trotz des Zuwachses glauben heute noch manche, dass diese Studentenzahlen mit dem alten Hochschulsystem nach Humboldt vereinbar seien. Die Einsichtigen haben längst die Notwendigkeit erkannt, dass die Humboldtsche Universitätsidee nur durch ein Studium verschiedener Stufen zu verwirklichen sind, bei dem die Ausbildung in Forschung und Lehre erst in der zweiten Phase voll zum Tragen kommt.

Was ist nötig, damit die deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich bestehen können? Natürlich mehr Geld. Das ist eine Binsenwahrheit und hierfür müssen die notwendigen Prioritäten in der Politik gesetzt werden. Aber das allein wird nicht helfen. Entscheidend ist, dass unsere Universitäten sich dem Wettbewerb stellen. Aber Wettbewerb ist nur möglich, wenn man den Hochschulen Freiheit gibt, Freiheit von staatlicher Bürokratie und von falsch verstandener staatlicher Kontrolle. Nun sollte man anerkennen, dass in etlichen Bundesländern mit der Einsetzung von Kuratorien und Hochschulräten in dieser Beziehung ein richtiger Weg eingeschlagen wird. Aber das kann nur ein erster Schritt sein.

Bisher gilt immer noch der Grundsatz der Gleichheit aller Universitäten. Dabei ist diese eine Fiktion, wenn man auf die Qualität der Forschung blickt. Es gibt durchaus aussagekräftige Ranglisten der Universitäten. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung zeigt in jedem Jahr, welche Universitäten von den ausländischen Stipendiaten bevorzugt werden. Die Qualitätsunterschiede zwischen den Fakultäten oder Fachbereichen der verschiedenen Universitäten werden durch den strengen Wettbewerb in der Forschung gefördert. Es geht stets um den ersten Platz bei den Forschungsergebnissen und um die Mittel für die Forschungsvorhaben. Zu Recht sind die Höhe der Drittmittel ein gewisser Indikator über die Güte eines Fachbereichs oder eines Instituts. Nur durch Wettbewerb können wir in der Forschung international mithalten.

Deswegen muss bei der Auswahl der Hochschullehrer die Qualifikation als Forscher das entscheidende Kriterium sein. Weder Habilitation noch die Institution des Juniorprofessors werden bei der Förderung des qualifizierten Nachwuchses an jungen Hochschullehrern entscheidend sein. Vielmehr sind es die optimalen Bedingungen, die junge promovierte Forscher, die Postdocs, für eigene Forschungsvorhaben brauchen. Das ist die Aufgabe der Universitäten. Die Postdocs sollen sich auch in ausländischen Forschungseinrichtungen bewähren, jedoch müssen die Universitäten ihnen dann auch den Weg zurück nach Deutschland erleichtern.

So sehr der Wettbewerb in der Forschung allgemein anerkannt ist, so wenig wird noch der Wettbewerb der Hochschulen um die besten Studenten ernst genommen.

Bereits 1971 wagte der damalige, aus der SPD kommende Forschungsminister Klaus von Dohnany auszusprechen, dass „in einem auf Chancengleichheit angelegten Bildungssystem kein Weg an der Hochschul-Eingangsprüfung vorbei führt“.

Politiker hören es nicht gern, aber die Universitäten und die Gefängnisse sind die einzigen Institutionen in unserem Land, die unbesehen alle Bewerber annehmen müssen. In jedem anderen Bereich – sei es in der Wirtschaft oder im öffentlichen Gemeinwesen – versteht es sich von selbst, dass ein Bewerber sich einer Eignungsprüfung oder einer Bewertung stellen muss. Jede Hochschule sollte sich ihre Studenten in Zukunft selbst auswählen können. Das Verfahren könnte der Hochschule – natürlich in transparenter Form – überlassen bleiben, wobei die Gesamtstudentenzahl der Hochschulen von der Landesregierung vorgegeben wird. Das Abitur wäre eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Zulassung an die Hochschule.

Nun kann man die Einwände gegen diese Vorschläge schon auswendig herbeten. Automatisch heißt es, dass die Gesetzeslage und vor allem die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts die Aufnahmeverfahren einzelner Hochschulen nicht zuließen. Doch wenn der Gesetzgeber es wollte, könnte sicher eine gesetzliche und eine vom Bundesverfassungsgericht nicht anfechtbare Lösung gefunden werden. Es kann schließlich nicht angehen, dass die Verwaltungsgerichte über die Hochschulpolitik entscheiden.

Natürlich wird es auch kräftige Gegenstimmen aus den Hochschulen selbst geben. Die schon jetzt kaum zumutbare Arbeitsbelastung wird geltend gemacht. Dem möchte ich aber entgegenhalten, dass es zu allererst die Hochschullehrer selber sind, die etwas tun müssen, um dem desolaten Zustand ihrer Hochschulen abzuhelfen und ihr Ansehen zu stärken.

Das Argument, dass man ungeeignete Studenten nach dem zweiten und vor allem nach dem vierten Semester, also nach dem Vordiplom oder der Zwischenprüfung, aus den Hochschulen „rausprüfen“ könnte, klingt mir etwas zynisch. Denn damit vergeudet man kostbare Jahre eines Menschenlebens, vom volkswirtschaftlichen Verlust einmal ganz abgesehen.

Aber was gewinnt die einzelne Hochschule, wenn sie sich die Studenten selbst auswählen kann? Zum einen wird damit ein Wettbewerb der Hochschulen, vor allem der Fakultäten und Fachbereiche untereinander in Gang gesetzt. Zum anderen könnte hierdurch auch eine stärkere personelle Verantwortung eines jeden Professors für den einzelnen Studenten initiiert werden. Denn er hat ihn ja selbst mit ausgewählt. In einem vor kurzem erschienenen Artikel über die Studienbedingungen in Deutschland hieß es: „Wahrgenommen werden, das wünschen sich viele Studenten. Fast alle die man fragt, was sie vom Studium erwarten, bringen das Recht auf Anerkennung zur Sprache. Diese Studierenden möchten fachliche wie menschliche Zuwendung und Kritik.“ Dieses Wahrgenommenwerden könnte in der Tat schon bei dem individuellen Aufnahmegespräch des Professors mit dem Studenten beginnen.

Schließlich muss die Hochschule an Studenten interessiert sein, die in der Lage sind, ihr Studium in möglichst kurzer Zeit – in der Regelstudienzeit – abzuschließen. Oft wird eingewandt, dass Langzeitstudenten praktisch keine Belastung für die Hochschulen darstellen, da sie an Vorlesungen und Seminaren nicht mehr teilnehmen und sie bei Verlassen der Hochschule nur die Arbeitslosenquote weiter erhöhen würden. Selbst Politiker sind sich nicht für dieses Argument zu schade. Doch sollte es wirklich die Aufgabe der Hochschule sein, als Wärmehallen für Akademiker zu dienen, für die auf dem Arbeitsmarkt gerade kein Platz ist?

Aber der Wettbewerb im Hochschulbereich müsste auch dadurch wieder beflügelt werden, dass den Studenten das Studium nicht mehr zum Nulltarif zur Verfügung steht. Studiengebühren für jeden Studenten halte ich für zumutbar. Selbstverständlich muss dies sozial verträglich geregelt werden, damit den sozial Schwächeren das Studium nicht unmöglich gemacht wird. Es wird niemandem einleuchten, dass Gebühren für Kindergartenplätze in manchen Bundesländern in einer Höhe von jährlich mehreren tausend Euro für politisch vertretbar gehalten werden, Studiengebühren aber nicht. Im übrigen: Im Jurastudium sind Studiengebühren – die Kosten für die Repetitoren – gang und gäbe.

Studiengebühren sind auch sozial gerecht, denn gegenwärtig hilft der sozial Schwächere mit seinen Steuern demjenigen zu einem gebührenfreien Studium, der später in den meisten Fällen ein beträchtliches Einkommen erzielen kann.

In der gegenwärtigen finanziellen Situation unseres Staates scheinen Studiengebühren die einzige Möglichkeit zu sein, jeder einzelnen Hochschule zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Dabei ist das Argument der verstärkten Eigenverantwortung der Hochschulen nicht unerheblich. Eltern und Studenten, die Studiengebühren aufbringen, haben dadurch einen viel stärkeren Anspruch auf einen entsprechenden Gegenwert für die Leistungen. Das gilt zunächst für die Lehre, in den höheren Semestern jedoch auch für die Forschung ihrer Professoren.

In Bremen hat nach amerikanischem Vorbild eine private Universität – die International University Bremen (IUB) – vor drei Jahren ihren Betrieb aufgenommen und gezeigt, dass Aufnahmeprüfungen und Studiengebühren in Deutschland zum Erfolg führen können.

Dort studieren inzwischen etwa 600 Studenten aus 68 Ländern (20 Prozent aus Deutschland), die alle auf dem Campus wohnen. 60 Prozent der Studenten erhalten ein Stipendium, während 40 Prozent die Studiengebühren in Höhe von 15 000 Euro selber zahlen können. Anfang Juni dieses Jahres wird der erste Jahrgang mit dem Bachelor-Examen die Universität verlassen. Nur etwa drei Prozent der Studenten haben dies nicht geschafft, während an deutschen Hochschulen die Ausstiegsquote zum Teil mehr als 50 Prozent beträgt.

Die beiden Fakultäten, die naturwissenschaftliche und ingenieur-wissenschaftliche, sowie die geistes- und sozialwissenschaftliche umfassen 85 Professoren, die gemeinsam mit den Studenten nach Humboldtschem Vorbild in Forschung und Lehre engagiert sind. Hinzu kommt als dritte Säule das „Jacobs Center for Lifelong Learning and Institutional Development“.

Mit dieser privaten Universität wird das deutsche Universitätssystem nicht verändert werden. Aber die IUB könnte eine Leuchtturmfunktion wahrnehmen und zeigen, welchen Weg man in Deutschland auch beschreiten kann. Wir brauchen eine Vielfalt von Universitäten, die wie in den USA ein ganz unterschiedliches Profil haben können. Auch Elite braucht eine breite Basis.

Ausgangspunkt für den Anstoß des Bundeskanzlers war die Stärkung der Innovationskraft in Deutschland. In den USA sind die herausragenden Universitäten, wie MIT oder Stanford, der Humusboden für Innovation, weil dort sehr gute Professoren mit sehr guten Studenten in der Grundlagenforschung zusammen arbeiten. Das muss auch die Zielrichtung der deutschen Universitäten sein.

Schon 1911, beim hundertsten Geburtstag der Berliner Universität, sollte die Innovationskraft in Deutschland durch Spitzenleistungen in der Forschung weiter gestärkt werden. Deswegen wurde damals die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die heutige Max-Planck-Gesellschaft, gegründet. Die Argumente dafür sind auch heute noch gültig.

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