Zeitung Heute : Freiheit durch Kontrolle

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie Zuckerkranke sich helfen können

Hartmut Wewetzer

Häufigste Spätfolge der Zuckerkrankheit Diabetes sind Schäden an den Blutgefäßen. Denn bei Zuckerkranken kreist mehr Traubenzucker (Glucose) im Blut. Die Glucose koppelt sich an Eiweißmoleküle. Sie schädigt so kleine wie große Blutgefäße. Das führt zu typischen Diabetesschäden an Augennetzhaut, Nieren, Nerven und Füßen. Zudem treten Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Zuckerkranken mindestens zehnmal häufiger auf als bei Gesunden der gleichen Altersgruppe.

Da liegt es nahe, den Blutzucker bei Diabetikern niedrig zu halten. Auf diese Weise müssten die Spätfolgen verringert werden können. Klingt plausibel, wurde aber noch nicht eindeutig bewiesen – bis jetzt. In einer Untersuchung bei Typ-1- Diabetikern sind Forscher der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA dieser Frage nachgegangen. Typ-1-Diabetiker sind auf Insulin angewiesen. Denn das Immunsystem zerstört jene Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Blutzucker senkende Hormon Insulin herstellen.

Das erste wichtige Ergebnis der amerikanischen Studie ist schon länger bekannt: Eine gute Kontrolle des Blutzuckers hilft gegen das Auftreten von Schäden an den kleinen Blutgefäßen, an Netzhaut und Nieren. Was aber ist mit den großen Gefäßen in Herz und Hirn? Die Patienten der Studie wurden zwischen 1983 und 1993 behandelt, jeder Kranke im Mittel sechseinhalb Jahre. Entweder mit intensiver Blutzuckerkontrolle und häufigeren Insulinspritzen oder mit weniger strenger Therapie. Heute zeigt sich: Die Jahre der Kontrolle zahlen sich später aus. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ berichten, senkt eine gute Blutzuckerkontrolle das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall um 57 Prozent. Und das, obwohl die Behandlung mehr als ein Jahrzehnt zurücklag!

„Dieses Ergebnis bestätigt, wie wichtig es ist, dass die Zuckerkrankheit gut eingestellt ist. Eine intensive Blutzuckerkontrolle sollte beim Typ-1-Diabetes inzwischen Standard sein“, sagt Matthias Pirlich, Internist am Berliner Uniklinikum Charité. Allerdings hat das Vorgehen seinen Preis: Denn es kann bedeuten, dass sich der Zuckerkranke vier Mal am Tag Insulin spritzen muss. Und es kommt leichter zu Unterzuckerungen. Mit Schweißausbrüchen und Benommenheit bis hin zum Bewusstseinsverlust.

Zugleich hat die strenge Zuckerkontrolle den Patienten mehr Freiheit gebracht. „Der Diabetiker kann abends im Restaurant seinen Blutzucker messen, sich dann Insulin nach Maß spritzen und essen, was immer er möchte“, sagt Pirlich. „Er kann selbst entscheiden.“

Etwas komplizierter ist die Situation beim viel häufigeren Typ-2-Diabetes, dem „Alterszucker“. Auch hier gilt, dass eine gute Blutzucker-Kontrolle vor Schäden an Nerven, Nieren und Augen schützen kann. Ob auch Herzinfarkt und Schlaganfall verhütet werden können, ist dagegen noch nicht endgültig geklärt. Dafür lässt sich mit Gewichtsabnahme, Ernährungsumstellung und viel Bewegung der Blutzucker oftmals ganz ohne Insulin wieder in normale Bahnen lenken.

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