Zeitung Heute : Freiheit Kleine

Klangvolle Namen der Südsee: Tonga, Fidschi, Tuamotu-Archipel – hier sind deutsche Fahrtensegler jahrelang zu Hause. Wie lebt es sich auf wenigen Quadratmetern? Ein Bordbesuch.

Martina Kleinert

Der Weg von der Küche zum Frühstückstisch könnte kaum kürzer sein. Karin steht in der Pantry am Herd und reicht durch den Niedergang die gefüllten Teller ins Cockpit. Ein Griff nach oben zu den Tassen, die an Haken über der Spüle hängen, und der Tisch ist fertig gedeckt.

Es gibt scharfe Bohnen und selbst gemachte Guacamole zum Frühstück, das haben die beiden Weltumsegler, Karin und ihr Mann Michael, in Mexiko kennengelernt – und dazu: Schwarzbrot. Richtiges Schwarzbrot, das ein nach Neuseeland ausgewanderter deutscher Bäcker auf dem Wochenmarkt von Whangarei, wo das Schiff gerade liegt, anbietet.

Fehlt noch was? Die Milch für den Kaffee. Also erst den Deckel zum Kühlfach frei räumen und einen neuen Platz für das darauf abgestellte dreckige Geschirr finden, wofür sich im Augenblick auf der „Innoy“ nur noch der Cockpitboden anbietet, denn der Tisch im Salon ist mal wieder mit Papieren, Handbüchern und Werkzeugen bedeckt. Den schweren, dick isolierten Deckel des Kühlfaches beiseite legen, um Eier und Käse herausnehmen zu können, um so an die Milch zu gelangen, die natürlich wieder ganz unten steht. Und dann wird zurückgeräumt. „Auf einem kleinen Schiff dauert alles viel länger, weil Du nie direkt an etwas rankommst“, erzählt Karin. „Du musst immer erst mal wegräumen.“

Das kenne ich nur allzu gut. 20 Monate lang war eine solch kleine Fahrtenyacht von gerade mal zehn Metern Länge auch mein Zuhause. Gemeinsam mit meinem Freund habe ich auf einem 35-Fuß Boot gelebt und gearbeitet, immer unterwegs. Wir produzierten eine Fernseh-Produktion über die „Mythen der Südsee“ und durchsegelten mit unserer „Panta Rei“ den westlichen Pazifik von Tonga bis Mikronesien. Doch es war nicht die Kultur Ozeaniens, mit der ich mich nach der Reise als Kulturanthropologin wissenschaftlich beschäftigen wollte, sondern die ganz gewöhnlichen Weltreisenden, die wir im Pazifik getroffen hatten. Die nicht in Rekordzeit um die Welt segeln wollen, denen es vor allem um einen Lebensstil geht. Meine Feldforschung führte mich schließlich nach Neuseeland, zu Karin (69) und Michael (67) und an Bord einiger anderer Fahrtenyachten.

Der Anblick ist mir vertraut: Die Wäsche, die auf dem Vorschiff zum Trocknen aufgehängt ist, das zum Wohn- und Esszimmer umfunktionierte Cockpit, in dem es sich dank Sonnensegel auch bei Regenschauern trocken und geschützt sitzen lässt. Fahrtensegler aller Nationen verbringen in Neuseeland gerne den südlichen Sommer, während im eigentlichen Segelrevier Südsee Gefahr durch Wirbelstürme droht. Bevor es im südlichen Winter dann wieder für einige Monate zu den pazifischen Inseln, nach Tonga, Fidschi oder auch wieder ganz nach Osten zu den abertausend Inseln und Atollen Französisch Polynesiens geht, nutzen Fahrtensegler die Zeit für Reparatur- und Wartungsarbeiten an ihren Schiffen.

Die SY Innoy ist nun schon das sechste Mal nach Neuseeland zurückgekehrt, ihre Bewohner sind in der Südsee „hängengeblieben“, wie sie sagen. Als Karin und Michael zu ihrer Weltumsegelung aufbrachen, hatten sie eigentlich den Plan, nach drei oder vier Jahren wieder in der Heimat anzukommen. Aber damals schon in Rente, hatten sie keinen Druck, zurückzukehren – und entschieden sich, länger unterwegs zu bleiben. Nun liegt der Aufbruch aus Deutschland schon über 13 Jahre zurück, die „Innoy“ ist ihr Zuhause. Auch wenn es im Laufe der Jahre etwas eng geworden ist – ein anderes Schiff kommt für sie nicht infrage.

Wenn die „Innoy“, wie jetzt, ein paar Wochen lang fest an einem Platz liegt, können Teetassen, Bücher und das Ersatzteil für den Windgenerator endlich ungesichert stehen gelassen werden, ohne dass sie bei der nächsten Welle durch den ganzen Salon fliegen. Allerdings führt das dazu, dass Salon und Cockpit immer voller werden. Das ist schwer zu vermeiden, wenn die Nähmaschine, um neue Vorhänge zu schneidern, wenn Werkzeug, das sonst gebraucht wird, oder die Wanderschuhe für einen Landausflug aus den Tiefen unter den Kojen im Vorschiff oder dem hintersten Winkel der Backskisten hervorgeholt werden. Es ist auch nicht anders als in kleinen Wohnungen: Je weniger Platz, desto schwieriger ist es, ihn auf Dauer freizuhalten.

Der Salon ist mit wenigen Schritten durchmessen. Wer über 1,85 Meter groß ist, kann hier nur noch mit eingezogenem Kopf stehen; mit ausgestreckten Armen kann man fast die Seitenwände des Schiffes berühren. Der Stauraum aber scheint schier unerschöpflich zu sein, verbirgt sich unter und hinter der in erster Linie praktischen Inneneinrichtung. Platz, der vor allem für Proviant genutzt wird: Konservendosen, Reis, Nudeln, Mehl, Zucker, Kaffee, Milchpulver, Saft- und Weinflaschen, Zwiebeln, Kartoffeln, dem Lieblingsmüsli oder auch Leberwurst in Dosen. Da die Segler nicht einfach schnell mal auf den Markt gehen können, was Frisches einkaufen, es nie sicher ist, wie lange eine Überfahrt wirklich dauert – aus zehn Tagen kann auch ein Monat werden – wird ausreichend gebunkert. An Bord der „Innoy“ reichen die Vorräte mindestens für ein halbes Jahr; früher hatte das Paar sogar genug für anderthalb Jahre dabei.

Für Karin hat das Leben an Bord etwas von „Zelten auf dem Wasser“. Mit dem begrenzten Frischwasservorrat müssen sie sorgsam umgehen, das einfache Kühlfach ist schon ein großer Luxus, eine Waschmaschine sucht man auf gewöhnlichen Fahrtenyachten vergeblich. Die Wäsche kann nicht nebenbei erledigt werden, stellt häufig eine Tagesaufgabe im Alltag da. Im Hafen gibt es mit etwas Glück eine Münzwaschmaschine, aber meistens ist altmodische Handarbeit gefragt – eine Arbeit, die in der Regel den Frauen zufällt. Immerhin: in traumhafter, tropischer Umgebung.

So klein das schwimmende Zuhause ist – keiner der Segler, mit denen ich gesprochen habe, fühlte sich eingeschränkt. Die Freiheit, die das Reisen bietet, ist ihnen wichtiger. Um die ganze Welt, an deren schönste Ecken zu fahren, und trotzdem in vertrauter Umgebung, zu Hause zu sein, die eigenen Bücher dabei zu haben, die eigene Musik, das vertraute Bett, einfach „alles“ dabei haben zu können, das ist es, was ihnen wichtig ist. Als ihr Schneckenhaus bezeichnen Karin und Michael die „Innoy“ .

Die wenigste Zeit verbringen die Reisenden dabei unter Deck. Wenn das Wetter es zulässt, findet der Bordalltag vor allem im Cockpit statt: Hier wird gelesen und gewerkelt, das Abendessen vorbereitet und ein Schwatz mit dem Bootsnachbarn gehalten. Ein geschützter, halb-privater, halb-öffentlicher Raum an der frischen Luft. Segeln bedeutet ein freieres Leben zu führen, die Umstände sind einfacher, das Erleben umso intensiver. Wind und Wetter werden unmittelbar erlebt, Meer und Wellen sind ganz nah. Weltumsegler sind den Elementen ausgeliefert. Allerdings nicht hilflos, solange sie das Schiff in Schuss halten, das Wetter genau beobachten – beides gehört zum Arbeitsalltag eines Weltumseglers.

„Das Schiff ist klein, der Teich ist groß“, sagt Winfried, der Wetterfrosch. Mit gut 100 Fahrtenseglern steht der 67-Jährige im Pazifik in Funkkontakt, versorgt sie täglich mit den neuesten Wettermeldungen, ist mit seiner Ehefrau Ute, 65, schon vor über 15 Jahren auf die „Anna Maria“ gezogen und in Deutschland aufgebrochen. Auch sie haben nach sieben Jahren noch nicht genug von der Südsee.

Über Funk hatte ich die beiden schon kennengelernt, als ich selbst im Pazifik unterwegs war. Nun treffe ich sie das erste Mal bei sich zu Hause. Ihr Salon erzählt die Geschichten ihrer jahrelangen Reise, Souvenirs aus den ersten Jahren im Mittelmeer teilen sich den Platz mit Schnitzereien aus der Südsee. Das Erfolgsrezept einer glücklichen, gemeinsamen Weltumsegelung liegt ihrer Meinung nach darin, gemeinsam zu bestimmen, wo die Reise hingehen soll. „Wir sind ein Team. Wenn die Ute da nicht hin will, dann fahren wir da nicht hin.“

Als eingespieltes Team lässt es sich auf engem Raum gut miteinander auskommen. Jedes Paar entwickelt im Laufe der Weltumsegelung seine ganz eigene Strategie, mit den Gegebenheiten an Bord umzugehen und sich doch Freiräume zu bewahren. Für die einen ist ein zweites Beiboot die Lösung, für andere ein zweiter Kartentisch. Trotz oder wegen all der Jahre, die sie nun schon auf der knapp zwölf Meter langen „Anna Maria“ zu Hause und unterwegs sind: Demnächst feiern Ute und Winfried Goldene Hochzeit.

Die Autorin schreibt gerade ihre Doktorarbeit über „Deutsche Weltumsegler zwischen Abenteuer, Ausstieg und Auswanderung“ im Fach Kulturanthropologie/Europäische Anthropologie.

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