• Freiheit statt Sozialismus Sie war die Vorzeige-Punkerin der PDS und saß bis vor kurzem im Bundestag. Jetzt will sie die Politik studieren. Das neue Leben der Angela Marquardt.

Zeitung Heute : Freiheit statt Sozialismus Sie war die Vorzeige-Punkerin der PDS und saß bis vor kurzem im Bundestag. Jetzt will sie die Politik studieren. Das neue Leben der Angela Marquardt.

Stefanie Flamm

Das Schlüsselband, das sie auf dem letzten Krisenparteitag einem Fotografen abgeluchst hat, liegt vor ihr wie eine Trophäe. „ www.bundesregierung.de“ ; steht da in weißen Lettern auf rotem Grund. Sie will nicht, dass man das falsch versteht. Sie sei nicht dabei, in die SPD einzutreten. Das Schlüsselband habe sie sich in Gera nur besorgt, um Gabi Zimmer zu ärgern, weil diese behauptet hatte, jeder, der ihren Oppositionskurs nicht gutheiße, sei ein verkappter Sozialdemokrat. Kein Mensch braucht eine Ostpartei, hat Angela Marquardt daraufhin gesagt. Kein Mensch braucht Gabi Zimmer, sollte das wohl heißen. Die Schlappe der PDS bei der Bundestagswahl schien ihr Recht zu geben. Doch ihre Position war unter den Genossen nicht konsensfähig. Gabi Zimmer wurde im Amt bestätigt, und Angela Marquardt überlegt seit einem Monat, die Partei zu verlassen. Sie hat die Wende schon mit 17 begrüßt, sie braucht zwölf Jahre später keine Ostpartei mehr. Doch die PDS braucht sie irgendwie schon noch. Sie hat dort viele gute Freunde, aber auch Feinde. Sie ärgert sich oft, aber sie gehört noch dazu. Es ist wie in einer Ehe. Ich lieb’ dich noch, ich lieb’ dich nicht. Ihre Position ändert sich täglich, um nicht zu sagen stündlich. Sie braucht jetzt erst mal ein Bier.

Vom Parlament ins Arbeitsamt

Angela Marquardt bestellt sich ein Radeberger und bittet die Kellnerin, die Musik lauter zu drehen. Es wäre ihr sehr unangenehm, wenn man ihr zuhören könnte. Sie war noch nie mit Journalisten in ihrer Stammkneipe, sagt sie. Früher, als sie noch im Bundestag saß, führte sie ihre Hintergrundgespräche immer im Café „Osswald“ ein paar Straßen weiter. Erst wenn sie wirklich Feierabend hatte, kam sie rüber in den „Torpedokäfer“. Aber seitdem sie ihr Mandat verloren hat, gibt es in ihrem Leben keinen richtigen Feierabend mehr, keine Termine, keine endlosen Debatten. Vielleicht gibt sie sich deshalb dieser Tage so unheimlich beschäftigt. Interviews bekommt man bei ihr nur in allerletzter Minute. Aber dann bleibt sie doch mehrere Stunden sitzen.

Angela Marquardt ist nicht die einzige ehemalige Bundestagsabgeordnete, die sich nun überlegen muss, was sie mit ihrem Leben anstellen will. Mehr als 100 Menschen haben nach der Bundestagswahl das Parlament verlassen, den wenigsten wurde ein interessanter Job angeboten. Selbst Oswald Metzger, der ehemalige Haushaltsexperte der Grünen, soll überlegen, sich mangels lukrativer Angebote selbstständig zu machen. Das Arbeitsamt Balingen vermeldet auf seiner Homepage schon stolz Metzgers ersten Besuch dort. Doch am schlimmsten sei die Arbeitslosigkeit für die Leute der PDS, sagt Angela Marquardt. Die meisten seien seit 1990 dabei und hätten noch DDR-Abschlüsse. „Für die kommt die Wende erst jetzt“. Sie selbst war nur für vier Jahre im Parlament. Aber auch sie hat die letzten Jahre fast ausschließlich mit und in der Partei gelebt. Mit 19 trat sei ein, mit 23 Jahren wurde sie stellvertretende Parteivorsitzende von Gysis Gnaden, und bis heute ist sie eine der medienwirksamsten Vertreterinnen der PDS. „Ein Punk und die roten Mottenkugelmänner“ beschrieb die „Süddeutsche Zeitung“ 1995 das Phänomen Marquardt. Die Frisur, die damals ihr Markenzeichen wurde, trägt sie immer noch: das Haupthaar bis über die Ohren ausrasiert, das Resthaar steil nach oben gegelt und grün wie ein Büschel Gras. Allein wegen dieser Frisur ist sie unverkennbar mit der Politik verknüpft, auch wenn sie sich jetzt in erster Linie als Studentin der Politologie begreift. Otto-Suhr-Institut, 14. Semester, Abschluss noch nicht in Sicht.

Mindestens dreimal pro Woche fährt Angela Marquardt seit neuestem vom Prenzlauer Berg zur Freien Universität nach Dahlem. Wenn man sie tagsüber anruft, bekommt man automatisch eine SMS zurück. „Bin im Seminar“. Das Studium hat sie schon 1995 aufgenommen. Doch erst jetzt nimmt sie es ernst. Ein Professor, dessen Namen sie nicht nennen will, hat ihr neulich geholfen, einen „Uniplan“ zusammenzustellen. Ab nächstes Jahr will sie wieder Scheine machen. Wohl ist ihr dabei noch nicht.

Unsicher, und als fühle sie sich beobachtet, irrlichtert ihr Blick durch die Kneipe, die nach der Wende fast zum Mythos geworden wäre, weil hier Philosophen kellnerten und Schriftsteller zu Trinkern wurden. Für einen späten Nachmittag ist das Lokal ziemlich gut besucht. Viele Männer sitzen hier, darunter immer noch einige trinkende Schriftsteller, wenige Frauen. Die meisten Stammgäste kennen die Angela. Sie mögen sie, das merkt man. Sie nicken freundlich zur Begrüßung. Der Dichter, dem das Lokal einmal gehörte, bevor er das Kaffee Burger in der Torstraße übernahm, schüttelt ihr die Hand. „Wie geht’s?“, will er wissen. „Schlecht“, sagt die Marquardt. So hat sie im Sommer, als bei der Birthler-Behörde eine Stasiakte aufgetaucht war, die sie als „IM Katrin Brandt“ führte, auch immer geantwortet. Schlecht. Da fällt einem nichts mehr ein.

Der Dichter setzt sich an einen anderen Tisch. Angela Marquardt trinkt von ihrem Bier. Die Musik ist mittlerweile laut genug. „Vielleicht ist die jetzige Situation für mich ein willkommenes Stoppschild“, sagt sie dann. Sie sagt auch, dass sie ihre neue Lage als Chance begreifen und die Herausforderung annehmen wolle. Früher galt sie als eine offene, klare Rednerin, eine, die sich nicht hinter hohlspiegeltauglichen Phrasen versteckte. Selbst in ihrer Stasiaffäre wirkte sie ehrlich betroffen und ehrlich beschämt. Doch sobald sie heute über sich sprechen soll, klingt es, als würde sie eine Wahlniederlage kommentieren müssen. Einmal spricht sie sogar von der „Zeit, wo noch alles in Ordnung war“. Dann lacht sie zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Das sei ironisch gemeint gewesen. Doch Ironie hin oder her, auch für sie kommt jetzt eine Wende. Keine von Ost nach West. Im Westen ist die Viva-begeisterte, Gauloise-rauchende Max–Leserin längst angekommen. Ihre Wende könnte eher von oben nach unten verlaufen.

Die 31-jährige Berufspolitikerin hat bisher ein eher privilegiertes Leben geführt. Schon mit 23 bekam sie das „Bombengehalt“ einer Parteivize. Seitdem hatte sie zwar immer zu wenig Zeit, um die Welt kennen zu lernen, aber genug Geld für lange Tauchurlaube in Kenia und Namibia.

Im Februar läuft das Überbrückungsgeld aus, das der Bundestag ausscheidenden Abgeordneten zahlt. Dann braucht sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Job. „Irgendwas mit Medien wäre gut“, sagt Angela Marquardt. Aber da sieht sie für sich zurzeit „keine reelle Chance“. Und als studentische Mitarbeiterin bei einem Bundestagsabgeordneten kann sie auch schlecht arbeiten. Die Max hat sie aus Kostengründen schon abbestellt. Am Mobiltelefon lässt sie sich seit neustem immer zurückrufen. Zur Not gehe sie auch kellnern. In einer Kneipe, nicht in einem Restaurant.

Angela Marquardt, die so gut gepolstert in die Bundesrepublik geplumpst ist, hat, anders als die meisten ihrer Altersgenossen, noch keine Erfahrung im Durchwurschteln. Sie war die PDS-Beauftragte für Internet und neue Medien, aber der Kollaps der New Economy hat sie nicht berührt. Das Leben der Menschen, die sie als Politikerin vertrat, ging an ihr vorbei, bis es ihr langsam entglitt. Wenn ihre Freunde eine Disko besuchten, diskutierte sie mit den Genossen darüber, „ob die DDR ein lebenswerter Staat“ war oder nicht. Wenn andere Bücher lasen, brütete sie über Gesetzesvorlagen. Die Jahrtausendwende verbrachte sie heulend am Computer, weil sie im Januar 2000 ihr Grundstudium abschließen musste. Als sie das letzte Mal im Kino war, lief noch „Das weiße Rauschen“. „Ein super Film“, sagt Angela Marquardt. Sie hatte keinen Vergleich. Sie hatte fast kein Privatleben mehr.

Matratze mit Plüschtier

Das einzige Foto, das sie in ihrer Wohnung zeigt, hat Dorothea Melis 1995 aufgenommen. Dieses Jahr wurde es in dem Bildband „Die Berlinerin“ veröffentlicht. Darauf sieht man Angela Marquardt auf einer Matratze sitzend, neben ihr steht ein großes, buntes Plüschtier. Seit 1997 lebt sie in einer WG, weil das „einem hilft, halbwegs normal zu bleiben“. Ein Bett hat sie sich mittlerweile auch zugelegt. Ansonsten sieht sie dem Mädchen auf der Matratze noch immer ziemlich ähnlich. Schwarze, auffällig unauffällige Klamotten, Silberschmuck, wo man ihn nur hinhängen- und stecken kann, und dieses trotzige Simpsonsgesicht, das ziemlich süß lächeln kann, wenn es nur will.

Diesen Aufzug hat sie sich, einschließlich der oft erwähnten Haartracht, kurz nach der Wende bei den Autonomen in West-Berlin und Hamburg abgeguckt. Sie lebte damals noch in Greifswald, und die Leute sollten „sehen, dass ich gegen rechts bin“. Auch ihre politische Sozialisation erfolgte bei den Hausbesetzern. Links sein hieß für sie, gegen rechts zu sein. Parteiinterne Gegner hielten sie deshalb bisweilen für inkompetent. Heute glaubt sie selbst, dass ihr Weltbild dringend einer wissenschaftlichen Fundierung bedarf. Rechtsradikalismus, Gentechnik und „politische Strukturen“ stehen auf dem „Uniplan“, den sie mit dem Professor zusammen entworfen hat. Ein richtiger Punk ist sie schon lange nicht mehr. Auf ihre Art wirkt sie sogar sehr gepflegt, der ehemals ungesund weiße Teint schimmert mittlerweile bronzefarben. Auf Hiddensee, wo sie das Wochenende verbracht hat, um in sich zu gehen, wird man im Herbst nicht mehr so braun.

Angela Marquardt hat sich verändert. Anders als vielen Autonomen, bereitet es ihr keine Kopfzerbrechen, mit dem CDU-Bürgermeister von Greifswald eine antifaschistische Sitzblockade zu organisieren. Sie ist um jeden froh, der sich im Osten gegen rechts engagiert. Und sie hat es gelernt, Kompromisse zu machen.

Natürlich spricht auch sie noch vom Sozialismus und davon, dass der nur weltweit funktioniert. Doch ihre Vorstellung von einer gerechten Welt ist heute näher an Kant als an Trotzkijs „permanenter Revolution“. „Jeder soll in einer Solidargemeinschaft so leben können, wie er leben möchte, ohne anderen Schaden zuzufügen“, sagt sie. Der Staat spielt in ihrer Vision keine Rolle. Sie ist eine Individualistin. Gabi Zimmer hält sie deshalb für eine Sozialdemokratin. Man könnte sie aber auch für eine Romantikerin halten. Nur in das Bild der linken Studentin will sie noch nicht so recht passen. Banalster Mensa-Small-Talk treibt ihr die Schamesröte ins Gesicht. Sie hat lange nichts mehr gelesen und beherrscht weder Foucault-Derridaisch noch die anderen Dialekte der akademischen Welt. Doch nicht nur deshalb hat sie früher an der Uni nie den Mund aufgemacht. „Alles, was ich gesagt hätte, hätte doch wie ein parteipolitisches Statement geklungen“. Und heute? Sie zuckt mit ihren schmalen Schultern. Wird man sehen. Bisher ist es wohl noch immer so, dass alle sie erkennen, sie an der Uni aber niemanden kennt. Die freie Zeit zwischen den Veranstaltungen verbringt sie im Auto. Allein.

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