Zeitung Heute : Freiheitskampf auf Tabaksdosen

Die Ausstellung „Frühling im Herbst“ erinnert an die Polenbegeisterung vor 175 Jahren

Rolf Brockschmidt

Was war das für ein Jahr. Die 1815 im Wiener Kongreß zementierte Ordnung Europas geriet ins Wanken, in vielen Ländern begehrten 1830 die Bürger auf, begehrten Freiheit und Demokratie. Berühmt ist die Julirevolution in Frankreich, aber auch Belgien wurde 1830 in einem kurzen Aufstand gegen die Niederlande unabhängig. Ein Erfolg, der den Polen nicht beschert war. In Warschau probten polnische Offiziere im November den Aufstand gegen das Regime des Zaren, der Kongresspolen mit aller Macht unterdrückte. Ein Versuch, den Bruder des Zaren, Großfürst Konstantin zu fangen, schlug fehl. Der Sturm auf das Arsenal und Schloss Belvedere war sehr verlustreich. 1831 weiten sich die Kämpfe zwischen Polen und Russen aus, denen es zeitweise nicht gelingt, Warschau zurückzuerobern. Aber letztendlich müssen die polnischen Truppen aufgeben. Allein 20 000 Mann fliehen über die Grenze nach Preußen, andere in das österreichische Teilungsgebiet. Gerade das Überschreiten der Grenze, das Aufgeben der Heimat, war ein höchst emotionaler Schritt, der in vielen Bildern immer wieder überhöht dargestellt wurde.

Eines der berühmtesten Bilder zum polnischen Aufstand ist Dietrich Montens Historienbild „Finis Poloniae“, das er 1832 unter dem Eindruck der Ereignisse und der Begeisterung für die Freiheitsliebe der Polen gemalt hat. Selten ist ein Historienbild so zur Ikone einer Zeit, eines Lebensgefühls geworden, wie dieses komponierte, detailgetreue Bild von polnischen Soldaten, die erschüttert von ihrem Heimatland Abschied nehmen – im Hintergrund ist der Grenzübergang zu sehen.

Das Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen Berlin hatte die Ausstellung rund um Montens Bild bereits 2001 erarbeitet und dann zum „Kulturjahr Brandenburg 2003“ zu einer Wandersausstellung umgearbeitet, die in Polen, Deutschland und Frankreich gezeigt wurde. Nun hat sie der Präsident des Bundesrates, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, zum Auftakt des Deutsch-Polnischen Jahres Ende April 2005 in den Bundesrat geholt. Jetzt, zum Tag der Offenen Tür, steht sie noch einmal uneingeschränkt dem Berliner Publikum zur Verfügung. Und es ist schon interessant, anhand der ausgestellten Grafiken, Schriften und Gemälde zu sehen, welche Sympathien den Polen damals in Europa, vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, Belgien und der Schweiz, entgegengebracht wurde. Rührend sind die Dankesworte, die die polnische Delegation im Mai 1832 auf dem Hambacher Fest an die Deutschen richtet und dafür dankt, dass die Frauen der Umgebung die polnische Fahne genäht hatten, die nun neben Schwarz-Rot-Gold wehte.

Es wurde Unterstützungsvereine in Deutschland gegründet, die den Flüchtlingen auf der Durchreise nach Frankreich halfen. Paris wurde zum intellektuellen Mittelpunkt der Polen, die ihre Heimat verlassen mussten. Von Merchandising war damals noch keine Rede, aber Montens pathetisches Historiengemälde zierte im Original oder als verwandtes Motiv Tabaksdosen und Pfeifenköpfe. Der Freiheitsgedanke war ansteckend, wenngleich es für Deutschland noch ein wenig gedauert hat. Aber auch in der Revolution von 1848 kämpften polnische Legionen mit.

Natürlich darf am Ende dieser Ausstellung ein Bild von Lech Walesa auf der Werft in Danzig nicht fehlen, aber dennoch, wann hat ein politisches Ereignis die Menschen in Europa noch einmal so berührt wie vor 173 Jahren?

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