Zeitung Heute : Freiraum-Wohnung

Ältere Menschen werden in Zukunft mehr denn je ein individuelles Umfeld suchen – denn noch nie waren sie so vital wie heute

Insa Lüdtke

Schon kurz nach Erscheinen im März diesen Jahres stand „Das Methusalem Komplott“ auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten. Frank Schirrmacher zeichnet in diesem Buch ein scharfes Bild dessen, was die Zukunft bringt, wenn Politik und Wirtschaft die Überalterung der Gesellschaft weiter ignorieren sollten. Er ruft die Alten zu einem Komplott auf – sie sollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: „Sorge dich nicht, werde alt.“ Das große Interesse der breiten Leserschaft steht allerdings im krassen Widerspruch zu den bisher ungelösten Problemen.

Nach Angaben des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) gibt es bereits heute in Berlin mehr Menschen über 65 Jahre als Minderjährige. Die Wohnungswirtschaft erkennt langsam, dass sie ihre Bestände den Bedürfnissen ihrer alternden Mieter anpassen muss, damit sie sie in Zukunft halten kann. Schließlich wollen laut einer Umfrage des Kuratoriums Wohnen im Alter (KWA) über 80 Prozent der Menschen in ihrer angestammten Wohnung alt werden.

Nicht das tatsächliche Alter, sondern der eigene Lebensentwurf – ob als Großeltern oder Weltenbummler – wird in Zukunft immer mehr die Wohnungsnachfrage prägen. Der medizinische Fortschritt hat die Altersschwelle mit drastischen Gesundheitseinschränkungen auf 75 Jahre steigen lassen. Noch nie waren alte Menschen so vital wie heute. Sie wollen so lange wie möglich mitten im Leben stehen. Erst in der so genannten „vierten Lebensphase“ nehmen Demenz und Einschränkungen des Bewegungsapparates dramatisch zu, und ein Umzug in ein Altenheim oder sogar Pflegeleistungen werden nötig. Helmut Braun, der Vorstandsvorsitzende des KWA, fordert deshalb eine grundsätzliche Kursänderung: „Die strikte Trennung von Wohnen und Pflege muss zukünftig als überholt gelten.“ Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Neue Wohnformen im Alter“ kürzlich in Berlin plädierte er für eine Vielfalt an Wohnangeboten, die Pflegemöglichkeiten im Quartier mit einschließen. Bis zum Jahr 2020 prognostiziert die Unternehmensberatung Rölfspartner in ihrer aktuellen Studie „Potenziale seniorengerechter Produkte im Wohnumfeld“ für Deutschland einen Bedarf von rund 665 000 Einheiten im Bereich neuer Wohnformen.

Für Deutschland noch Zukunftsmusik, gibt es in Holland so genannte „Wohnzonen“ – ein Modellprojekt in einem bestehenden Wohnquartier in Den Haag. Hier sollen langfristig 25 Prozent der Wohnungen altengerecht und vier Prozent barrierefrei zur Verfügung stehen. So will man die Abwanderung der alten Menschen ins Heim oder in andere Quartiere stoppen. Nach drei Jahren hat man bereits 270 Wohnungen mit Bildtelefonen und Internet ausgestattet und Servicepunkte mit Ansprechpartnern eröffnet. Bis zum Jahr 2010 will man insgesamt 1000 barrierefreie Wohnungen bereitstellen können.

Solche interdisziplinären Projekte wünscht sich Eckhard Feddersen, Berliner Architekt im Bereich Wohnen im Alter, auch für Deutschland. Er fordert, statt sich hierzulande mit formalistischen Reglementierungen und DIN-Normen aufzuhalten, konkrete Lösungen für mehr Sicherheit, Komfort und Qualität zu entwickeln: „Wir brauchen mehr Sinnlichkeit in der Architektur.“ Er spricht dabei von dem grundsätzlichen Paradigmenwechsel des Universal Design – hin zu einem „Wohnen für alle“. Entstanden in den USA, propagiert die Idee des „Universal Design“ eine für jedermann nutzbare Umweltgestaltung und Formgebung von Alltagsgegenständen. Laut Feddersen werde es in Zukunft nicht unbedingt um ein „mehr“ an Wohnraum gehen müssen, sondern um seine Qualität, Nutzbarkeit und Behaglichkeit. Diese an den Bedürfnissen der älteren Bewohner orientierten Wohnungen werden schließlich mit einem erhöhten Komfort auch junge Leute mit Kindern anziehen. „Serviceleistungen rund um den Haushalt sowie Wellness-, Einkaufs- und Kommunikationsangebote im Radius von einem Kilometer entscheiden zukünftig neben dem Wohnungsgrundriss über die Attraktivität der Bleibe“, ergänzt Marie-Therese Krings-Heckemeier, Geschäfsführerin von Empirica. Das Berliner Wirtschaftsinstitut untersucht Standortqualitäten von Seniorenimmobilien.

Es hapert heute nicht mehr nur am fehlenden Handlauf oder der bodengleichen Dusche. Die wachsende Zahl der „Generation 50-Plus“ fordert in Zukunft im Gegensatz zu den heute alten Menschen ihre Bedürfnisse nach Komfort und Qualität immer mehr ein. Laut einer Umfrage des KWA sind rund 20 Prozent der heute 40- bis 54-Jährigen offen für neue Wohnkonzepte wie Betreutes Wohnen oder selbstinitiierte gemeinschaftliche Wohnprojekte wie das Berliner Projekt „49 on top“. Immer mehr WG-erprobte Alt-68er wollen zwar in ihrer eigenen Wohnung, aber mit einem großzügigen Gemeinschaftsbereich leben und sich gegenseitig unterstützen.

„Bisher gibt es für solche Vorhaben keinerlei Unterstützung der Kommunen, obwohl sie dadurch langfristig entlastet würden“, erklärt Heike Grünewald vom Verband für sozial-kulturelle Arbeit (VSKA). Deshalb baut sie zurzeit für die Koordination der verschiedenen Akteure für selbstbestimmte Wohnprojekte in Berlin die Internetplattform „Netzwerk 50-Plus“ auf. Hier können sich Interessenten mit Architekten, Investoren und Wohnungsunternehmen in Verbindung setzen.

„Die Wohnungsanbieter müssen bereit sein, neue Wege zu gehen, die Vorgehensweise der Gruppen kennen lernen, Angebote für einen neuen Markt entwickeln“, fordert Gerda Helbig vom Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter (FGWA). Sie empfiehlt Interessierten auf die Wohnungsanbieter zuzugehen. Für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Projektgruppen und Partnern rät sie zu einer rechtlichen Organisation als Verein, GbR oder Stiftung und Transparenz nach außen: „Die Gruppe sollte regelmäßige dokumentierte Treffen halten, eine feste Adresse und Ansprechpartner nennen können.“ Besonders wichtig für die Gewinnung von Investoren sei es, das Konzept der Lebensgemeinschaft schriftlich zu fixieren.

Eine Art „Gästehaus“ im Sinne eines Klosters oder Beginenhofes soll das Projekt von Eva-Maria Hässler werden: „Das Haus wird Geborgenheit bieten aber nicht einengen.“ Wer noch einmal eine Weltreise machen möchte, soll seine Wohnung vermieten und nur den Briefkasten als feste Adresse nutzen können. Hässler schließt als Ergänzung der gegenseitigen Unterstützung auch extern eingekaufte Serviceleistungen mit ins Konzept ein. Seit zwei Jahren sammelt sie Ideen und „Menschen“. Die 64-Jährige hat dafür eine öffentliche Veranstaltungsreihe initiiert, bei der externe Akteure über Architektur, Finanzierung und Recht vortragen. So gewinnt sie potenzielle Mitbewohner und das nötige Fachwissen. Bis jetzt hat sie fünfundzwanzig Personen begeistern können.

Karin Dietz, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugenossenschaft 1892, wäre offen für solch ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, sie nimmt aber die Banken in die Verantwortung, dass viele solcher Projekte nicht zu Stande kommen: „Die meisten Banken haben sich vom Bauträgergeschäft verabschiedet oder die Messlatte der Auflagen unerreichbar hoch gelegt“, bedauert Dietz. „Vor Baubeginn 50 von 65 Wohnungen vom Papier zu verkaufen, ist selbst bei Nischenobjekten heute nicht machbar.“

Der Vorschlag von Joachim Schmidt, Präsident des Dachverbandes Deutscher Immobilienverwalter (DDIV), könnte einen ganz neuen Lösungsansatz bieten. Er formulierte kürzlich die Idee, leer stehende Bürogebäude für Seniorenlebensgemeinschaften umzunutzen. „Hier können Menschen in Ballungsräumen ihren Traum vom citynahen Wohnen erfüllen und die Verödung der Innenstädte ginge deutlich zurück.“ Methusalem könnte also doch schon einziehen.

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