Zeitung Heute : Freiwillige Selbstbeschränkung

AOL will den Wildwuchs der unaufgefordert aufspringenden Popup-Werbefenster eindämmen, allerdings nur in den USA

Kurt Sagatz

Endlich mal eine lobenswerte Initiative: AOL Amerika gab am Mittwoch bekannt, künftig weitgehend auf den Einsatz von Popup-Werbefenstern zu verzichten. Man wolle damit auf den Unmut vieler Kunden reagieren, die diese Werbeform als extrem störend empfinden. Bei Popup-Werbung handelt es sich um die vielen bunten Werbefenster, die sich beim Aufruf von Internet-Seiten parallel zu den eigentlichen Inhaltsseiten auf dem Bildschirm ausbreiten und so den Blick auf die gewünschten Informationen versperren.

Die neue Initiative von AOL ist kein Einzelfall: AOL-Konkurrent Earthlink hat seinen Kunden schon vor längerer Zeit eine technische Möglichkeit eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob man die störende Werbung sehen oder abschalten will.

Der Deutsche Multimedia Verband (dmmv) plädiert seit langem dafür, bei den Werbeformen nutzerorientiert zu agieren. Es diene weder den Auftraggebern noch den Vermarktern, wenn die Werbung von den Endkunden als störend empfunden wird, lautet die gewachsene Einsicht. Alexander Felsenberg, Geschäftsführer des dmmv, will die AOL-Entscheidung jedoch nicht überbewerten. Wenn AOL ankündigte, künftig keine Gebühren mehr zu erheben, wäre das eine Richtungsentscheidung. Die Einschränkung der Popup-Werbung sei ein Vorgang, bei der eine Werbeform ausläuft, weil sie nicht mehr den gewünschten Erfolg hat. Generell wichtig und richtig sei jedoch, dass der Nutzer entscheiden kann, was er will und was nicht. Dies gelte nicht nur im Internet, sondern auch für das Mobile Marketing. Vor allem die unaufgeforderte SMS-Werbung wird als Problem angesehen. Der dmmv will nun mit einem Branchenkonzept zur SMS-Werbung Abhilfe schaffen.

Wie ernst es AOL mit seiner Ankündigung ist, muss sich zudem noch erweisen. Zuerst müssen die noch bestehenden Verträge mit Werbekunden eingehalten werden. Zudem hat sich AOL vorbehalten, für eigene Produkte weiterhin mit Popup-Anzeigen zu werben, die sich unaufgefordert öffnen. Für Deutschland sieht AOL überdies keine Veranlassung, den Einsatz von Popups einzuschränken. Nicht, weil man hier die Bedürfnisse der Kunden weniger ernst nimmt, sondern weil im deutschen Teil von AOL ohnehin viel kleinere Fenster eingesetzt werden, die immer am unteren rechten Rand sitzen, ohne den Seiteninhalt zu überdecken.

Wer dennoch nicht erst darauf warten will, dass sich Provider und Werbetreibende in freiwilliger Selbstbeschränkung üben, kann auf verhältnismäßig einfache Weise selbst tätig werden. Die meisten Popup-Fenster öffnen sich über Javascript-Befehle, die in die eigentlich angeforderte Seite eingebunden sind. In den meisten Internet-Browsern kann man diese Funktion genauso deaktivieren wie ActiveX-Aufrufe oder Java-Programme. Diese manuelle Flurbereinigung hat jedoch auch Auswirkungen auf die Darstellung aller anderen Internet-Seiten, denn ohne ActiveX, Java und Javascript verlieren viele Websites ihre attraktivitätssteigernden Funktionen.

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