Zeitung Heute : Freiwillige vor

1985 haben die Vereinten Nationen den Internationalen Tag des Ehrenamtes ins Leben gerufen, der an diesem Freitag begangen wird. Wie ist es um das freiwillige Engagement der Deutschen bestellt?

Udo Badelt Katrin Richter

Wenn Bundespräsident Horst Köhler an diesem Freitag im Schloss Bellevue 25 Bürger auszeichnet, dann ehrt er damit stellvertretend die 23 Millionen Deutschen, die ehrenamtlich tätig sind. Sie engagieren sich in Sportvereinen, Kirchen und Parteien, betreuen alte Menschen oder helfen ausländischen Mitbürgern im Alltag. Und das alles unentgeltlich.

Viele Organisationen kommen nicht mehr ohne solche Unterstützung aus. Jeden Tag holen zum Beispiel Mitarbeiter der „Tafeln“ aus ganz Deutschland Lebensmittel, die in Restaurants oder Kaufhallen übrig geblieben sind, und bringen sie zu ihren Ausgabestellen. Dort können sich Bedürftige mit Äpfeln, Brötchen oder Joghurt versorgen. „Ohne Ehrenamt keine Tafeln“, sagt Anke Assig, Sprecherin des Vereins. Stolz verweist sie darauf, dass sich immer mehr Helfer fänden. Zwischen 2005 und 2007 sei die Zahl der freiwilligen Tafel-Mitarbeiter um 25 Prozent gestiegen. Hauptsächlich seien es Frauen, die nach ihrem Berufsleben anderen helfen möchten, betont Assig.

Bundesweit arbeiten einer Studie zufolge 32 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer ehrenamtlich. Das liegt auch daran, dass sich vor allem in Sportvereinen und in der Lokalpolitik viele Männer engagieren. In der Pflege überwiegen die Frauen. Für seinen „Engagementatlas“ hat das Forschungsinstitut Prognos 44 000 Menschen befragt. Regional gibt es demnach große Unterschiede im freiwilligen Engagement. So arbeiteten in Süddeutschland rund 40 Prozent ehrenamtlich, im Norden sind es stellenweise nur 30 Prozent. Auch zwischen Westen und Osten klafft eine Lücke. Während in Ostdeutschland durchschnittlich 26 Prozent ehrenamtlich engagiert sind, weist Westdeutschland einen Anteil von 36 Prozent auf. Berlin, wo nur jeder Fünfte ein Ehrenamt ausübt, belegt mit Bremen den letzten Platz.

Zu denken gibt allerdings eine anderes Ergebnis der Prognos-Studie. So entspreche das gesamte freiwillige Engagement der Arbeitskraft von 2,3 Millionen Vollzeitbeschäftigten und einer Arbeitszeit von 4,6 Milliarden Stunden. Verdrängt also die gut gemeinte Freiwilligentätigkeit reguläre Arbeit?

Diese Gefahr sieht Elfi Witten, Sprecherin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin, nicht. „Wir legen Wert auf eine Trennung zwischen professionell ausgebildeten und freiwilligen Helfern.“ Aber es sei eben auch eine Tatsache, dass vielen Pflegeeinrichtungen neben den Routinearbeiten für die menschliche Zuwendung einfach keine Zeit bliebe. „Dort wird im Minutentakt abgerechnet“, sagt Witten. Der Kostendruck sei enorm.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma sucht das Projekt „Sonnenblume“ in Forst, das von der Volkssolidarität Brandenburg unterstützt wird. Hier werden ältere Menschen durch ehrenamtliche Helfer begleitet, die sie vor Einsamkeit bewahren sollen. Das Besondere an dem Projekt: Es ist eine Kombination aus professioneller Pflege und bürgerschaftlichem Engagement. Arbeitsplätze im Pflegebereich würden so nicht gefährdet, sagt Projektleiterin Heike Steiner. Es sei ganz klar abgegrenzt, was ehrenamtliche Helfer tun dürfen und was nicht. „Alles, was in den Bereich Pflege fällt, also füttern, waschen oder anziehen, ist den Ehrenamtlichen untersagt.“ Sie sollten sich auf die Kommunikation mit den Menschen konzentrieren, ihnen vorlesen,einfach Zeit mit ihnen verbringen.

Auch Sonja Kubisch vom Bundesnetzwerk für bürgerliches Engagement kennt die Diskussion, ob ehrenamtliche Helfer volle Stellen gefährden könnten. Für sie steht fest, dass Freiwilligkeit nicht durch Professionalität ersetzt werden kann. „Es gibt bereits gute Modelle der Kooperation zwischen freiwillig Engagierten und hauptberuflich beschäftigten Mitarbeitern.“ Wichtig sei, dass beide Seiten besprechen, wie Aufgaben sinnvoll geteilt werden können.

Viele Menschen sind bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Aber oft herrscht Verunsicherung über die Rahmenbedingungen. So sind zwar die meisten Helfer über den jeweiligen Verein versichert. Aber es sei ein Unterschied, ob jemand bei der Feuerwehr helfe, sich im Pflegebereich engagiere oder auf kommunalpolitischer Ebene tätig ist, sagt Karin Stiehr vom Institut für Soziale Infrastruktur in Frankfurt am Main. Wer in keinem Verein Mitglied sei, sei oft nicht ausreichend abgesichert. Der Berliner Senat hat diese Lücke bereits vor drei Jahren geschlossen und eine Sammel-, Haftpflicht- und Unfallversicherung für Menschen abgeschlossen, die zum Beispiel nur einen Spielplatz im Bezirk verschönern wollen.

Die Bereitschaft zu helfen, ist das eine. Doch vielen fällt es schwer, auch die richtige Aufgabe für sich zu finden. Dabei hilft in Berlin der Treffpunkt Hilfsbereitschaft. Seit 20 Jahren vermittelt der Verein in der Torstraße Freiwillige an eine der 350 Partnerorganisationen. Das Spektrum reicht vom Bewährungshelfer, der Gefangene besucht, zu Senioren, die Kindern einen Großelternersatz bieten. Der Großteil der jährlich rund 700 Ehrenamtlichen, die der Verein unentgeltlich berät, sind aber junge Leute zwischen 20 und 30, die Berufserfahrung für ihre Karriere sammeln wollen. „Wir haben festgestellt“, sagt Geschäftsführerin Carola Schaaf-Derichs, „dass viele, die zu uns kommen, damit auch einen Knoten in ihrer eigenen Biografie lösen. Nachdem sie sich engagiert haben, geht es oft auch in ihrem eigenen Leben richtig los.“

Der Treffpunkt Hilfsbereitschaft feiert an diesem Freitag um 17.30 Uhr sein 20-jähriges Jubiläum im Roten Rathaus. Weiteres dazu unter www.freiwillig.info.

Mehr zum Thema Ehrenamt unter: www.initiative-zivilengagement.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben