Zeitung Heute : Fremd in der Heimat

Der Tagesspiegel

Von Sven Goldmann, Danzig

Es ist still auf dem Gelände der Werft, die einmal Lenins Namen trug und heute nur noch Werft heißt. Weit und breit keine Menschen, aber der Rasen ist kurz geschnitten. Hellblauer Lack blättert von den Backsteinen. Früher war hier mehr los, am meisten im August 1980, als die Werftarbeiter streikten und die Fernsehleute kamen und die Polizisten und die Wasserwerfer. Hier ist der Elektriker Lech Walesa über den Zaun geklettert und hat sich zum Anführer der Gewerkschaft Solidarnosc aufgeschwungen. Für Dariusz Michalczewski war Danzig damals die aufregendste Stadt der Welt. Nach dem Boxtraining in der Sporthalle neben der Werft ist er mit seinen Freunden rübergelaufen zum großen Platz vor dem Werktor. Steine werfen auf die Polizisten. Michalczewski war zwölf Jahre alt, für Politik hat er sich nicht interessiert. „Ich hatte keine Ahnung, worum es damals ging, irgendwas gegen die Russen oder so. Aber es war wahnsinnig aufregend, wie die Polizisten uns gejagt haben." Die größte Angst hatte der Junge davor, dass die Mutter dahinterkommt. „Sie hat es dann doch gerochen." Das Tränengas hing schwer in Haar und Kleidung.

Das ist jetzt zweiundzwanzig Jahre her, und Dariusz Michalczewski erzählt davon, als hätte er sich vor einer Stunde ein Videoband angeschaut. Lebendig, aber ohne innerliche Anteilnahme. Vorbei ist vorbei. Polen ist heute ein anderes Land, Danzig eine andere Stadt, „viel schöner als damals", und Michalczewski nicht mehr der Halbwüchsige mit dem Stein in der Faust, sondern ein kleiner Star. Boxprofi, Weltmeister im Halbschwergewicht, Deutscher auf dem Pass und einer der wenigen, die übrig geblieben sind vom Boxboom der Neunzigerjahre. Am Sonnabend wird er in Danzig seinen Titel gegen den Amerikaner Joey de Grandis verteidigen. Es ist die erste Profibox-Veranstaltung in Polen. Wenn Michalczewski über den Kampf von Danzig spricht, dann nennt er ihn stolz „mein Baby". Aber keiner soll ihm damit kommen, dass er aus Dankbarkeit gegenüber der Heimatstadt gekommen ist.

Der Geschäftsmann im Boxer

Mit Heimat hat Dariusz Michalczewski nicht viel im Sinn. Sein Geld hat er nicht in Polen gemacht, sondern in Deutschland. Es war der Geschäftsmann im Boxer, der den Kampf organisiert hat, durchgesetzt gegen die Widerstände behäbiger Manager und unwilliger Werbeleute und bis zuletzt gegen die Insolvenz seines Fernsehpartners Kirch, der das nötige Kleingeld bereitstellt. Der Weltmeister wirkt angespannt. Es sind die Begleitgeräusche, die ihn stören. Seit Wochen rufen polnische Journalisten an. Michalczewski mag sie nicht, jedenfalls nicht alle. „Die stellen immer dieselben blöden Fragen. Von wegen Kampf der Nationen, der Pole kommt nach Hause, jetzt wird sich zeigen, für wen sein Herz schlägt. Ich kann das nicht mehr hören."

Wo ist er zu Hause? In Danzig schon lange nicht mehr. Zu Hause ist Hamburg, „eine richtige Weltstadt". Nach Danzig kommt er zum Geschäfte machen, „alle möglichen Sachen, mit denen man Geld verdienen kann". Seit einem Jahr hat er wieder einen Wohnsitz an der polnischen Ostseeküste. Im Vortort Sopot hat er sich ein Appartement gekauft, am Boulevard Monte Cassino, einer der ersten Adressen Polens. Bis Mitte kommenden Jahres will Michalczewski das Abitur nachmachen. Er hat sich an einer Fernschule eingeschrieben, „wissen Sie, ich bin ein cleverer Junge". Seine Lieblingsfächer sind Physik und Mathematik. „Geschichte langweilt mich, warum soll ich mich dafür interessieren, wer wann welchen Krieg gewonnen hat."

Dariusz Michalczewski kennt Danzig nicht als ewigen Zankapfel zwischen Deutschen und Polen, als Ausgangspunkt des Zweiten Weltkrieges. Langer Markt, Krantor, Marienkirche – der Wiederaufbau der im Krieg zu 90 Prozent zerstörten Altstadt war schon abgeschlossen, als Michalczewski im Vorort Oliwa aufwuchs. Sagt er Danzig oder Gdansk? „Das ist mir egal, in Polen sage ich Gdansk, in Deutschland Danzig, das verstehen die Leute besser." Er kommt gern mal für ein paar Tage aus Hamburg herüber, mit dem Flugzeug dauert es nur eine knappe Stunde. Die Familie wohnt noch hier, manchmal trifft er sich mit seinen Freunden zum Fußballspielen, in der alten Sporthalle neben der Werft. Aber zu Hause? Michalczewski verzieht mitleidig das Gesicht. „Danzig ist eine hübsche Stadt, aber viel zu eng für einen Mann wie mich."

Das Bemerkenswerte an der Begegnung des Boxers mit seiner Heimat ist die nüchterne Gleichgültigkeit, der Mangel an Leidenschaft. Das beruht auf Wechselseitigkeit. Danzig ist in diesen Tagen keine Stadt, die ihren verlorenen Sohn empfängt. Auf der anderen Seite geht es ihm auch nicht wie Marlene Dietrich, die bei ihrer Rückkehr nach Berlin als Verräterin beschimpft wurde, lange Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Michalczewski ist in Danzig ein Neutrum. Ein Boulevardblatt arbeitet die Ankunft des Weltmeisters routiniert mit einem Foto auf der Titelseite ab. Für Adam Malysz, den Skispringer, hätten sie eine Sonderausgabe herausgebracht. Dabei ist Michalczewski der berühmteste Danziger seit Schopenhauer und Grass. Wer es gut mit ihm meint, hebt sein geschäftliches Engagement hervor. Den Deal mit einer Hamburger Brauerei, mit zwei, drei Sportartikelherstellern, die Sportbar, die sein Bruder für ihn in der Innenstadt betreibt. Dariusz Michalczewski ist hier ein kleiner Wirtschaftsfaktor. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Dariusz Michalczewski interessiert sich nicht für Danzig, und Danzig interessiert sich nicht für ihn. „Der Mann hat ein großes Problem: Den Deutschen ist er zu polnisch, den Polen zu deutsch", sagt Zygfryd Lehmann, Gastwirt im Danziger Neubauviertel Chelm. Anfang des Jahres hat zwischen Hochhäusern und Supermärkten die Pizzeria Prima eröffnet, fünf Tische, die Geschäfte könnten besser gehen. Vorher hat Lehmann elf Jahre lang ein Lokal in Köln geführt. Schon dort war ihm der boxende Landsmann egal. Wie Lehmann empfinden viele Polen. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres landet der Box-Weltmeister Michalczewski Jahr für Jahr auf Plätzen, über die in der Zeitung niemand mehr berichtet.

Neiden die Polen ihrem Weltmeister den Erfolg? Sehen sie in ihm den Überläufer, den Mann, der ausgerechnet bei den Deutschen sein Geld gemacht hat, den seit Jahrhunderten verhassten Nachbarn? „Blödsinn", sagt Michalczewski. „Meine Generation hatte mit den Deutschen kein Problem. Unsere Feinde waren die Russen, die haben uns abgezockt." Die Deutschen waren Idole. Was sie hatten, hat immer ein bisschen besser geschmeckt, ein bisschen besser gerochen. „Wir haben jeden beneidet, der nach Deutschland abgehauen ist. Wir wussten, in ein paar Jahren kommt der mit einer dicken Brieftasche und einem dicken Auto zurück."

Mit dem dicken Geld hat es für Michalczewski nicht so schnell geklappt. Im Frühjahr 1988, er war schon für die Olympischen Spiele in Seoul nominiert, hat er sich auf der Anreise zum Intercup nach Karlsruhe abgesetzt. Frau und Kind konnten eine Woche später nachkommen. Pässe und Visa hatte Michalczewski auf dem schwarzen Markt organisiert. Zweieinhalb Jahre Box-Bundesliga bei Bayer Leverkusen, dann kam das Angebot des Hamburger Promoters Klaus-Peter Kohl, der ihm einen Profivertrag und den Kampfnamen Tiger gab. Drei Jahre später war Michalczewski Weltmeister. Es folgten 20 erfolgreiche Titelverteidigungen. Und jetzt der Kampf in Danzig.

Rocky I an der Ostsee

Wer am Neptunbrunnen in der Langen Gasse nach Dariusz Michalczewski fragt, bekommt Geschichten zu hören, wie sie stets und immer wieder über Boxer erzählt werden. Rocky, Teil I. Der Mann aus kleinen Verhältnissen, der von seinem Vater verprügelt wird, sich auf der Straße herumtreibt und im Ring nach oben boxt. „Jeder hier weiß, wo Michalczewski herkommt", sagt Lukas. Lukas arbeitet als Kellner im Ratskeller und passt noch nicht ganz in seinen schwarzen Anzug hinein. Den Boxer kennt er nur aus dem Fernsehen. „Aber ich weiß, dass er in seiner Jugend ein Autodieb und Straßenräuber war. Wenn er nicht als Boxer nach Deutschland gegangen wäre, dann würde er jetzt im Gefängnis sitzen." Legenden, die keiner bestätigen mag, die aber auch nicht dementiert werden. Neid? Lukas hebt abwehrend beide Hände. „Der Mann hat alles richtig gemacht. Ich würde auch in den Westen gehen, wenn ich die Chance auf einen guten Job und viel Geld hätte. Danzig ist keine Stadt, in der du deinen Weg nach oben machen kannst."

Danzig hat andere Sorgen. Die Kriminalität hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Entlang der S-Bahn reihen sich stadtauswärts Hütten aus Wellblech und Pappe aneinander. In Amerika nennen sie so etwas Slums. „Das ist das andere Danzig", sagt Lukas, der Kellner aus der Altstadt. „Hier jagen sie dir für eine Lederjacke und ein Handy eine Kugel in den Kopf."

Wenn es mit der Wirtschaft schlecht geht, geht es dem Boxen gut, hat der Promoter Fritz Gretzschel einmal gesagt. Dieser Grundsatz gilt in Danzig nicht. Die Oliviahall im Vorort Oliwa ist ein schlichter Betonbau mit sanft geschwungenem Dach und überdimensionaler Glasverkleidung an den Flanken. Für gewöhnlich spielt hier die Danziger Eishockeymannschaft. Nichts deutet darauf hin, dass hier am Sonnabend der Weltmeister boxt. 5200 Leute fasst die Halle, der Vorverkauf für den Kampf verläuft schleppend. „Die Karten sind zu teuer", sagt der Pizzabäcker Lehmann. 200 Zloty, knapp 60 Euro, kostet die billigste Karte im Tiger Pub, der Kneipe, die Michalczewskis Bruder Tomas unweit der Altstadt betreibt. 200 Zloty. Ein Arbeiter verdient 1000 Zloty im Monat.

In ganz Danzig findet sich nur ein Plakat, das vom Kampf des Weltmeisters kündet. Eine Farbkopie im DIN-A-3-Format. Michalczewski faucht einen brüllenden Tiger an, unten handschriftlich der Hinweis, dass von 11 bis 18 Uhr Karten verkauft werden.

Das Plakat klebt an der Tür zum Tiger Pub.

Hinter der Theke steht Tomas Michalczewski, die Kunden nennen ihn Tomek. Er sieht seinem Bruder mit dem dunklen Haar und dem kantigen Gesicht recht ähnlich, was sich gut macht, wenn zu vorgerückter Stunde Touristen mit dem Weltmeister posieren wollen. Tomek hebt dann die Fäuste Richtung Kamera, und der eine oder andere Besucher wundert sich dann, warum der berühmte Boxer kurz vor einem WM-Kampf noch in der Kneipe sitzt und gewissenhaft die Qualität des ausgeschenkten Bieres überprüft.

Vom Tiger Pub sind es zu Fuß zehn Minuten zur Zentrale von Solidarnosc. Dorthin, wo alles begann. Die Werft, die einmal Lenins Namen trug und heute nur noch Werft heißt, steht vor dem Ruin. Wo vor 22 Jahren das Ende des Ostblocks seinen Anfang nahm, soll bis zum Jahr 2005 eine gigantische Shopping-Mall entstehen. „Früher waren andere Zeiten", sagen die wenigen, die hier noch immer Schiffe bauen. An die Helden von einst erinnert eine Gedenkstätte mit einem Rundgang für Touristen. Lech Walesa lebt als Privatmann in Oliwa, nicht weit weg von der Halle, in der am Samstag geboxt wird. Wird er als Ehrengast erwartet? Michalczewski lacht. „Ich habe Freunde in der Politik, mächtige Leute wie Leszek Miller, den Premierminister. Was soll ich mit einem Loser wie Walesa?"

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