Zeitung Heute : Fremder Hass

Hinter den scheinbar spontanen Ausschreitungen stehen bewusste Interessen

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Die Proteste wegen der MohammedKarikaturen sind eskaliert. Von wem genau wird Europa bedroht – von den Muslimen allgemein, von einzelnen Hasspredigern, oder von Regimen, die die Lage missbrauchen?

Zwar fühlen sich die allermeisten Muslime in der arabischen Welt durch die Mohammed-Karikaturen tatsächlich beleidigt. Doch die gewalttätigen Ausschreitungen in Damaskus und Beirut, wo Demonstranten die dänischen und norwegischen Botschaften niederbrannten, werden auch unter den Muslimen im Nahen Osten zunehmend kritisiert und verurteilt. Viele Beobachter gehen inzwischen davon aus, dass gut organisierte militante Gruppen für die Ausschreitungen verantwortlich sind. Und gerade im Falle Syriens gibt es Zweifel daran, dass sich tausende Menschen versammeln können und ein Gebäude angreifen, ohne dass die Behörden des Landes das willentlich geschehen lassen.

Die algerische Tageszeitung „La Tribune“ schreibt, was in der islamischen Welt viele denken: Sie macht das syrische Regime für die Ausschreitungen in Damaskus und Beirut verantwortlich. „Es ist kein Zufall, dass die dänischen und norwegischen Botschaften in Damaskus und Beirut niedergebrannt wurden“. Syrien, das wegen des Mords am libanesischen Ex- Premier Rafik Hariri unter Druck stehe, habe „alles Interesse daran“, die Welt von dieser Angelegenheit abzulenken.

In Libanon waren dagegen mehr als 1000 Sicherheitskräfte im Einsatz, um eine Demonstration im Zaum zu halten. Sie konnten aber nicht verhindern, dass militante Randalierer die Absperrungen um das Konsulat durchbrachen. 174 Personen wurden festgenommen, darunter 76 Syrer, 38 Libanesen und 35 Palästinenser. Der Führer der stärksten Parlamentspartei, Saad Hariri, bezeichnete den Sonntag als „schwarzen Tag für die Muslime Libanons“. Die libanesische Tageszeitung „Daily Star“ schrieb, dass der Schaden für das Image des Islam, der durch die Randalierer entstand, „größer ist als der, den die Karikaturen angerichtet haben“. Niemand habe die Verantwortung für die Konfrontation mit den Demonstranten übernehmen wollen, schreibt die Tageszeitung „As-Safir“.

Wie sehr in Libanon und Syrien der besondere politische Kontext eine Rolle spielt, wird gerade im Vergleich zu Ägypten deutlich. Zwar ist die ägyptische Gesellschaft konservativer und religiöser als die syrische, doch bisher kam es nicht zu massiven Demonstrationen oder Ausschreitungen. Die Freitagspredigten haben sich mit den Karikaturen beschäftigt und es wurde teilweise auch zu Protesten aufgerufen. Aber in der Al-Ashar-Moschee in Kairo kam es nur im Inneren nach dem Ende des Freitagsgebets zu einem Protest. Hinzu kommt, dass den Massen in Syrien ohnehin bei außenpolitischen Themen eine gewisse Demonstrationsfreiheit überlassen wird – damit die Bevölkerung ihren Ärger, der sich in erster Linie gegen die eigene korrupte Führung richtet, umleiten kann.

Auch die Bundesregierung sieht in den Ausschreitungen offenbar mehr als eine spontane Entladung des Volkszorns. Vor offenen Mikrofonen wurde der Sprecher des Auswärtigen Amtes (AA) am Montag ungewöhnlich deutlich: Es sei „in der Tat eine spannende Frage“, warum es so einfach sei, innerhalb kürzester Zeit im gesamten Nahen Osten „an dänische Fahnen heranzukommen“, erklärte Martin Jäger. Eine offene Schuldzuweisung zum Beispiel an die syrische Regierung vermied der AA-Sprecher zwar, er kam aber gleich mehrfach auf das Geschehen „insbesondere in Damaskus“ zu sprechen. Die Berichte internationaler Medien, deutscher Diplomaten und Nachrichtendienste bestätigen in Berlin die Einschätzung, dass die syrische Regierung dem Mob ganz bewusst Handlungsfreiheit gewährte oder ihn gar steuerte: Während die dänische Botschaft in Damaskus angeblich nicht zu schützen war, hatten die syrischen Sicherheitskräfte keine Schwierigkeiten, die Vertretung Frankreichs abzuriegeln, die als nächstes attackiert werden sollte.

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