Zeitung Heute : Freu dich nicht zu früh!

Von Esther Kogelboom

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Ich muss jetzt aufpassen, nicht wie ein Groschenroman zu klingen. Aber es ist doch so: Alles Gute im Leben gedeiht nur im nachtschwarzen Schatten der Quälerei. Ohne Fleiß kein Preis. Wer schön sein will, muss leiden, etc. Es könnte ja auch mal was Schönes einfach so passieren, von ganz allein!

Ich bin ein Typ Mensch, der für die Vorfreude geboren ist. Ich freute mich beispielsweise vor kurzem darauf, endlich wieder offene Sandalen tragen zu können. Zur Vorbereitung auf die Freiluftsaison besuchte ich ein Billig-Nagelstudio, in dem emsige Vietnamesinnen tagein, tagaus den Dämpfen von giftigem Nagellackentferner ausgesetzt sind. Ich nahm auf einem riesigen Sessel Platz, an dessen Fußende ein Bassin mit Wasser angeschlossen war. Die Vietnamesin sagte: „Bihe Fühe hie rei.“ Dann betätigte sie einen Knopf, und Folgendes passierte gleichzeitig:

Das Wasser im Fußbecken sprudelte und schäumte. In der Rückenlehne pürierten mehrere knallharte Billardkugeln meine Wirbel. Draußen vor der dem Schaufenster blieb eine Kundin des benachbarten Bioladens stehen und glotzte. Sie schüttelte den Kopf. Auf dem Kopf trug sie einen Fahrradhelm.

Die Bioladen-Kundin hat mit Sicherheit gedacht: „Diese imperialistische Ziege lässt sich ihre Zehnägel von einer unterbezahlten Sweatshop-Angestellten polieren. Füße weg von Vietnam!“ Als sie weiterging, rutschte die Vietnamesin mit ihrem stählernen Nagelhaut-Zurückschieber aus. Sie hackte in meinen linken Ringzeh. Das Wasser färbte sich rot. „Oh nei, kleine Loch!“ Sie lächelte.

Nach etwa zwanzig Minuten hatte ich – mal abgesehen von der klaffenden Wunde am Zeh – perfekt pedikürte Füße. Aber ich hatte auch a) starke Schmerzen in Rücken und linkem Ringzeh, b) ein schlechtes Gewissen, verursacht von der Bioladen-Frau, c) Wut auf die Vietnamesin, die mir kein Pflaster angeboten hatte, und d) Wut auf mich selbst, weil ich, ohne zu murren, den vollen Preis bezahlt habe.

Ich freue mich also auf den Sommer und ende mit multiplen Verletzungen. Ich freue mich auf eine nächtliche Autobahnfahrt und breche auf dem Rastplatz Zweidorfer Holz Nord zusammen. Ich freue mich auf ein saftiges Steak, und auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause entreißt mir ein Idiot die Einkaufstüte.

„Freu dich nicht zu früh“, sagt meine Freundin immer dann, wenn ich ihr euphorisiert von meinem neuesten Plänen erzähle. „Wenn du nichts erwartest, kannst du auch nicht enttäuscht werden.“ – Ich erwidere, dass ich keine Ahnung habe, wie das funktionieren soll: nichts erwarten. Ich erwarte eigentlich dauernd was, von anderen Menschen, vom Schicksal, vom Leben selbst. „Ah“, sagte meine kluge Freundin. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass du selbst stets alle Erwartungen der anderen erfüllst?“ – „Ich gebe mir jedenfalls Mühe“, knurrte ich. „Defensiv pessimistisch lebt es sich viel besser“, dozierte sie. Sie erzählte, wie sie vor ihrer Fahrprüfung tagelang ein Worst-Case-Szenario halluziniert hat. Das ging so: An einem Bahnübergang gehen gerade die Schranken runter. Meine Freundin gibt Gas und muss auf den Gleisen eine Vollbremsung hinlegen. Meine Freundin kann sich retten, doch Prüfer und Fahrlehrer (Kindersicherung!) werden vom ICE erfasst und getötet.

Es war dann eine leichte Prüfung. Über den Führerschein hat sie sich wahnsinnig gefreut. „Ich gehe lieber zu Fuß“, sagte ich und humpelte nach Hause.

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