Zeitung Heute : Freud feiern

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Am 6. Mai würde Sigmund Freud 150 Jahre alt; hoch soll er leben! Im Jüdischen Museum ehrt ihn eine Ausstellung. „Neurose“, „Libido“, „Über-Ich“ usw. leuchten in Neonschrift. Auf einer vier Meter hohen Geburtstagstorte sind Szenen aus Freuds Leben nachgestellt: 400 Aale hat er seziert und später die Seele von 130 Menschen erkundet.

Manche behaupten, dieser Mann sei dennoch reif für den Schrotthaufen der Geschichte. Mein alter Psychologieprofessor Steiner an der Universität Basel etwa hasste die Psychoanalyse. „Wenn jemand auf dem Schulhof Unfug macht“, sagte er, „dann lassen Sie ihn neben dem Mülleimer stehen. Die ganze Pause lang.“ – „Und wenn er danach noch aggressiver ist?“, fragte ich. „Ich bin kein Psychoanalytiker“, sprach Steiner dann und lächelte schmierig, „ich will Ruhe auf dem Schulhof.“ Von jenem Tag an war ich ein Fan der Psychoanalyse. Freud mag einigen Quatsch behauptet haben. Küssen etwa hielt er für pervers, da es nicht der Fortpflanzung diene. Aber seine Grundthese, dass der Mensch kein rationales Wesen ist, sondern von Trieben gesteuert wird, überzeugt.

Als es mir einmal nicht gut ging, suchte ich einen Analytiker auf. Leider wurde er dauernd auf dem Handy angerufen, worauf er diskret aus dem Behandlungszimmer stürzte. Wahrscheinlich hatte er private Probleme.

In der Ausstellung haben mir die Filmszenen besonders gefallen: Da sieht man etwa Marge Simpson auf der Couch liegen, und die Psychiaterin sagt: „Es gibt noch ein weit größeres Problem: ihren Mann.“ In dem Moment stürzt Homer Simpson ins Zimmer und holt seine Gattin ab. „Sie muss keine Superwoman werden“, ruft er der Analytikerin zu: „Marge kann jetzt in ein Flugzeug einsteigen. Das reicht.“

Falls es mir mal wieder richtig schlecht gehen sollte, schau ich vielleicht nochmal bei einem Psychoanalytiker vorbei. Oder ich gucke mir eine Simpsons-Folge an.

PSYCHOanalyse, Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Kreuzberg, täglich 10-20 Uhr, montags 10-22 Uhr; www.jmberlin.de

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