Zeitung Heute : Freud verfolgen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Fast wäre er Berliner geworden. West-Berliner mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, seine Kollegen wohnten damals alle im Westen, in Tiergarten, Wilmersdorf und Zehlendorf. Ende der 20er Jahre kam Sigmund Freud immer wieder nach Berlin, wohnte im Humboldt-Schlösschen in Tegel, wo Tochter Anna so gern im See schwimmen ging, und konsultierte den Arzt seines Vertrauens. Mit Lust und Automobil fuhr der Psychoanalytiker durch die Jungfernheide nach Westend, besuchte seine Söhne, kaufte bei Dr. Lederer Antiquitäten ein und bei Rollenhagen „die erlesensten Leckerbissen, Oliven, Käse u.dgl“. „Es war eigentlich ein exquisites Idyll“, schrieb Freud später an den Schriftsteller Georg Hermann, dessen Berlin-Roman „Rosen-Emil“ er liebte und lobte.

Ganz groß wurde Freuds 70. Geburtstag an der Spree gefeiert, tout Berlin kam am 6. Mai 1926 ins Hotel Esplanade: Politiker, Künstler, Komponisten, Hochschulpräsidenten und Alfred Döblin. Nur das Geburtstagskind nicht: Ein paar Monate nach Karl Abrahams Tod war Freud nicht nach Feiern zumute, erzählt unsere Reiseführerin, als wir an den Resten des alten Grand Hotels vorbeifahren, die heute am Potsdamer Platz stehen – wie Reliquien unter Glas. In Regine Lockots Erzählungen wird die Vergangenheit sehr viel lebendiger. Erfrischend menschlich präsentiert die Analytikerin auf dieser Stadtrundfahrt das alte Berlin als Zentrum der neuen Wissenschaft der Seele, die gerade Künstler elektrisierte und deren führender Kopf damals Karl Abraham war.

Freud ist nicht nach Berlin gezogen. Zum Glück. Vielleicht wäre es ihm ergangen wie Georg Hermann, der in Auschwitz ermordet wurde. Gerade die Psychoanalyse war den Nazis ein Dorn im Auge, galt sie doch als jüdisch und links. Ein paar Analytiker gingen in den Widerstand, die meisten flüchteten ins Exil, einige fanden sich im Göring-Institut wieder. Auch davon erzählt Regine Lockot auf der Busreise durch dieses vergessene Berlin. Mit den Einnahmen werden übrigens Gedenktafeln für die Pioniere der Psychoanalyse finanziert. Bis zu Freuds nächstem großen Geburtstag, dem 150. im Jahr 2006, sollen einige zusammenkommen.

Die nächste Stadtrundfahrt findet am 27. Juni statt (25 Euro). Anmeldung per E-Mail an Lokkota@aol.com oder als Fax an 883 12 04.

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