Zeitung Heute : Freund der Terroristen

In Hamburg hat ein neuer Al-Qaida-Prozess begonnen

Frank Jansen[Hamburg]

Seine Augen sind starr auf den Packen Papier gerichtet, der auf dem Tisch liegt. Abdelghani Mzoudi liest die Anklageschrift mit, die der Staatsanwalt schon drei Minuten nach Prozessbeginn vorträgt. „Der Angeklagte war auf der Grundlage des von ihm befürworteten aggressiv-militanten Islamismus von Beginn an als Mitglied in die Hamburger terroristische Vereinigung eingebunden“, sagt Matthias Krauß in einem leicht schwäbisch klingenden Singsang. Die Szene wirkt wie ein nahezu perfektes Remake.

Hier, im Saal 237 des Hanseatischen Oberlandesgerichts, hatte vor fast zehn Monaten der Prozess gegen einen anderen Mann begonnen, dem die gleichen Delikte vorgeworfen wurden. Der Marokkaner Mounir al Motassadeq musste sich wegen Beihilfe zum Terrorangriff des 11. September verantworten, zum Mord an mindestens 3066 Menschen. Nun ist sein Freund und Landsmann an der Reihe, der 30 Jahre alte Mzoudi. Doch es könnte sein, dass der Eindruck täuscht, in Hamburg werde nur ein Remake aufgeführt.

Der 3. Strafsenat wird jetzt von Klaus Rühle geleitet, einem höflich und penibel wirkenden Mann, ohne Erfahrung mit Terrorprozessen. Rühles Vorgänger, Albrecht Mentz, hatte den Prozess gegen Motassadeq kühl durchgezogen und dann die Höchststrafe verkündet: 15 Jahre Haft. Gegen das Urteil haben Motassadeqs Verteidiger Revision eingelegt. So weit wollen es Mzoudis Anwälte gar nicht erst kommen lassen.

Verteidiger Michael Rosenthal ist Jude. Der Zuhörer soll ruhig zweifeln: Passen die zusammen, ein jüdischer Anwalt und ein Islamist mit einer „aggressiven, antiamerikanischen und antijüdischen Haltung“, wie es in der Anklage heißt? Rosenthal hat es Mzoudi gleich gesagt, als er im Oktober 2002 das Mandat übernahm. Mzoudi habe nur geantwortet, „ich glaube, Sie haben damit mehr Probleme als ich“, erzählt Rosenthal am Ende des ersten Prozesstags. Rosenthals Kollegin ist die Deutsch-Türkin Gül Pinar. Sie sei nicht gläubig, sondern links und war früher in Hamburgs autonomer Szene aktiv, sagt sie am Tag vor Beginn des Prozesses. Wieder wird so eine Frage angetippt: Islamisten halten doch Frauen für minderwertig, oder? Erst recht, wenn sie ungläubig sind? Gül Pinar lacht. „Für mich ist Mzoudi kein Islamist. Das ist die Fantasie der Bundesanwaltschaft.“

Pinar und Rosenthal treten am ersten Prozesstag offensiv auf. Sie tragen eine „Verteidigungsschrift“ vor. Diese klingt wie ein vorgezogenes Plädoyer. Der Tenor lautet: Motassadeq hat in seinem Prozess ausgesagt und versucht, die Hilfe für die Gruppe um Atta als typische muslimische Solidarität zu präsentieren. Dies hat das Gericht nicht akzeptiert. Damit Mzoudi nicht in die gleiche Falle läuft, äußert er sich zur Sache nicht.

Die Bundesanwaltschaft werde sich, hoffen Pinar und Rosenthal, in einem Indizienprozess die Zähne ausbeißen. Wenn die Anklagevertreter behaupten, Mzoudi sei in Afghanistan gewesen, sollen sie eben beweisen, dass dort mehr passiert ist als nur „Ertüchtigung“, wie es Rosenthal nennt. Dass Mzoudi im Jahr 2000 für den inzwischen weltweit gesuchten Zakariya Essabar die Studiengebühren und den Krankenkassenbeitrag überwiesen hat, als dieser in Afghanistan war, dass er später Essabar sogar seine EC-Karte überließ und dass er den Terrorpiloten Atta und Al Shehi ein Zimmer in einem Studentenwohnheim besorgte – wenn die Bundesanwaltschaft daraus Vorwürfe ableite, zeige sie nur ihren „Mangel an Verständnis, was in einem anderen Kulturkreis als normal gelten kann“, sagen Pinar und Rosenthal. Und nähern sich in ihrer „Verteidigungsschrift“ sogar Verschwörungstheorien: „Der Anschlag auf das World Trade Center war, so scheint es, ein Ereignis, dessen politische Vorteile den Vereinigten Staaten von Amerika als Idee schon vorher bekannt waren.“

Mzoudi selbst sagt nur wenig zu seiner Person. Er sei in Marrakesch geboren, „mit fünf Jahren fing ich an, den Koran zu lernen“. 1993 reiste er nach Deutschland, ab 1995 studierte er in Hamburg Elektrotechnik. Nur mit Mühe erinnert sich der Mann mit dem üppigen Vollbart an seine Semesterjobs, dann deutet er an, eine geplante Hochzeit in Marokko sei an einem „Unglück“ gescheitert. Als der Richter eine Frage zum Hamburger Umfeld versucht, blocken die Anwälte ab. Um zu verhindern, dass Mzoudi auch nur einmal wie Motassadeq redet. Es darf kein Remake geben.

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