Zeitung Heute : Freund hört mit

Telefonieren über Handy oder Festnetz, E-Mail schreiben, Websites besuchen? Internationale Lauschsysteme können alles mitkriegen

Markus Ehrenberg

Die Bilder gingen Ende der 90er Jahre um die ganze Welt: mitten in der Idylle des oberbayerischen Kurortes Bad Aibling eine abgesperrte Zone, die aussieht wie ein überlebensgroßes Champignonfeld, eine gigantische Abhörstation des US-Geheimdienstes „National Security Agency“ (NSA). Der Name: Echelon. Dahinter verbarg sich ein globales System von Funkstationen und Satellitenanlagen, das Millionen Telefon- und Internet-Nutzern in Zeiten der New-Economy-Seligkeit mit einem Male klar machte, wie wenig privat, wie wenig anonym und vielleicht auch wie wenig sicher die Telekommunikation trotz World Wide Web doch ist. Staatengrenzen? Keine. Echelon konnte alle Arten von Funkwellen auffangen, Telefongespräche und E-Mails nach verdächtigen Informationen durchforsten.

Konnte? Obwohl die NSA im Frühjahr 2001 ankündigte, den Lauschposten in Deutschland zu schließen, nachdem ein Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments darauf aufmerksam machte, wurden Personal und Anlagen 2004 nach Griesheim bei Darmstadt verlegt. Ein Grund: die Sicherheitsdiskussion nach den Anschlägen vom 11. 9. 2001. „Die Debatte hat alle Datenschutzbedenken überrollt. Was bei Darmstadt stattfindet, weiß keiner so genau“, sagt Internet-Experte Florian Rötzer, Chefredakteur der Online-Zeitschrift „Telepolis“. Angeblich sei die Darmstädter Abhör-Einheit nach England und in die Türkei verlegt worden. „Wir können aber sicher sein, dass unsere Internet- und Telekommunikation weiter abgehört wird, egal, von wo.“ Es ist auch nicht unbedingt davon auszugehen, dass von offizieller Seite etwas dagegen unternommen wird. Die damalige Bundesregierung zumindest hatte der Abhöranlage in Bad Aibling einen Persilschein ausgestellt. Mehrere Staatsanwaltschaften wiesen Echelon-Strafanzeigen gegen die Bundesregierung wegen fehlender Beweise ab.

Wer oder was ist eigentlich diese NSA? Wer hört und liest da mit? Der US-Autor James Bamford, ein Experte in Sachen Nachrichtendienste, hat in einem aufsehenerregenden Buch Licht in das Dunkel gebracht. „Die NSA besitzt mehr Geheimnisse als die CIA, das Außenministerium, das Pentagon und alle anderen Regierungsbehörden zusammen“, so Bamford. Im Gegensatz zur CIA ist die NSA keine öffentliche Einrichtung, Kritiker sprechen von „No Such Agency“, einer Organisation, die es gar nicht gibt. Es gibt sie, irgendwo an der Autobahn zwischen Washington und Baltimore. In ihrem Hauptquartier steht die weltweit größte Ansammlung leistungsstarker Computer. Im Idealfall führen diese eine Quadrillion – eine Eins mit 24 Nullen – von Operationen pro Sekunde aus. Verschlüsselte Texte in E-Mails? Kein Problem. Die Haupttätigkeit der NSA sei, so Bamford, das „Lesen fremder Post“, entstanden in Zeiten des Kalten Krieges. Damals horchten die Ohren der Supermacht aus Bad Aibling vor allem in Richtung Sowjetunion. Hin und wieder soll es auch zu Industriespionage genutzt worden sein. Damals gab es noch kein Internet, und mit der Verbreitung des World Wide Web ist die Arbeit des NSA trotz Ende des Kalten Krieges ungleich schwerer geworden. „Die NSA untersucht den Datenverkehr nach bestimmten Wörten, die in der Kommunikation immer wieder vorkommen“, sagt Florian Rötzer. Man könne davon ausgehen, dass diese Arbeit durch die explosionsartige Vermehrung von Informationen, dem gigantischen Datenmüll, bald unmöglich gemacht werde.

Bis dahin gilt die Devise: Sicherheit vor Datenschutz, weltweit. Immerhin: 2003 hat NSA/Echelon nach Presseinformationen zur Festnahme des Al-Qaida-Chefplaners Khalid Scheich Mohammed beigetragen. Mehr als zehn Handys, die Mohammed nutzte, wurden von Echelon abgehört und geortet. Fahnder hätten mit Hilfe des Satelliten-Lauschsystems monatelang die Spur des Al-Qaida-Mannes verfolgen können. Echelon könne Telefonnummern Stimmen zuordnen und die genutzten Telefone auch lokalisieren, wurde ein US-Experte zitiert. Ein empfindlicher Schlag, vor allem, wenn man mit Sicherheitsexperten bedenkt, dass das Internet für Al-Qaida und seine Unterstützer zum guten Ersatz für den Verlust ihrer Lager in Afghanistan geworden sein soll.

Solche Fahndungserfolge kommen gut an. Laut Umfrage findet es die Mehrheit der US-Bürger in Ordnung, dass ihre Telefonverbindungen von der NSA überwacht und gespeichert werden. Allein im Jahr 2005 könnte es sich um 500 Milliarden Anrufe gehandelt haben, berichtet Telepolis. Es ist eher unwahrscheinlich, dass das alles potenzielle Terroristen waren (Bush sagt, es würden nur Telefongespräche mit Terroristen abgehört). Offenbar, vermutet Rötzer, reagieren die Menschen kaum noch, wenn der Weg zu einer immer umfassenderen Überwachung beschritten wird. Stichwort Überwachungswahn. Eine EU-Richtlinie sieht vor, dass jede Benutzung eines Telefons, Handys und Internets protokolliert werden soll, damit Strafverfolgungsbehörden darauf jederzeit zugreifen können. Vor kurzem berichtete telepolis.de, dass Internet-Provider auch in Deutschland im Vorgriff auf diese so genannte „Vorratsdatenspeicherung“, die national erst noch umgesetzt werden muss, Verbindungsdaten ihrer Kunden über Gebühr speichen und bei Auskunftsersuchen an Staatsanwaltschaften, Polizeibehörden oder Anwaltskanzleien weiter geben.

Das hat irgendwie auch schon was von Echelon. Nur anders als bei den Riesen-Pilzen, den Antennenanlagen, Parabolspiegeln und schützenden Kuppeln in Hessen oder Bad Aibling gibt es hierbei keine äußerlichen Zeichen fürs Ausspionieren von Telefongesprächen und E-Mails.

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