Zeitung Heute : Freunde fürs Leben

Im Universitätsorchester Collegium musicum musizieren Studenten, Gäste und Ehemalige

Christine Boldt

Ihre Eltern haben sich Anfang der 1980er Jahre im Orchester des Collegium musicum kennengelernt: Die Mutter spielte Geige, der Vater Horn. Ein Vierteljahrhundert später wandelt Tochter Nina auf den Spuren der Eltern. Auch sie spielt Geige im Collegium musicum, dem gemeinsamen Orchester der Freien und der Technischen Universität. Dass die 19-Jährige nach dem Schulorchester mal im Universitätsorchester spielen würde, stand für Nina Becker schon früh fest. Nicht nur aus Familientradition, sondern vor allem, weil die Psychologie-Studentin gerne Musik macht und die Gesellschaft von Musikern schätzt. Offen, lustig und interessiert seien Orchestermenschen, findet Nina Becker: „Und feierfreudig! Nach den Proben gehen wir immer noch etwas trinken. Dann erfährt man auch, was die Klarinette studiert oder woher die Nachbarin am Geigenpult kommt.“

Tamami Oyama zum Beispiel. Die 20-Jährige stammt aus Japan und ist im vergangenen Oktober mit einem Austauschprogramm von der Tokioter Keio-Universität nach Berlin an die Freie Universität gekommen. Eine Freundin hatte ihr vom Orchester des Collegium musicum erzählt, seit Oktober gehört die Japanerin dazu. Die angehende Kunsthistorikerin schwärmt besonders von den Berliner Museen. Als Musikerin, die mit drei Jahren Geige spielen lernte, freut sich Tamami Oyama vor allem darauf, einmal in der Philharmonie spielen zu können.

„Die Konzerte zu Semesterende in der Philharmonie sind natürlich unser großer Trumpf“, sagt auch Bernhard Wyszynski, Geschäftsführer des Collegium musicum. An dem Ort zu spielen, wo sonst Simon Rattle mit seinen weltberühmten Philharmonikern auftritt – das sei schon ein enormer Anreiz.

Wyszynksi, selbst seit 37 Jahren Mitglied des Orchesters, zählt mit Manfred Fabricius, dem Dirigenten und künstlerischen Leiter des Collegium musicum, gewissermaßen zum Inventar. Zum Cellospielen kommt Wyszynksi freilich heute nicht mehr. Er kümmert sich dafür um alles andere: darum, dass die Noten zu den Proben da sind, dass kein Instrument fehlt und dass die Unterkünfte gebucht sind, wenn Chor und Orchester auf Reisen gehen.

Die Konzertreisen haben die Musiker inzwischen quer durch Europa geführt und darüber hinaus: Einer der Höhepunkte war der Auftritt in Kuwait vor anderthalb Jahren. Im Spätherbst 2006 fuhren 80 Berliner Studenten an den Persischen Golf – in ein Land „ohne sinfonische Orchestertradition“, wie Geschäftsführer Wyszynski erklärt. Schon einen geeigneten Konzertsaal zu finden, sei deshalb kompliziert gewesen, von der Auswahl passender Stücke ganz zu schweigen: „Eine Beethoven-Sinfonie wäre für Klassik-Ungeübte zu langatmig gewesen, und das Angebot, mit einem einheimischen Solisten ein Konzert einzustudieren, läuft in einem Land ohne europäische Musiktradition ins Leere. Nicht einmal für eine Beethoven-Romanze ließ sich jemand erwärmen.“ Die Wahl fiel schließlich auf ein buntes Potpourri-Programm aus „Arabischen Tänzen“, dem Klassiker „Berliner Luft“ und der Erstaufführung einer kuwaitischen Komposition.

Wie so oft, war es auch in diesem Fall dem hartnäckigen Engagement eines Einzelnen zu verdanken, dass solch eine Reise mit all ihren organisatorischen und diplomatischen Tücken stattfinden konnte: Initiator und Motor der Konzertreise an den Persischen Golf war Paul-Gerhard Fabricius. Er ist der Bruder des Berliner Collegium-musicum-Dirigenten Manfred Fabricius und praktiziert als Urologe häufig in Kuwait.

Auch der in diesen Tagen anstehende Austausch des Großen Chores des Collegium musicum mit dem Sinfonieorchester der Pariser Universitäten geht auf eine große Portion Eigeninitiative zurück: Die Idee kam von einem Geiger des Orchesters. Während seines Studienaufenthaltes in Paris hatte der Berliner im „Orchestre des Universités de Paris“ gespielt und sich danach für eine Kooperation eingesetzt. Mit Erfolg! Denn am 11. Februar werden nun die französischen Musiker mit dem Chor und dem Orchester des Collegium musicum in der Berliner Philharmonie auftreten, mit Werken von Manuel de Falla, Henri Duparc und dem „Stabat mater“ des französischen Komponisten Francis Poulenc. Einen Tag später reist das binationale Ensemble nach Paris, um dort zu konzertieren.

Immer mit dabei: die Chorsänger Florian und Sebastian Spiegel. Die Zwillinge sind wegen ihrer Körperbehinderung meist auf einen Rollstuhl oder auf Krücken angewiesen – und auf die Unterstützung der anderen Chormitglieder. „Alle helfen uns, auch auf den Reisen, so dass wir glücklicherweise alles mitmachen können“, freut sich Florian Spiegel. Ihr Tiermedizin-Studium haben die Spiegel-Zwillinge gerade abgeschlossen und gleich danach mit einem Zweitstudium der Biologie begonnen. Dem Chor wollen die beiden auch treu bleiben, wenn sie keine Studenten mehr sind.

Zum Collegium musicum gehören heute fünf Ensembles mit 400 Mitgliedern: der Große Chor und der Kammerchor, das Sinfonieorchester, das Kleine Sinfonische Orchester und die Uni Bigband. Gegründet wurde die gemeinsame Institution „Collegium Musicum Vocale et Instrumentale der Berliner Universitäten“ im Jahr 1954, in der die Ensembles der Technischen und der Freien Universität aufgegangen sind. Gründungsleiter war der damalige Dirigent des Chores der St.-Hedwigs-Kathedrale: Monsignore Karl Forster, eine Koryphäe seiner Zeit. Das Collegium musicum spielte in seinen Anfängen vor allem bei Immatrikulationsfeiern, Amtseinführungen und anderen festlichen Anlässen – etwa bei der Eröffnung des Henry-Ford-Baus 1954. Auch die Weihnachtsfeiern der beiden Universitäten wurden vom Chor und Orchester des Collegiums mitgestaltet.

Für den 24-jährigen Lorenz Aé, seit zwei Jahren Cellist im Berliner Collegium musicum, stand immer fest, dass er nach seiner Schulzeit im Universitätsorchester spielen würde. Der Physik-Diplomand schätzt neben dem guten Ton auch die soziale Kraft der Musik: So hat Lorenz Aé auf dem Ball des Collegium musicum seine Freundin kennengelernt, und auch mit den anderen Musikern verbringt er einen großen Teil seiner Freizeit: „Wir treffen uns privat und veranstalten regelmäßig ein Cello-Essen.“ Eingeladen sind dann die 16 Cellisten des Collegium-musicum-Orchesters. Wer ein anderes Instrument spielt, muss draußen bleiben: kein Cello, kein Essen. Da sind die Gastgeber streng.

Nachwuchssorgen hat das Collegium musicum keine. Ein Grund dafür sind wohl auch die ausländischen Gastmusiker, die Chor und Orchester – etwa während eines Austauschjahres in Berlin – kräftig verstärken. Besonders stolz ist Bernhard Wyszynski aber darauf, dass die Orchestermitglieder alle Instrumente spielen können, Aushilfen werden nicht benötigt. Geprobt wird einmal in der Woche, jeweils von 18.30 bis 22 Uhr. Damit am Ende des Semesters schließlich das große Konzert im großen Saal der Philharmonie stattfinden kann.

Weiteres im Internet:

www.collegium-musicum.tuberlin.de

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