Zeitung Heute : Freundinnen Elf

Fußball war ab 1955 offiziell Männersache, Frauen durften zugucken, aber nicht in Vereinen spielen. Gisela Lehmann und ihre Freundinnen hielten sich nicht dran.

Foto: Andreas Teichmann Text: Bernd Müllender

Noch 1970 war es Frauen verboten, in Deutschlands Vereinen Fußball zu spielen. Der Kampfsport Fußball, so das Argument, sei dem Weibe wesensfremd. „Das Treten“, hatte ein Sportpsychologe festgestellt, „ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich.“

Solche Logik machte sich die Männerriege des DFB 1955 offiziell zu Eigen. Der Verbandstag beschloss „aus grundsätzlichen Erwägungen und ästhetischen Gründen“ ein Platzverbot. Einer der Delegierten erinnert sich heute, man habe es als „schwere Sünde“ angesehen, „dass Mädchen mit wackeligem Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen einen Ball traten“.15 Jahre hielt der Bann.

Viele haben es trotzdem getan, heimlich. Eine davon ist die heute 67-jährige Gisela Lehmann, geborene Lubin. „Ich war immer schon richtig ballverrückt“, erzählt die kleine drahtige Frau in ihrem sehr aufgeräumten Wohnzimmer im westfälischen Ergste und zeigt Fotos von damals. „Im Hof, überall mit den Nachbarjungs“, sagt sie mit ihrer Ruhrgebietsstimme, „haben wir ständig herumgepöhlt, manchmal mit Dosen oder mit so Knäueln. Bälle waren ja wat Kostbares.“ Als 1954 die WM im Kneipen-Fernseher lief, fragte eine Freundin: „Haste nicht mal Lust, richtig mitzumachen, so aufm richtigen Platz?“ Lehrmädchen Lubin, im dritten Lehrjahr als Dekorationsnäherin, hatte.

Ab sofort ging es zweimal die Woche von ihrem damaligen Wohnort Castrop-Rauxel nach Dortmund, zu Grün-Weiß. „Über 20 Kilometer Bus und Straßenbahn, jeweils mehr als eine Stunde pro Weg. Wir waren so 15 Mädchen, viele in meinem Alter, manche auch Anfang 20.“ Die Eltern wussten anfangs nichts. Gisela Lehmann log, sie ginge zum Handball. Das war geduldet. „Die Fußballschuhe habe ich im Kleiderschrank versteckt.“

Eine kleine Karriere begann: „Nach einer Woche schon das erste Spiel, der Trainer sagte: Du kannst das gut, und ich spielte mit.“ Im Hinterzimmer einer Kneipe gab es sogar Theorie-Unterricht, „was abseits ist, dass man den Ball laufen lassen soll, statt selbst so viel zu laufen, solche Sachen.“ Dann flatterte eine Einladung zu einem Turnier auf den Tisch. Nach Holland, eine halbe Weltreise damals! „Per Bus ging es nach Amsterdam, mit Spielen im Ajax-Stadion!“ Sehr freundschaftlich ging es zu, mit vielen sachkundigen Zuschauern.

Kurz nach dem Verbot gründeten sich jenseits des DFB überall Frauenelfen und eigene Landesverbände. Bald gab es inoffizielle „Länderspiele“, manchmal vor 20 000 Zuschauern. Kickende Frauen waren eine Attraktion. Auch für die Wochenschau, die 1957 zu energischen Spielszenen eines Spiels in Stuttgart zwar den „unaufhaltsamen Ausverkauf holder Weiblichkeit“ vermeldete, aber auch einen 1:0-Sieg gegen England, weil die Deutschen „angestachelt durch echte Hausfraueninstinkte ihr Nest sauber hielten“.

Zeitungsreporter sahen „haushohe Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle“ fliegen, und der DFB gab es der aufmüpfigen Stadt München, die den Damen ihre Plätze stellte, 1957 schriftlich: „Sie sind uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball gleichsam in den Rücken gefallen.“

Männer kamen zum Spannen und zum Lästern. „Am lustigsten war es bei Regen, wenn uns die Trikots auf der Haut klebten und man die Formen sah. Da hatten die Männer was zu gucken auf uns nasse Katzen“, sagt Gisela Lehmann. Aber richtig böse Anmache, Beschimpfungen oder sogar Bespucken – „das habe ich nicht erlebt“.

Lehmann wusste genau, Fußball „gehörte sich damals für Mädchen nicht“. Aber Verbote, vereinzelt sogar Polizeieinsätze wie anderswo? „Nein, wir haben einfach trainiert und gespielt. Und sind sogar eingeladen worden in die Stammkneipe von Borussia am Borsigplatz zur Siegesfeier nach den Meisterschaften 1956 und 1957.“ Dortmunds Männer im Fußballrausch: Plötzlich hätten die Männer bei Grün-Weiß „von einem Tag auf den anderen“ den Platz selbst belegt.

„Damit“, sagt Lehmann, „war Schluss, gute Nacht, Sense. Und die Sache ist eingeschlafen.“Auf die WM freut sie sich. Brasilien traut sie den Titel zu, sagt sie spontan. „Oder Holland. Von denen halte ich ja viel.“ Kein Wunder, wo die Holländerinnen damals schon so vorbildhaft waren. Und da war noch etwas mit diesem Land: Im Sommer 1962 kam die junge Gisela am Strand von Nordwijk mit einem Urlauber in Kontakt.

„Der hatte einen Ball, und ich hab mit ihm so hin und her gepöhlt. Die kann ja richtig kicken, hat er da gemerkt.“ Und das machte Eindruck: „Am nächsten Tag haben wir uns verabredet. Jetzt sind Manfred und ich 42 Jahre verheiratet.“

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