Zeitung Heute : Freundlich zensiert

Der Tagesspiegel

Berlins Gymnasien steht möglicherweise eine Flut von Bewerbungen bevor. Infolge neuer Vorgaben für die Grundschulgutachten ist in einigen Bezirken der Anteil an Kindern, die für die Gymnasien empfohlen wurden, drastisch gestiegen. Dies wurde gestern bei einer Anhörung im parlamentarischen Schulausschuss bekannt. Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) vermutet, dass in den Grundschulen zu „freundlich“ zensiert wurde.

Wie berichtet, sehen die neuen Vorschriften für die Gutachten vor, dass Kinder mit einem Notendurchschnitt von unter 2,2 automatisch eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen müssen. Bisher war es Grundschullehrern möglich, trotz guter Noten eine Realschulempfehlung zu geben, wenn sie der Ansicht waren, dass das Kind auf dem Gymnasium nicht richtig aufgehoben wäre. Diesen Spielraum haben sie jetzt nicht mehr. So konnte es passieren, dass beispielsweise in Pankow der Anteil an Gymnasialempfehlungen von gut 30 auf jetzt 50 Prozent stieg, wie Volksbildungsstadträtin Christine Keil (PDS) vortrug. Von 40 auf 60 Prozent stieg der Anteil in Reinickendorf, berichtete Hinrich Lühmann, Leiter des Humboldt-Gymnasiums Die Anhörung war auf Antrag der Bündnisgrünen angesetzt worden.

Man werde künftig wohl strenger zensieren müssen, kündigte der Schöneberger Grundschulleiter Erhard Laube als Konsequenz aus den neuen Vorschriften an, die er im Übrigen ablehnt. Zusammen mit Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen vertrat Laube die Ansicht, dass man zum alten Gutachten zurückkehren sollte, das sich als sehr „zielgenau“ erwiesen habe, wie die geringe Misserfolgsrate im Probehalbjahr der Gymnasien und Realschulen gezeigt habe.

Das neue Prozedere beim Übergang auf die Oberschulen ist Teil eines Vorschaltgesetzes, das die Regierungskoalition schnellstens über die parlamentarische Bühne bringen will. Sie will damit erreichen, dass sich nicht mehr beliebig viele Schüler in eine Oberschule einklagen können. Die Verwaltungsgerichte hatten in der Vergangenheit immer den Familien Recht gegegeben, weil es keine justiziablen Kriterien für die Ablehnung von Schülern gab.

Angesichts der neuen Schwemme an Gymnasialempfehlungen könnte es vorerst schwierig werden, den Zugang zu den begehrten Schulen zu erschweren. Aber Schulsenator Klaus Bö ger (SPD) hat noch einen Pfeil im Köcher, um sein Ziel zu erreichen: Die Frequenzen in den siebten Klassen sollen gesetzlich auf eine Höchstgrenze von 32 Kindern festgelegt werden. Dann könnten sich nicht mehr so viele Kinder einklagen wie bisher, als bis zu 37 Schüler in einer Klasse saßen.Susanne Vieth-Entus

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