Frido Mann im Interview : "Thomas Mann war mein Retter"

Kein einfaches Leben, wenn man gleich zwei Nobelpreisträger in der Familie hat. Frido Mann sah sich auf dem Weg zu Drogen und Suizid – und wählte die Religion.

Interview: Andreas Austilat Susanne Kippenberger

An Weihnachten kommt die „Buddenbrooks“-Verfilmung von Heinrich Breloer in die Kinos. Hand aufs Herz, Herr Mann, haben Sie den Roman gelesen?



Die „Buddenbrooks“ habe ich mit 14 verschlungen. Mein Großvater hatte mir das Buch zu Weihnachten geschenkt, mit Widmung. Es ist bis heute sein einziger Roman, der mich gefesselt hat.

Was hat er Ihnen denn hineingeschrieben, „meinem Sonnenprinzchen“? So hat er Sie doch manchmal genannt. Sie waren sein erklärter Lieblingsenkel.

Stimmt, aber in der Widmung hat er sicher nur „dem lieben Frido“ oder so etwas geschrieben, ich weiß nicht mehr.

Was um Himmels willen fesselt denn einen 14-Jährigen an einem historischen Familienroman?

Ich wusste ja, dass es da in Wirklichkeit um unsere Familie ging, die Familie meines Großvaters. Und ich habe mich gleich an die Entschlüsselung gemacht: Wer kann wer sein? Das hat meinen Großvater sehr belustigt, dass ich als Kind mit seinem Roman auf Detektivreise gegangen bin.

„Buddenbrooks“ handelt vom Verfall einer Familie. Das war prophetisch, wenn man sieht, was bei Ihnen später zu Hause los war. Ein Thema, das der Regisseur Heinrich Breloer aufgegriffen hat in seinem erfolgreichen Fernsehdreiteiler „Die Manns.“

Ich habe zu diesem Film ein zwiespältiges Ver hältnis. Der dokumentarische Teil war eine gute Sache, die Spielszenen sind dagegen grandios misslungen. Die sind ganz fixiert auf das Skandal moment, die Homosexualität in der Familie, Inzest, Drogen, Selbstmorde, lauter grausliche Dinge: Klaus, der sich die Pulsadern aufschneidet, Julia, die am selbst gemachten Galgen baumelt, der Wüstling Heinrich Mann. Dass es da um eine Schriftstellerfamilie geht, wird kaum erwähnt.

Wie haben Sie Ihren Großonkel Heinrich Mann denn erlebt?

Als alten schnurrigen Kauz, freundlich, aber abwesend. Er ist früh gealtert, durch die Flucht vor den Nazis. Die Emigration ist ihm viel schlechter bekommen als seinem Bruder Thomas.

Ihre gesamte Familie ist in die USA emigriert, auch Ihr Vater Michael Mann mit seiner Frau. Die war eigentlich Schweizerin. Warum sind Ihre Eltern nicht dort geblieben?

Sie hat sich immer über die Schweiz mokiert, die war ihr zu klein und spießig. Sie mochte lieber was Größeres sein. Und da gab es wohl auch eine innere Abhängigkeit. Mein Großvater hat ja alle Kinder finanziell unterstützt.

Sie haben in Kalifornien lange im Haus Ihrer Großeltern gewohnt und später geschrieben, das habe Sie an einen goldenen Käfig erinnert.

Das hat sich mir so dargestellt. Heute würde ich das nicht mehr so sagen. Es war schon Geborgenheit da, die ich in meinem Elternhaus vergeblich gesucht habe.

Ihre Eltern haben Sie oft abgeschoben?

Mein Bruder und ich kamen in ihrem Lebensplan nicht richtig vor. Und nachdem wir wieder in Europa waren, entschlossen sie sich, ohne uns Kinder zurück nach Amerika zu gehen. Sie haben ja sogar erwogen, uns zur Tante Elisabeth zur Adoption freizugeben. Dann starb mein Groß vater, und sie beschlossen, wir geben dich zur Oma, die dann ja schon in der Schweiz lebte.

Der Generation vor Ihnen ging es mit ihrem Übervater Thomas Mann auch nicht besser. Ihr Vater musste in Thomas Manns Tagebuch lesen, er hätte als Kind abgetrieben werden sollen.

Ist er aber nicht. Ich weiß, dass es später hieß, dieser Satz habe meinem Vater den Todesstoß versetzt. Diese Interpretation halte ich für überspitzt.

„Familienbande sollte man nicht überbewerten“, der Satz stammt von Ihrem Vater.

Das hat er sich doch als Ausrede ausgedacht.

„Buddenbrooks“, hat einmal ein Kritiker geschrieben, ist ein Roman, in dem viel gestorben, viel gegessen und wenig geliebt wird. Ist Lieblosigkeit das große Thema im Hause Mann?

Thomas Mann hat ja nicht sein Leben lang diese Haltung gehabt. Da hat er sich unterschieden von der Generation meiner Eltern, von der ich mich, mit der geistigen – nur der geistigen – Ausnahme von Klaus Mann komplett verabschiedet habe. Mein Großvater hat bei mir die Vaterstelle eingenommen, sprach vom Söhnchen, hat mich mit Milchschokolade gefüttert.

Und dann hat er Sie umgebracht. Ihr literarisches Alter Ego in „Doktor Faustus“, der kleine Nepomuk Schneidewein genannt Echo, verreckt elendig.

Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass er sich meiner bedient hat. Dass ich als Kind so eine Art Maskottchen für ihn war, sein „goldener Fridolin“, eine Affenliebe. Und dass er mich hat fallen lassen, als ich ihm gleichgültig wurde, so mit 13, 14, 15.

Und Sie?

Ich habe mich distanziert, habe auch 20 Jahre lang nichts mehr gelesen von ihm. Erst als ich Ende der 90er Jahre Thomas Manns Tagebücher gelesen habe, wo er bis zum letzten Atemzug immer von mir spricht, da habe ich Abbitte getan.

Wir wüssten gern mehr über die Atmosphäre im Hause Mann. Können Sie einen Tag dort schildern?

Das fing noch vor der Morgentoilette an, im Morgenrock, der Morgenkaffee zu dritt, Thomas Mann, Katia und ich.

Ihre Großmutter Katia hatte den Ruf, ziemlich tough zu sein.

Das war sie sicher. Sie war es, die in Los Angeles den Wagen fuhr, oft schneller als erlaubt. Zu Hause hat sie dann erzählt, wie sanftmütig sie gewesen wäre und wie bösartig die Polizisten sie angebrüllt hätten, wenn sie gestoppt wurde. Das waren tolle Schauspiele, beim Mittagessen hat sie die zum Besten gegeben, richtig theatralisch vorgeführt. Dabei weiß ich genau, dass sie diejenige gewesen sein wird, die die Polizisten zurechtgewiesen hat.

Sie, Katia und Thomas Mann beim Morgenkaffee. Wo waren denn die anderen? Ihr Onkel Golo zum Beispiel, der wohnte doch auch im Haus.

Die kamen nicht dazu, wir blieben unter uns. Hinterher das Frühstück, groß und breit, das wurde zelebriert, mit Gesprächen, wie eine Gesellschaft, das Mittag- und Abendessen genauso, das hat er nach Kalifornien exportiert, wie die Lübecker Weihnachtstraditionen oder das Bierchen, das er abends immer trank. Nach dem Frühstück zog er sich zurück, von neun bis eins war immer Schreibarbeit, dann haben wir einen Spaziergang gemacht, Mittagessen, Mittagsruhe, Tee, dann hat er sich wieder bis zum Abendessen zurückgezogen, und danach wurden meist Schallplatten gehört. Hauptsächlich Beethoven, Schubert, Brahms auch Wagner, aber wenig Bach.

Nur Schallplatten?

Die Jahre in Pacific Palisades waren eine Zeit der glanzvollen Geselligkeit. Da kamen die ganzen Emigranten, Bekannte aus der Nachbarschaft, Bruno Walter, Strawinski, Rubinstein, Klemperer, es wurde Hausmusik gemacht. Mein Großvater hat auch alles, was er geschrieben hat, vorgelesen.

Das fanden Sie als kleiner Knirps spannend?

Da war ich nicht dabei, das war nichts für Kinder. Für meinen Bruder Toni und mich hat er extra Vorlesenachmittage eingerichtet, in seinem Allerheiligsten, dem Arbeitszimmer. Da gab’s immer Märchen, hauptsächlich von Andersen, den moch te er am liebsten. Allerdings: Mein eigener Held war Superman, das war der Größte, ich hab mir sogar Superman-Kleider schneidern lassen.

Und Ihr Großvater war entsetzt?

Er hat sich eher darüber lustig gemacht. Meine Tante, Erika Mann, war diejenige, die besorgt war, als sie mitkriegte, dass ich jeden Tag heimlich im Autoradio in der Garage den Lone Rager, den maskierten Reiter, anhörte. „Du musst aufpassen“, sagte sie zu mir: „Wenn man zu viel von dem Zeug hört, verklebt es einem das Gehirn wie Honig.“

Ihrem Sohn Stefan, inzwischen auch schon 40, haben Sie einmal gesagt: Ich weiß nicht, was ich ohne Thomas Mann wäre. Wie meinten Sie das?

Thomas Mann war als Elternersatz ein Retter für mich. Er hatte etwas Verlässliches, Liebes. Da war das Bewusstsein, dass man sich an den halten kann. In jeder Hinsicht das Gegenteil von meinem Vater.

Haben Sie sich ausgemalt, was gewesen wäre, wenn Sie ihn und Ihre Großmutter nicht gehabt hätten?

Man kann sich wohl jede schiefe Bahn vorstellen, die es gibt, auf die ich dann geraten wäre.

In Ihrer Familie haben viele Selbstmord begangen, schnell oder langsam, mit Drogen und Alkohol. Hatten Sie Angst, es könnte Ihnen ähnlich ergehen?

Als junger Mann schon. Der Sprung in die Kirche war die Alternative zum Suizid und zur Sucht. Sonst wäre ich wohl den Weg von Klaus gegangen: in die Drogenabhängigkeit, vielleicht den Selbstmord. Als junger Musikstudent habe ich noch bei meiner Oma gewohnt, das war nicht das angemessene Leben. Das war die Zeit, in der ich anfing, Tabletten zu nehmen. Katia hat das auch unterstützt.

Als Musikstudent sind Sie den gleichen Weg gegangen wie Ihr Vater, der ja Bratschist war ....

... er war dagegen. Zu der Zeit, als ich mit dem Studium anfing, hat er die Musik aufgegeben, um Germanistikprofessor zu werden. Ich bin nicht in die Germanistik gegangen, die ist für mich ein rotes Tuch, dort sitzen die geistigen Enkel meines Großvaters, jedenfalls sehen sie sich oft so: Sie verwalten Thomas Mann und wissen alles viel besser. Na gut, sage ich mir, dem Buchstaben nach vielleicht, aber dem Geist nach nicht.

Sie haben ja nicht nur einen Großvater, der Nobelpreisträger ist, sondern auch noch einen Schwiegervater: Werner Heisenberg, Nobelpreis für Physik. Ist das nicht belastend?

Ich habe mal in einer Selbsterfahrungsgruppe meine Biografie erzählt, auch diese doppelte Übervatergeschichte, da meinte die Therapeutin zu mir: Mein Gott, was haben Sie sich denn da angetan! Aber der wirklich arme Kerl ist eigentlich mein Sohn: der ist der direkte Abkömmling von beiden.

Sie machen Musik und hören wieder auf, Sie wechseln vom evangelischen zum katholischen Glauben, in dem Moment, da Sie konvertiert sind, schreiben Sie eine Luther-Dissertation. Sie lassen sich von Ihrer Frau scheiden, um sie dann wieder zu heiraten. Würden Sie sich als wankelmütig bezeichnen?

So riesig sind die Wechsel nicht, für mich zieht sich schon ein roter Faden durch mein Leben. Der ist entstanden durch den Ausbruch aus der Familie in die Kirche, dann wieder der Ausbruch daraus in der 68er-Zeit, die Hinwendung zur Psychologie – jetzt die Einholung durch die Beschäftigung mit dem Weltethos, dem Versuch, die ethischen Gemeinsamkeiten der Weltreligionen zu vermitteln.

Und dann schreiben Sie eine Autobiografie: Dieser Drang, sein Leben mitzuteilen, ist bei den Manns sehr verbreitet. Hat das etwas Therapeutisches, ist das ein Akt der Befreiung oder Rechtfertigung?

Vielleicht. Und sicher auch ein Akt der Selbst darstellung.

Dachten Sie, etwas beweisen zu müssen?

Vielleicht unbewusst. Rivalität war in der Familie immer da, jeder gegen jeden. Es gab einen scheinbaren Zusammenhalt, solange der pater familias da war. Nach dem Tod von Thomas Mann brach das auseinander und wurde immer schlimmer, je älter die Beteiligten waren. Heute habe ich nur noch mit meiner Cousine Nica, der Tochter von Elisabeth, eine freundschaftliche Beziehung.

Werden Sie sich den „Buddenbrooks“-Film an schauen?

Ich sehe dem sehr gelassen entgegen.

Aber Sie profitieren auch davon.

Wenn Sie die Thomas-Mann-Tantiemen meinen, die verteilen sich ja auf einige Köpfe. Bei mir entspricht das etwa dem Gehalt eines Lehrers. Natürlich gehen die Zahlen rauf bei so einem Ereignis. Das haben wir schon bei den „Manns“ von Breloer bemerkt. Aber das verdreifacht sich nicht, wie Reich-Ranicki mal behauptet hat.

Freut es Sie, dass Ihre Großmutter Katia in den letzten Jahren auch späte Anerkennung erfahren hat?

Das war ein großes Verdienst von Inge und Walter Jens. Weil die nicht nur ein gutes Buch über sie geschrieben haben, wo nichts erfunden und spe kuliert ist, wo wirklich nur Fakten und Akten zitiert werden, sondern auch weil die beiden ein Ehepaar sind, das noch beinahe aus dieser Zeit stammt und sich in die Ehe hineinfühlen kann und deswegen ganz genau den Ton und die Sache getroffen haben, die Stimmungen. Das ist wohl tuender Balsam neben all dem Blödsinn, der über die Familie Mann publiziert wurde.

An der das Interesse nicht abreißt. Ist Ihre Familie in Deutschland der Ersatz für die Royals?

Bestimmt. Die Aussage, dass die Manns die Windsors der Deutschen sind, auch wenn sie von Reich-Ranicki ist, finde ich sehr gut. Die Schweizer begegnen einem anders. Man merkt, dass die nie eine Monarchie hatten.

Würden Sie sagen, dass Ihnen der Name Mann eher geholfen oder geschadet hat?

Letzten Endes eher geschadet. Vor dem bin ich lange geflüchtet, bis ich irgendwann dachte, jetzt muss ich mich ihm mal stellen, jetzt fange ich selber an zu schreiben, dann heiße ich wirklich Mann. Aber bei den Büchern …

… die sehr oft mit Ihrer Biografie zu tun haben wie bei „Professor Parsifal“ oder mit den brasilianischen Wurzeln Ihrer Urgroßmutter …

... stimmt, also der Name hat mir nicht viel Kredit gebracht, im Gegenteil: Man wird ewig gemessen. Und dann die persönlichen Enttäuschungen: zu merken, dass Leute mich als Trophäe betrachten, mit der sie sich schmücken.

Jetzt haben Sie noch mal ein neues Projekt an gefangen, eine multimediale Oper, die nächstes Jahr uraufgeführt wird.

In der heutigen Zeit wächst alles zusammen, die unterschiedlichen Disziplinen, Kulturen, Religionen. In der Wissenschaft ist die Zeit des einsamen Genius längst vorbei, man kann nur im Team zusammenarbeiten – so weit ist die Kunst noch nicht ganz, aber ich glaube, dass sie auch diesen Weg geht, gehen muss. Dass auch da die Zeit des einsamen Genius bald beendet ist, Kultur nur im Team mit verschiedenen Kunstgattungen zusammen noch eine Zukunft hat.

So eine Figur wie Thomas Mann wäre heute gar nicht mehr vorstellbar?

Ich glaube nicht. Auch wenn sich welche einbilden, sie wären so ein kleiner Thomas Mann, die auch Nobelpreisträger sind und auch Lübecker … Aber das ist vorbei.

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