Zeitung Heute : Friede den Religionen

Der Tagesspiegel

Die Kirchenführer müssen verhindern, dass der Glaube missbraucht wird Von Wolfgang Huber

In diesen Tagen richtet sich unsere Aufmerksamkeit wieder auf das Heilige Land, auf das Verheißungsland des Volkes Israel und Ursprungsland des christlichen Glaubens. In seiner Hauptstadt Jerusalem wurde Jesus gekreuzigt. Das geschah „draußen vor dem Tor", wie es im Neuen Testament heißt. Schlichter und einprägsamer lässt sich nicht von der Machtlosigkeit reden, in welcher der ans Kreuz Geschlagene starb.

Ostern war nicht in Sicht, die überwältigende Wendung vom Tod zum Leben stand noch aus. Auf die Gewissheit, dass dem Tod nicht das letzte Wort bleibt, mussten Jesu Begleiterinnen und Begleiter noch warten. Ratlos sahen sie sich mit der Gewalt konfrontiert. Dass Jesus mit seinem Tod die Schuld der Welt ans Kreuz trug, ja dass er sich in der Auferstehung als Sieger erweisen sollte über Schuld und Tod – diese Gewissheit stand noch aus.

Nach Jerusalem, ins Heilige Land führen uns diese Tage, wenn wir denn ihren Gehalt in uns aufnehmen oder ihn sogar für uns selbst gelten lassen wollen. Weltumspannend sind die Auswirkungen dessen, was damals geschah. Trotzdem bleibt das den christlichen Glauben begründende Geschehen an seinen Ursprungsort gebunden. Der Ölberg, der Garten Gethsemane oder die Grabeskirche lassen sich nicht verlegen. Nazareth, Bethlehem, Jerusalem: Sie bleiben Orte im Heiligen Land.

Wenn sich unsere Blicke an diesem Karfreitag auf Jerusalem richten, stoßen sie dort auf Unruhe und Gewalt. Tag für Tag erreichen uns neue, erschreckende Nachrichten aus Palästina und Israel. Zuletzt wurde der Arabische Gipfel in Beirut durch die Detonationen eines Selbstmordanschlags in Netanja orchestriert. Und am Karfreitag folgte ein weiteres Attentat in Jerusalem.

Militärische Gegenschläge Israels bannen die Gefahr nicht, sondern steigern sie. Drohende Militäraktionen der USA gegen den Irak erhöhen die Unsicherheit und ängstliche Nervosität. Ratlosigkeit breitet sich gerade unter den Christen aus. Ganz besonders gilt das für die palästinensischen Christen, aber nicht nur für sie.

Den mir wichtigsten Osterbrief habe ich in diesem Jahr an evangelische Christen im Heiligen Land geschrieben. Er ist an die lutherische Kirche in Palästina gerichtet. Viele ihrer Glieder sind durch die Gewalt, die in den letzten Monaten von beiden Seiten verübt wurde, erschüttert und gelähmt. Die Gräben zwischen der israelischen und der palästinensischen Bevölkerung wurden durch militärische Operationen und Selbstmordattentate immer weiter vertieft.

Brücken zu bauen wird immer schwieriger. Ja, es erscheint schier unmöglich. Mich bedrückt es, dass in Palästina, dem Ursprungsland des christlichen Glaubens, die Zahl der Christen immer geringer wird. Insbesondere viele palästinensische Christen leiden unter der Last von Unsicherheit und Gewalt so stark, dass sie die Flucht ergreifen oder auswandern. Ich habe die Verunsicherung vieler Israelis ebenso vor Augen wie die Lage der Palästinenser, die nicht an ihre Arbeitsplätze gelangen, ihre Schulen nicht erreichen, am öffentlichen Leben nicht teilnehmen können.

Gibt es Hoffnungszeichen? Kann man die Friedensinitiative des saudischen Kronprinzen dazu rechnen? Gibt es in den Religionen Anzeichen der Versöhnung?

Zum ersten Mal haben im Januar dieses Jahres die Führer muslimischer, christlicher und jüdischer Glaubensgemeinschaften im Heiligen Land eine gemeinsame Sprache gefunden. Der anglikanische Erzbischof George Carey und sein Beauftragter Andrew White, Canon an der Kathedrale von Coventry, haben diesen wichtigen Schritt vorbereitet.

Im ägyptischen Alexandria haben Vertreter von Judentum, Christentum und Islam sich zu ihrer gemeinsamen Verpflichtung bekannt, „dafür einzutreten, dass die Gewalttaten und das Blutvergießen ein Ende finden, durch die das Recht auf ein Leben in Würde geleugnet wird." Einen „religiös sanktionierten Waffenstillstand" fordert die Erklärung von Alexandria. Sie ruft dazu auf, „Hetze und Dämonisierung Einhalt zu gebieten".

Vielleicht ist das noch wichtiger als alle klugen Friedenspläne und Verhandlungsstrategien, so notwendig diese auch sind. Der Missbrauch von Religion zur Dämonisierung des Gegners gehört zu den schlimmsten Verkehrungen von Religion überhaupt. Schon der alttestamentarische Psalm widerspricht solchem Missbrauch, wenn er bittet: „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk uns seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten."

Für Christen liegt die Zusage des Friedens in Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, an den wir in diesen Tagen von Karfreitag und Ostern denken. Dass diese Friedenszusage ein Echo findet – gerade auch im Heiligen Land –, wer wollte das nicht wünschen.

Es ist wohl der wichtigste – und der schwierigste – Osterwunsch in diesem Jahr.

Der Autor ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg.

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