Zeitung Heute : Friede, Freude, Kinderkrippen

Vor vier Jahren die Bonner Chaos-Tage, jetzt die große Eintracht: Die Koalitionsgespräche trüben kein böses Wort, kein Misstrauen, keine Eitelkeiten. Rot und Grün demonstrieren, wie erwachsen ihr Bündnis geworden ist – nur einmal fiel Hans Eichel die Kaffeetasse aus der Hand.

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Von Markus Feldenkirchen

Eigentlich ist es wieder einer dieser ruhigen Nachmittage im Willy-Brandt- Haus. Irgendwann aber schreckt ein lautes Scheppern die grübelnde Runde aus ihrer Ernsthaftigkeit. Der Kanzler, sein Vizekanzler und die anderen Teilnehmer der rot-grünen Koalitionsverhandlungen starren auf den Finanzminister. Der Grünen-Parteichef Fritz Kuhn hatte gerade dafür geworben, zusätzliche 1,5 Milliarden Euro für Kinderkrippen auszugeben, da war Hans Eichel die Kaffeetasse aus der Hand gefallen. Nach dem kurzen Schockmoment brechen Sozialdemokraten und Grüne in gemeinsames Gelächter aus.

Die Szene enthält gleich drei Wahrheiten über diese Verhandlungen: Dass alle Augen auf den Finanzminister gerichtet sind. Dass beim Thema Geld der Spaß vorbei ist. Und dass die 15 Damen und Herren, die seit Anfang der Woche täglich über die Zukunft der Republik verhandeln, nach wie vor höchst harmonisch beisammen sitzen. Denn Eichels Kaffetassen-Attacke bleibt vorerst der einzige Störfall bei der zweiten Auflage der rot-grünen Koalitionsverhandlungen. Nach den Bonner Chaos-Tagen im Jahre 1998 verhandeln die Koalitionäre dieses Mal in größtmöglicher Eintracht.

Das zeigte sich schon bei der ersten Sitzung am Montagabend, als die dunklen SPD-Limousinen vor der kleinen Parteizentrale der Grünen vorfuhren und man sich im ersten Stock bei Obst und Ökofleisch zum geordneten Kassensturz niederließ. Da hatte der Finanzminister mit ernster Miene vorgetragen, wie schlecht es um die Staatsfinanzen bestellt sei, hatte ein so düsteres Bild gezeichnet, dass der Kanzler seinen Vorzeigeminister mehrmals mahnte, er solle jetzt, bitteschön, auch nicht alles übertreiben. Am Ende wusste die Runde jedenfalls, dass zunächst ein Zehn-Milliarden-Loch gestopft werden müsse und dass danach eigentlich auch kein Geld vorhanden sei. Die Finanzlage ist so ernst, dass der aus der Euphorie geborene Slogan von 1998 „Regieren macht Spaß“ allenfalls in umgedichteter Form konserviert werden kann: „Rot-Grün macht mittlerweile Spaß“. So war man nach der Diskussion über Eichels trübe Zahlen auch schnell zum geselligen Teil übergegangen. Die Tiroler Grünen hatten ihren Freunden einen Fresskorb nach Berlin geschickt, den Parteichefin Claudia Roth nun der Runde spendierte: ein Viertellaib Käse, Tiroler Speck am Brettl und eine Literflasche Williams Christbirne. Dazu trank man roten Ökoweinund feierte noch einmal den gemeinsamen Wahlsieg nach. Der gute Geist dieses Abends werde die ganzen Verhandlungen prägen, prophezeite ein beschwingter Teilnehmer noch in derselben Nacht.

Vor vier Jahren, sagt Franz Müntefering, sei man ja quasi in diese Koalition hineingestolpert. „Damals waren wir alle drauf bedacht, vom anderen nicht aufs Kreuz gelegt zu werden.“ Heute dagegen seien alle von einem „Wir-Gefühl“ erfüllt. „Die Koalition war ein Zufallsprodukt, und kein besonders geliebtes“, sagt ein Grüner im Rückblick auf 1998. „Heute ist man zusammen gewählt und nicht zusammengespült worden.“ Damals war viel vom „Projekt“ die Rede – hoffnungsfroh bei den Grünen, abwehrend bei der SPD. Heute wäre das Wort viel eher angebracht. Auf das ganze Kleine-Jungs-Geraufe der Anfangszeit hat man diesmal gleich verzichtet. Das böse Wort vom Koch und vom Kellner – undenkbar, dass es noch einmal fiele. Kein Misstrauen mehr. Keine Eitelkeiten mehr. „Es menschelt“, sagt Müntefering, der auch beobachtet haben will, dass viel leiser und ruhiger miteinander gesprochen werde.

1998 war es ja nicht nur die Atmosphäre, die so kompliziert war. Es war vor allem die Themenliste. Was standen da für Brocken, ganze Altlasten-Berge, in den zwei Jahrzehnten seit Gründung der Grünen aufgehäuft. Atomausstieg! Ökosteuer! Zuwanderungsgesetz! Die großen Symbolthemen sind längst erledigt. Die Probleme heute sind andere, viel schwierigere. Es geht ans Eingemachte. Aber zur Abwechslung stehen nicht die Lieblings-Konserven der Grünen auf der Speisekarte, sondern die der Roten. Subventionen kürzen? „Da rennen Sie bei mir offene Türen ein“, sagt Umweltminister Jürgen Trittin. Aber was ist mit einem wie, sagen wir, Wolfgang Clement? Bei der Nennung dieses ns verziehen sich Grünen-Mienen. „Die NRW-SPD ist das Problem“, sagt einer. Der Ministerpräsident aus Düsseldorf, der Fraktionschef aus dem Sauerland – die Traditionssozen, die Strukturkonservativen. Die schon vorher die Kohle-Beihilfen unter Naturschutz gestellt haben und jedes Reden über die Öko-Steuer unter Strafe. Leicht genervt, aber auch leicht amüsiert registrieren Spitzen-Grüne die Verkehrung der Verhältnisse: War es 1998 die SPD, die mit einem fertigen Regierungsprogramm ankam, und die Grünen improvisierten, ist es nun gerade umgekehrt. „Die manövrieren sich durch Vorfestlegungen immer wieder in Sackgassen – so wie wir früher“, sagt ein Grüner kopfschüttelnd.

„Die sind zwar selbstbewusster, aber sie lassen uns das nicht spüren“, sagt ein Verhandler der SPD voller Respekt über den stärker gewordenen Partner. Es sind nur kurze Momente, in denen die geschwellte grüne Brust doch einmal sichtbar wird. Am Mittwochnachmittag etwa. Die Grünen hatten gerade ihren kleinen Erfolg bei der Betreuung von Kleinkindern errungen, was Eichels Kaffeetasse nicht gut bekommen war. Jetzt stehen Fritz Kuhn und Franz Müntefering vor den Kameras und werden gebeten, das mit der Kinderbetreuung noch einmal genauer zu erläutern. Beide wollen antworten, recken den Kopf vor ans Mikrofon wie zwei Sprinter im Startblock. Dann aber ist es Kuhn, der sich als Erster traut und die Regelung noch einmal als Beleg für grüne Reformkraft preist. Franz Müntefering beugt sich mit einem gütigen Grinsen wieder zurück und steckt die Hand in die Hosentasche. Man hat gelernt, sich gegenseitig etwas zu gönnen.

Die Grünen sind die Aktiveren in den Gesprächen, heißt es. Meist trägt ein Grüner die säuberlich notierten Positionen zu diesem und jenem Thema vor, während Schröder und seine Leute im Anschluss knapp verkünden, was ihnen daran gefallen hat und was nicht. Ganz gelassen führt der Kanzler selbst die Verhandlungen. Er ruft die Themen auf, nimmt die Wortmeldungen entgegen. Und wenn sich doch mal ein Dissens ankündigt? Vor allem die Platzhirsche Schröder und Fischer, die sich genau in der Mitte des ovalen Verhandlungstisches Auge in Auge gegenüber sitzen, achten darauf, gerade zu Beginn nicht den Hauch eines Problem-Klimas aufkommen zu lassen. Wann immer es hakt, heißt es: „Das soll dann die jeweilige Arbeitsgruppe klären.“ Die tagen parallel. Die Großgewichtigen aber verhandeln eilig weiter. An allen Tagen waren sie deutlich schneller fertig als geplant.

Es müssen dann erst die Grünen-Chefin Claudia Roth und die SPD in der Gestalt von Franz Müntefering gemeinsam zur Pressekonferenz antreten, ehe einem wieder einfällt, dass eine gewisse kulturelle Vielfalt im rot-grünen Bündnis verblieben ist. Roth stürmt nach der Dienstagsrunde mit Kusshand in den Saal, trägt Bluejeans, ein schlabbriges Oberteil, abgewetzte Leinenschuhe und wackelt lustig mit dem Kopf. Daneben Müntefering, der personifizierte Ernst im grauen Anzug, die braunen Schuhe blank poliert, Haare gebügelt, das Gesicht ohne Regung. Eigentlich wollen beide über das Gleiche reden, die gerade gehaltene Generaldebatte. Doch in ihren Worten liegen Welten. „Es ist deutlich geworden, dass wir gemeinsam dieses neue Jahrhundert prägen wollen“, sprudelt es aus Roth heraus, die gerade guckt, als wolle sie der Sonne Konkurrenz machen. Bei solch hochtrabenden Worten wird es einem Müntefering spürbar unwohl. Er muss erst mal schlucken. Bloss nicht wieder dieses Gerede von der rot-grünen Mission, die es ja eigentlich nie gegeben hat, mag er da denken. Bloss nicht von „Jahrhundert prägen“ reden. Geht’s nicht eine Nummer kleiner?

Mit der Suche nach der Überschrift haben die Partner diesmal gar nicht erst begonnen. Kein Begriff, keine Formel, mit der man den Wust an Einzelregelungen auf eine höhere Ebene reden könnte. Pragmatisch, praktisch, vielleicht auch gut wird der Vertrag am Ende sein, viel knapper, weniger detailverliebt als die 63 Seiten aus Bonner Zeiten. Aber reicht das? Joschka Fischer hat einmal im kleineren Kreis darüber sinniert, dass der Koalitionsvertrag eine Philosophie verkörpern müsse. Aber es scheint niemand im Ernst darüber nachzudenken. „Die Zahl der Philosophen in dieser Regierung“, sagt einer, der oft im inneren Zirkel sitzt, „ist ja sowieso eher gering.“

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