Zeitung Heute : Frieden beim Tee

Die „Achse des Bösen“ auf der Berliner Reisemesse

Armin Lehmann

Saad Alah Agha al Kafaa versteht die Frage nicht. Gespräche? Mit Israel? Hier? Der syrische Tourismusminister schaut ernst, er sei gekommen, um Syrien als Reiseland vorzustellen, um Investoren zu werben. Ganz bestimmt sei er nicht gekommen, um mit Vertretern Israels zu reden. 20 Meter rechts von ihm kommt gerade sein israelischer Ministerkollege herein, 20 Meter links vom Syrer beginnt eine iranische Folkloregruppe, Musik zu spielen, ein iranischer Dolmetscher sagt: „Wir beantworten keine politischen Fragen.“ Das ist die offizielle Version.

Die Halle 23 der Internationalen Tourismus-Börse (ITB), die gestern in Berlin eröffnete, ist auch ein Ort der politischen Krisenherde dieser Welt, hier stellen Staaten aus, die der amerikanische Präsident in Gut und Böse einteilt, Iran zum Beispiel, der Israel mit Vernichtung droht und für George W. Bush zur „Achse des Bösen“ gehört. Syrien ist hier, der Libanon, Palästina – und mittendrin Israel.

Iran hat an diesem Mittwochmorgen vor allen anderen seine Bühne präpariert, der grüne Holzkomplex erinnert an eine große Moschee, mit Akribie werden Teppiche gelegt, Brunnen verziert, ein Mann kämmt liebevoll einer Puppe das lange blonde Haar. Keine politischen Fragen also? „Naja“, sagt der iranische Dolmetscher, ein Student, „das sind nun einmal die Regeln.“ Dann bittet er an einen Tisch, Tee wird serviert, und einer der Tourismusmanager sagt: „Die Sache mit den Karikaturen haben wir diskutiert, hier ist das kein Thema mehr.“

Hinter ihm schwimmen junge Menschen durch türkisgrünes Meer, dahinter sieht man eine Hotelanlage wie aus Tausendundeiner Nacht. Auf dem Video geht es um die Insel Kish, eine Art Dubai des Iran, zollfrei, jedenfalls sagt das der Tourismusmanager und betont, dass Iran ein sicheres Land sei. Es gebe da ein paar Gesetze, sagt der Tourismusmanager noch, das stimme schon, aber die ausländischen Frauen müssten sich keine Sorgen machen wegen der Verschleierung. Und gerade eben sei übrigens ein Israeli hier gewesen, man habe Tee getrunken und Politik Politik sein lassen. Mehr müsste er doch jetzt wirklich nicht sagen, er steht auf.

Der Dolmetscher sagt dafür noch, Iran habe als Ferienland immer alle Jahreszeiten zu bieten, er würde gerne auch noch etwas loswerden über Israel und über die Menschen dort hinten am israelischen Stand, aber eigentlich darf er nicht. Er sagt, das mit der Vernichtung Israels müsse man anders verstehen, das habe eher etwas mit dem Staat an sich zu tun, gar nichts mit den Menschen. Auf jeden Fall aber stimme die Geschichte mit dem gemeinsamen Tee.

Während Iran auf der ITB vertreten ist, sucht man den Irak vergebens, dafür soll Nordkorea in Halle 26 anwesend sein, noch ein Schurkenstaat. Nordkorea besteht aber nur aus einer Frau, einen Stand gibt es nicht, und die Vertreterin ist auch nicht da. Es gibt eine Organisation, die Pacific Asia Travel Association (Pata), die für einzelne Länder eine Art Mittler ist zwischen Kunden und Anbietern, Nordkorea sei dort zwar Mitglied, aber, sagt eine Sprecherin der Pata, man habe weder Broschüren, Hotels noch sonstige Informationen. Nordkorea präsentiert sich auf der ITB ein bisschen so wie auf der politischen Bühne: irgendwie gar nicht.

Dafür überrascht Afghanistan. Die afghanische Regierung hat nämlich einer Art Unternehmensberatung die offizielle Erlaubnis erteilt, für das Land zu werben. Die Unternehmensberatung hilft Kabul auch beim Aufbau der Staatsverwaltung oder der Gewinnung von Speiseöl, weil Afghanistan nämlich sein gesamtes Speiseöl importiert, was gar nicht nötig sei. Afghanistan ist zum ersten Mal auf einer Tourismusmesse, und der Vertreter sagt, man sei stolz, dass die Seidenstraße nun endlich vollständig zu passieren sei, weil sich Afghanistan dafür öffne. Das sei sozusagen das Comeback des Landes auf der internationalen Tourismusbühne.

Derweil sind in Halle 23 sowohl Israels als auch Syriens Tourismusminister wieder verschwunden. Die Polizei sagt, sie habe aufgrund der Zusammensetzung der Staaten in Halle 23 keinen größeren Sicherheitsaufwand. Israels ITB-Sprecherin Eva Schumacher-Wulf sagt, niemand fühle sich hier unsicher. Aber der Tourismus sei doch bestimmt rückläufig, die Drohungen Teherans, die Hamas in Palästina? Keine Spur, antwortet Schumacher-Wulf, die Zahlen jedenfalls sprechen gegen eine solche These: 2003 kamen 900 000 Besucher nach Israel, 2004 1,5 Millionen, 2005 schon 1,9 Millionen, und nun seien bereits für Ostern wieder „alle Hotels ausgebucht“.

Schumacher-Wulf lacht, dann erzählt sie, wie man sich die große Politik auf der ITB vorstellen muss. Wenn Israels Tourismusminister kommt, dann dürfe der natürlich nicht einfach zum syrischen Kollegen gehen oder zum iranischen. Das verbiete das ungeschriebene diplomatische Gesetz. Aber die Aussteller, die Mitarbeiter, die anderen israelischen Vertreter machen das schon. „Na klar trinke ich Tee mit den Iranern“, sagt Schumacher-Wulf. „Und mit den Palästinensern sowieso.“

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