Zeitung Heute : Frieden demonstrieren

Die Palästinenser entdecken den gewaltlosen Protest

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Von Andrea Nüsse, Ramallah

Wer in Ramallah Kontakte knüpfen will, muss sich in das Vorzimmer des Arztes Mustafa Barghouti setzen. Dort begegnet man zum Beispiel dem EU-Nahostbeauftragten Miguel Moratinos. Und wenn der gegangen ist, kann man die Ehefrau des in Israel inhaftierten Fatah-Führers Marwan Barghouti – ein nsvetter – treffen. Dazwischen kommen deutsche und italienische Friedensaktivisten die Treppe zu den Büros im zweiten Stock des alten Hauses hinauf. Einmal war auch schon der künstlerische Leiter der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim, da.

Während die offizielle palästinensische Politik in Jassir Arafats fast völlig zerstörtem Hauptquartier gemacht wird, laufen in Barghoutis Büro einen Kilometer weiter die Fäden der Zivilgesellschaft zusammen. Der 48-jährige Arzt mit der Nickelbrille und den grauen Haaren hat in Moskau und im amerikanischen Stanford studiert und 1978 die palästinensischen medizinischen Hilfsdienste mitgegründet, deren Leiter er heute ist. Die Organisation versorgt während der Ausgangssperren die Bewohner des Westjordanlandes medizinisch und verteilt auch Nahrungsmittel.

Und Barghouti organisiert den friedlichen Protest gegen die israelische Besatzung. Während der letzten Belagerung von Arafats Hauptquartier und nach drei Monaten ständiger Ausgangssperren schien die Zeit reif zu sein: Vor zehn Tagen kamen erstmals hunderte von Palästinensern trotz der Ausgangssperre abends um sieben Uhr auf dem zentralen Al-Manar-Platz in Ramallah zusammen. Frauen, Männer und Kinder versammelten sich unter den Blicken der israelischen Besatzungssoldaten. Ihre Waffen: Kerzen und Töpfe, auf die sie mit Kochlöffeln trommelten. Ihre Botschaft: Geht heim.

Glück und Angst

Palästinensischer Protest – damit verband man in den letzten Monaten vor allem Selbstmordanschläge auf israelische Zivilisten. Mit Kochtöpfen gegen die Besatzer, das ist neu. „Die Menschen wollen sich nicht mehr einschließen lassen, die Kinder wollen zur Schule gehen und die Kranken zum Arzt“, sagt Barghouti. In den letzten zehn Tagen gab es fast jeden Abend eine Demonstration. „Sie waren alle friedlich, es wurden keine Steine geworfen“, sagt Barghouti stolz. „Die Menschen sehen, dass es eine Alternative zum bewaffneten Kampf der Hamas gibt und zu Selbstmordanschlägen.“ Am vergangenen Sonnabend vertrieb die Armee die Demonstranten mit Tränengas, aber kaum war der Nebel verzogen, kamen die Menschen zurück. Am selben Tag öffneten sogar Schulen und Geschäfte. „Ein voller Erfolg“, sagt Barghouti.

Auch die staatliche Mädchenschule im Stadtteil Al-Bireh machte Unterricht. Über das Fernsehen wurde die Nachricht verbreitet, anschließend informierten die Schülerinnen sich per Telefon gegenseitig. „Bildung ist ein Menschenrecht, das können die Israelis nicht außer Kraft setzen“, sagt Schuldirektorin Adla Tanireh, eine stattliche, ältere Dame mit weißem Kopftuch und bodenlangem Mantel. Von den 520 Schülerinnen kamen fast alle. „Und sie waren glücklich.“ Natürlich hätten sie Angst gehabt, denn, wer die Ausgangssperre missachtet, riskiert sein Leben. „Unsere Mädchen hat das aber stark gemacht“, sagt die Direktorin, „sie haben gesehen, dass sie die israelische Willkür nicht einfach erdulden müssen.“

Die große gelbe Hand

Mit den Demonstrationen der letzten Tage, sagt Barghouti, sei man in gewisser Weise wieder bei den Methoden der ersten Intifada von 1987 angelangt. Damals nahmen die Palästinenser in den besetzten Gebieten den Widerstand gegen die Besatzung erstmals selbst in die Hand und überließen ihn nicht mehr der PLO-Führung in Tunis. Ziviler Ungehorsam einer ganzen Bevölkerung, dagegen sind israelische Soldaten fast machtlos. Auf massenhaft friedliche Demonstranten kann man nicht einfach schießen, ohne die Welt gegen sich aufzubringen. Und darin könnte auch der Erfolg von Barghoutis Initiative liegen.

Der energische Mann, der oft drei Termine gleichzeitig hat und dessen zwei Mobiltelefone ständig klingeln, mache nur eine Show, sagen manche. Selbstlos ist er in der Tat nicht, Barghouti will Abgeordneter im nächsten Parlament werden. Und das wird er nur, wenn genug Palästinenser seine Arbeit bei den Hilfsdiensten, für die Demonstrationen, honorieren. Denn im Apparat, in seiner Partei, der ehemaligen kommunistischen Partei, die sich jetzt Volkspartei nennt, hat er keine politischen Unterstützer.

Barghouti ist von Natur aus optimistisch. Auch im größten Stress lächelt er, die Augen funkeln. So ist er davon überzeugt, dass der friedliche Widerstand weiter wachsen wird. „Es geht nicht um Ideologien, sondern um Protest gegen die Erniedrigung eines ganzen Volkes, davon ist jeder einzelne Palästinenser in seinem täglichen Leben betroffen.“

Die Hauswände in den Straßen von Ramallah sind vielleicht ein guter Indikator für die Stärke der Bewegung. Noch dominieren die üblichen kämpferischen Plakate mit Fotos von getöteten Fatah-Mitgliedern, auf denen im Hintergrund die Al-Aksa-Moschee zu sehen ist. Doch daneben tauchen immer mehr Plakate der Bewegung für zivilen Ungehorsam gegen die Besatzung auf: eine große gelbe Hand, die „Stopp“ signalisiert. Darauf steht zuerst in Hebräisch, dann in Englisch und schließlich in Arabisch: „Geht nach Hause. Beendet die Besatzung jetzt.“

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