Zeitung Heute : Frieden im Anmarsch

Drei Striche, ein Kreis – ein Zeichen. „Peace!“, ruft es seit 50 Jahren. Seine Geburtshelfer sind Briten, und ihre Bewegung wächst neuerdings wieder

Markus Hesselmann

Das Zeichen ist überall. Auf Ansteckern und Fahnen, auf T-Shirts und Transparenten, auf der ganzen Welt. Hier, in der Holloway Road im Londoner Stadtteil Islington, ist es zu Hause. Weiß auf schwarz, einen Meter im Durchmesser, haben es die Leute von der „Kampagne für nukleare Abrüstung“ auf die Tür ihres Hauptquartiers gemalt. Darunter steht das Kürzel ihrer Organisation: CND, für Campaign for Nuclear Disarmament. In dem verwinkelten alten Fabrikbau liegen stapelweise Poster und Pamphlete mit dem berühmten Zeichen herum. Pat Arrowsmith trägt es handtellergroß an einem Band um den Hals, manchmal auch noch als Muster auf einer Weste. Drei Striche – zwei kurz, einer lang –, ein Kreis: Fertig ist das Friedenszeichen. „Peace!“, ruft es seit 50 Jahren, seid endlich friedlich, Schluss mit den Kriegen.

„Ich bin stolz, dass ich dabei war, als dieses Symbol auf die Welt kam“, sagt Pat Arrowsmith und fängt den Satz mit einem Lächeln ab, bevor er womöglich zu pathetisch klingt. Auch mit 78 Jahren wirkt die Veteranin der Anti-Atombewegung fast jugendlich. Ähnlich wie auf den Bildern von damals, die in einem Besprechungsraum der CND-Zentrale vor ihr auf dem Tisch liegen. Die Haare sind immer noch wuschelig kurz, wenn auch jetzt weiß. In ihrem Blick liegt die typisch britische Mischung aus Entschlossenheit und Selbstironie.

„Hiroshima hat uns aufgerüttelt“, sagt Pat Arrowsmith. Ihr Land hatte mit den USA den Krieg gewonnen. Doch der Abwurf der amerikanischen Atombombe mit Hunderttausenden Toten in Hiroshima und Nagasaki habe viele ihrer Landsleute geschockt. „Die Zerstörung der Menschheit war nun eine reale Gefahr.“ 1952 wurde Großbritannien zur dritten Nuklearmacht nach den USA und der Sowjetunion. Die Zündung der britischen Wasserstoffbombe 1957 auf Christmas Island im Pazifik hielten Menschen wie Pat Arrowsmith für einen weiteren Schritt der Menschheit auf ihrem Weg in den Abgrund.

Mit anderen Bürgern, die sich ähnliche Sorgen machten – Christen, Sozialisten, Pazifisten –, brach Pat Arrowsmith zu Ostern 1958 zu einem Protestmarsch zur Atomwaffenforschungsanlage in Aldermaston auf. Prominente wie der Philosoph Bertrand Russell, der Labourpolitiker Michael Foot und der Schriftsteller J. B. Priestley hatten im Februar 1958 die CND gegründet und gehörten zu den Organisatoren. Es war der erste Ostermarsch der Geschichte, auch wenn dieser religiös aufgeladene Begriff damals nicht verwendet wurde. Deutsche Friedensaktivisten griffen die Idee, zu Ostern zu demonstrieren, zwei Jahre später auf. Hier wie dort entstand eine Bewegung, die nach vielen Aufs und Abs bis heute überlebt hat und auch in diesem Jahr wieder ihre Anhänger auf die Straße ruft. Am Ostermontag organisiert CND zum 50. Jubiläum eine Menschenkette rund um den Aldermaston-Komplex westlich von London.

„Wir wollten damals eine Art säkularer Wallfahrt veranstalten“, sagt Pat Arrowsmith. Die Tochter eines Pfarrers hatte den Glauben ans Jenseits früh verloren und sich für die weltliche Heilslehre des Sozialismus entschieden. Entgegen vielen Vermutungen hat auch das Peace-Zeichen, das Ostern 1958 erstmals auf einer Demonstration gezeigt wurde, eine sehr irdische Bedeutung. Die beiden kurzen, schräg nach unten zeigenden Striche stehen für den Buchstaben N im Winkeralphabet der Schifffahrt, der lange, senkrechte Strich steht für den Buchstaben D. „Nuclear Disarmament“, nukleare Abrüstung, ist die Botschaft. Entwickelt hat das Logo der britische Designer und Kriegsdienstverweigerer Gerald Holtom, der 1985 starb, als sein Friedenszeichen gerade eine Renaissance erlebte. „Uns gefiel es auf Anhieb“, sagt Pat Arrowsmith. „Es gab darüber keine lange Diskussion. Wir wollten ein Symbol für unsere Demonstration. Jetzt hatten wir eins.“

Jener erste Marsch zu Ostern war eher eine spontane Idee, eine Ersatzhandlung gewissermaßen. Eigentlich hatten die Aktivisten Spektakuläreres vor. Sie wollten mit einem Schiff in das Sperrgebiet der Nukleartests im Pazifik eindringen – „lange vor Greenpeace“, sagt Pat Arrowsmith mit einem weiteren Anflug von Gründerstolz. Doch für die Pazifikfahrt ein Schiff zu chartern, erwies sich für die logistisch unerfahrene Truppe als zu kompliziert. „Wir haben sogar mit japanischen Fischern verhandelt, vergeblich“, sagt Pat Arrowsmith.

In der Enttäuschung kam der Vorschlag auf, doch einfach nach Aldermaston zu marschieren und dort eine Kundgebung abzuhalten. Rund 8000 Menschen folgten dem Aufruf. Von der Resonanz waren die Aktivisten, damals in eher kleinen Gruppen organisiert, selbst überrascht. Vom Trafalgar Square zogen sie los, in vier Tagesmärschen hinaus aus dem Zentrum der Hauptstadt und hinein in die Grafschaft Berkshire im Westen. Rund 80 Kilometer in vier Tagesmärschen. Die Reaktionen waren meist wohlwollend. „Die Zeitungen hielten uns für Helden, weil wir uns vom Regenwetter nicht aufhalten ließen“, sagt Pat Arrowsmith.

Noch im selben Jahr kam sie mit anderen Demonstranten zurück nach Aldermaston. In bester britischer Debattierklubtradition forderten sie dort ein Gespräch mit dem Direktor. Der ließ sich nicht blicken, und so harrten die Friedensaktivisten eine Woche lang vor seiner Anlage aus, auch wieder im Regen. Es folgten Sit-ins, Blockaden, kalkulierte Gesetzesbrüche, das ganze Repertoire des zivilen Ungehorsams.

In den Jahren danach schwoll die Bewegung an. Zu den Demonstrationen der CND kamen bis zu 100 000 Menschen. Die Zeit des Wohlwollens der Staatsmacht gegenüber Protestaktionen ging aber bald zu Ende. „Ich war elfmal im Gefängnis“, sagt Pat Arrowsmith, und es klingt so lakonisch, als erzähle jemand von den Betriebsausflügen seiner Beamtenlaufbahn. Einmal, 1974, trat sie sogar in den Hungerstreik. Es war im Londoner Gefängnis Holloway, ganz in der Nähe der CND-Zentrale. Aus Solidarität mit zwei weiblichen Mithäftlingen von der IRA, die mit einem Hungerstreik ihre Überstellung nach Irland erreichen wollten. „Ich wurde dann zwangsernährt“, sagt Pat Arrowsmith, und selbst das klingt unaufgeregt. Wie eine Erfahrung, die eine Politaktivistin in ihrer Karriere nun einmal macht. Gelebt hat Pat Arrowsmith in all den Jahren von Gelegenheitsjobs oder hauptamtlichen Tätigkeiten für Organisationen wie Amnesty International.

Wenn Pat Arrowsmith die Apo der britischen 58er verkörpert, dann hat sich Walter Wolfgang, ein weiterer Veteran von Aldermaston, auf den Marsch durch die Institutionen gemacht. Die Labourpartei blieb seine politische Heimat, auch wenn sie das britische Atomwaffenprogramm stützte. Walter Wolfgang engagierte sich innerhalb der Partei – vom Widerstand gegen Aufrüstung bis zum Kampf gegen den Irakkrieg. „Ziviler Ungehorsam? Eigentlich war das nichts für mich“, sagt Walter Wolfgang, der gelernte Buchhalter. Seinen großen öffentlichen Protestauftritt hatte er denn auch erst mit 82, im Jahr 2005. Eher ungewollt, wie er beteuert. Beim Labour-Parteitag in Brighton legte der damalige Außenminister Jack Straw gerade dar, dass Großbritannien nur aus einem Grund im Irak sei, und zwar um dort die Demokratie zu sichern. Da schallte ihm das Wort „Nonsens“ von der Tribüne entgegen – ein Zwischenruf von Walter Wolfgang.

Die Fotos, auf denen stabil gebaute Saalordner den schmächtigen Herrn mit dem weißen Haarkranz und der großen Brille daraufhin aus seinem Sitz zerren und aus dem Saal drängen, wurden für viele Briten zu Sinnbildern dessen, was unter Premierminister Tony Blair sowie seinem Schatzkanzler und Nachfolger Gordon Brown falsch läuft bei Labour: Show statt Glaubwürdigkeit, Schlagworte statt Inhalte, Medienmanagement statt Debatte.

Die alte Arbeiterpartei kommt für viele ihrer Kritiker längst daher wie eine gut designte, reibungslos funktionierende Wahlmaschine für Blair und Brown. Walter Wolfgang ist einer dieser Kritiker, hält sich aber bei weitem nicht für einen Querulanten. „Ich wollte eigentlich gar nicht dazwischenrufen“, sagt er. „Aber die Akustik in der Halle war so gut, dass jeder meine Bemerkung hören konnte.“ Und so wurde Walter Wolfgang in hohem Alter noch zur Widerstandsfigur des frühen 21. Jahrhunderts – fast fünf Jahrzehnte nach seiner Teilnahme am Antiatomwaffenmarsch zu Ostern 1958.

Als Pazifist sieht sich Walter Wolfgang trotz alledem nicht. Als jüdischer Flüchtling, der 1937 – mit 14 – aus Nazi-Deutschland nach Großbritannien gekommen war, hatte er sich im Krieg sogar noch freiwillig gemeldet. Er wollte für sein neues Heimatland kämpfen. „Ich war bereit, aber ich wurde aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt“, sagt Walter Wolfgang.

„Walter Wolfgang und Pat Arrowsmith verkörpern die beiden Flügel von CND“, sagt Kate Hudson. Die Präsidentin sieht ihre Organisation als breite gesellschaftliche Gruppe – und seit einiger Zeit wieder auf dem Vormarsch. „Unsere Forderung nach nuklearer Abrüstung ist heute Mainstream. Selbst konservative Politiker bekennen sich inzwischen dazu.“ Als Beispiel nennt Hudson den früheren Verteidigungsminister Michael Portillo, der sich gegen die Modernisierung der britischen Atomwaffen ausgesprochen hat. Andererseits habe Labours Plan, die U-Boot-Raketen vom Typ Trident zu erneuern, ihrer Organisation wieder Zulauf gebracht. Zuletzt sei deshalb die Zahl der Mitglieder von 32 000 auf 35 000 gestiegen.

Das Wachsen und Schrumpfen der Antiatomwaffenbewegung verkörpert Kate Hudson sogar selbst. In den späten 80ern verlor sie wie so viele das Interesse an dem Thema und trat aus der CND aus. 1995 trat sie wieder ein: „Wegen der Nato-Erweiterung nach dem Ende des Kalten Krieges und der Pläne für ein Raketenabwehrsystem der USA.“

„Es war immer ein Auf und Ab“, sagt Pat Arrowsmith mit der Souveränität der Veteranin. Schon Mitte der 60er, nach dem Ende der Kubakrise, habe es die erste Delle gegeben. „Viele Menschen haben danach gedacht, dass die Supermächte doch nicht zum Äußersten bereit sind.“ Die Krise wurde diplomatisch gelöst. Die Sowjetunion zog ihre Raketen von Kuba zurück, die USA verwarfen ihre Invasionspläne für die Karibikinsel. Erst die Nachrüstung der Nato mit Pershing- und Cruise-Missile-Raketen zu Beginn der 80er verhalf CND zum ersten Comeback – und zu Demonstrationen mit Hunderttausenden Menschen.

Für CNDs jetzigen Aufschwung durch den Trident-Raketenplan ist Ben Soffa mitverantwortlich. Mit 25 Jahren ist er etwas jünger als Pat Arrowsmith zur Zeit des Aldermaston-Marschs 1958. Für die Pioniere jener Zeit hat er großen Respekt. „Aber wir müssen uns heute noch andere Sachen einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt Ben Soffa. Zum Beispiel im vergangenen Jahr. An einem Abend vor der Abstimmung über die Nachrüstung projizierte CND den Spruch „No Trident Replacement“ – „Keine Trident-Erneuerung“ – in voller Höhe auf die Houses of Parliament. An der Stelle des Buchstabens „o“ stand das Peace-Zeichen. „Die Projektion war meine Idee“, sagt Ben Soffa und klingt ein bisschen stolz. So wie Pat Arrowsmith, wenn sie von den Pioniertaten der 58er erzählt.

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