Zeitung Heute : Frieden in der Ruhe

Johannes Paul II. wird in den Grotten des Petersdoms bestattet – in der Nähe von Petrus

Paul Kreiner[Rom]

Heute wird der Papst beigesetzt. Wie ist die Stätte, an der er seine letzte Ruhe findet?

Der Petersdom steht über einem winzigen Häuschen: dem Grab des Apostels Petrus. In die Nähe des ersten Papstes hat es viele seiner Nachfolger gezogen, von Freitag an ruht auch Johannes Paul II. dort.

Beim heiligen Andreas geht’s abwärts. Eine enge, gewundene Treppe führt an einem der Hauptpfeiler des Petersdoms hinab in die Unterwelt. Das Licht ist gedämpft, kühl ist es, es riecht ein wenig feucht, ein wenig muffig, nach „Grotten“ eben. Und Grotten, so heißt diese Unter- und Begräbniskirche auch.

145 von bisher 264 Päpsten sollen hier bestattet sein. Aber nicht mehr jedes Grabmal ist auffindbar: Viele wurden, wenig respektvoll, zerstört, als Papst Julius II. und sein Baumeister Bramante 1506 an den Bau des heutigen Petersdoms gingen. Sie schleiften nicht nur die 1200 Jahre alte, teils baufällige Konstantinsbasilika, sondern vernichteten für die Fundamente der geplanten Riesenkirche auch alles andere, was irgendwie im Weg stand. Bramante ist als „Maestro ruinante“, als zerstörender Baumeister, in die Geschichte eingegangen, und Kunsthistoriker beklagen bis heute die „Barbarei“, mit der man damals zahllose antike und frühchristliche Kunstwerke zerstört hat.

Wie auch immer: das Zentrum ist erhalten. Schon Kaiser Konstantin wollte im Jahr 324 – ungeachtet aller architektonischen Probleme am vatikanischen Hügel – seine Kirche genau an dieser Stelle haben. Schon er hat einen älteren römisch-christlichen Friedhof zuschütten und den Zirkus stilllegen lassen, den sein Vorgänger Nero gebaut hatte. In oder in der Nähe jener seltsamen Vergnügungsstätte, in der Nero zur Unterhaltung der Römer viele Christen hatte hinrichten lassen, soll auch der heilige Petrus gekreuzigt worden sein. Das Grab des „Apostelfürsten“, eine Art schlichtes Häuschen, glaubte Konstantin entdeckt zu haben; er machte es in programmatischer Absicht zum Mittelpunkt seiner Kirche.

Während die fromme Legende nie daran gezweifelt hat, dass der von Jesus selbst eingesetzte erste Papst tatsächlich an jener heiligen Stelle begraben lag, und die Päpste ihre Würde immer mit der Erklärung untermauerten, dass sie „über den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus“ amtierten, begannen wissenschaftliche Grabungen erst nach 1939. Pius XI., in jenem Jahr gestorben, hatte sich ein Grab möglichst nahe an Petrus gewünscht, und Pius XII., sein Nachfolger, ließ es nun ernsthaft suchen.

Die Archäologen stießen tatsächlich auf eine rot getünchte Wand mit der antiken, griechischen Inschrift „Petr(os) eni“ – „Petrus ist hier drin“. Die Knochen dort wurden zuerst, auch von den offiziellen Vatikan-Archäologen, nicht ernst genommen.

Für etliche Jahre packte ein Pater sie in einen Schuhkarton und verräumte sie in seinem Büro. Später identifizierte man sie als sterbliche Überreste eines sechzig- bis siebzigjährigen, robust gebauten, vor etwa 2000 Jahren gestorbenen Mannes, und Paul VI. schloss den Streit der Fachleute mit päpstlicher Autorität ab. „Nach den überaus genauen und geduldigen Untersuchungen“ vieler Experten, so erklärte er, seien auch die Knochen des heiligen Petrus „in einer Weise identifiziert, die wir für überzeugend halten.“

Die Besucher bekommen keine Knochen zu sehen. Eine lateinische Tafel zeigt das Petrusgrab an; der Blick richtet sich dann aber nur auf die uralten verzierten, grünen Marmorplatten, auf ein Gitter und auf einen winzigen Schrein. Er liegt genau unter dem Hauptaltar des Petersdoms, unter dem Bronzebaldachin, den Bernini aus der Dachbedeckung des antiken Pantheon erstellt hat.

Halbkreisförmig hinter dem Petrusgrab sind nicht nur Papstgräber, sondern auch die etlicher weltlicher Potentaten angeordnet. Während sich die einen prächtige Sarkophage haben aufstellen lassen, hat sich der 1978 gestorbene Paul VI. als Erster „in der nackten Erde“ bestatten lassen. Nur eine in den Boden eingelassene Marmortafel weist auf sein Grab hin. Eine pompöse Grabanlage wird es auch für Johannes Paul II. nicht geben. Auch er findet unter einer Marmorplatte seine Ruhe. Verziert ist sie mit seinem Namen und seinen Lebensdaten: 1920 – 2005.

Nur wenige Länder haben es – mit List, Lobbyismus oder der Gunst des Augenblicks – geschafft, sich in Grotten eine „Nationalkapelle“ einrichten zu lassen: die Iren, die Ungarn, die Tschechen, die Litauer und natürlich die Polen. Johannes Paul II. selbst hat deren Kapelle 1982 ausgebaut, mit seinem Wappen und den polnischen Doppeladlern kennzeichnen und mit dem Bild der „Schwarzen Madonna“ von Tschenstochau schmücken lassen. Dazu kamen Darstellungen einiger Nationalheiliger – darunter des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe, der unter den Nazis im Konzentrationslager starb.

Johannes Paul II., so erzählt man, soll oft dort unten in aller Stille gebetet haben, früh am Morgen, wenn die Kirche für die Touristen noch geschlossen hatte, und immer, wenn er von einer seiner Reisen zurück nach Rom gekommen war.

Aber Johannes Paul II. wird nicht in diesem Stück „polnischer Erde“ begraben. Für ihn gibt es, trotz des Gedränges dort unten, eine eigene Kapelle. Sie ist in jener Nische in der Nähe des Altars, die Johannes XXIII. vor vier Jahren „frei gemacht“ hat. Nach seiner Seligsprechung durch Johannes Paul II. war der „Gute Papst“ auch räumlich hinaufbefördert worden: Er liegt jetzt in einem Glassarg im Petersdom. „Die Heiligen wandern halt nach oben“, sagt der Wächter in den Grotten. Und jeder rechnet damit, dass auch „Johannes Paul der Große“ im Untergrund nur seine vorläufig letzte Ruhestätte findet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben