Zeitung Heute : Friedensnobelpreis für Obama

Komitee in Oslo:Für die Vision einer Welt ohne AtomwaffenUS-Präsident: Wenn ich ehrlich bin, habe ichihn nicht verdientMerkel: Er hatweltweit in kurzer Zeiteinen neuen Ton gesetzt

Andre Anwar[Stockholm] Sven Lemkemeyer[Berlin]

Der Friedensnobelpreis 2009 geht an Barack Obama. Das norwegische Nobelpreiskomitee würdigte am Freitag in Oslo die „außergewöhnlichen Bemühungen“ des erst seit neun Monaten amtierenden US-Präsidenten „um eine Stärkung der internationalen Diplomatie und um Zusammenarbeit zwischen den Völkern“. Die Entscheidung, die um 11 Uhr in Oslo verkündet wurde, stieß weltweit auf überwiegend positive Resonanz, es gab aber auch Kritik und Zweifel – auf jeden Fall kam sie für viele Beobachter sehr überraschend. Die meisten Experten gingen davon aus, dass es noch zu früh sei, um den US-Präsidenten mit dieser hohen Auszeichnung zu ehren – schließlich trat Obama erst knapp zwei Wochen vor dem Ende der Nominierungsfrist am 1. Februar sein Amt an. Für den Friedenspreis gab es eine Rekordzahl von 205 Nominierungen, die traditionell geheim gehalten werden.

Auch im Weißen Haus in Washington hatte niemand mit dem Preis gerechnet. Der Präsident zeigte sich bei einer Pressekonferenz am Nachmittag (MEZ) demonstrativ bescheiden: „Ich bin überrascht und zutiefst demütig“, sagte er im Rosengarten des Weißen Hauses. Um ehrlich zu sein, glaube er nicht, dass er es verdiene, sich in der Gruppe vergangener Nobelpreisträger zu befinden, die so viel erreicht hätten, sagte Obama. Er betrachte den Preis nicht als eine Bestätigung für Erreichtes, sondern als eine Herausforderung, erklärte der Präsident. Er sehe den Preis als Ansporn für alle Nationen. Die Herausforderungen könnten nicht von einem Staatschef alleine bewältigt werden.

Der Vorsitzende des fünfköpfigen Gremiums, Thorbjörn Jagland, hatte am Morgen in Oslo die Begründung verlesen: „Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis für seinen außergewöhnlichen Einsatz zur Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern. Das Komitee hat besonderes Gewicht auf seine Vision und seinen Einsatz für eine Welt ohne Atomwaffen gelegt.“ Selten zuvor habe eine Persönlichkeit so sehr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft vermittelt und die Aufmerksamkeit der Welt in Bann gezogen, erklärte er. „Seine Diplomatie beruht auf dem Konzept, dass diejenigen, die die Welt führen, dies auf der Grundlage von Werten und Haltungen tun müssen, welche von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden.“ Auf die Frage, wie jemand ausgezeichnet werden könne, der erst seit einem knappen Jahr im Amt sei und noch kaum Ergebnisse geliefert habe, antwortete sagte der ehemalige norwegische Ministerpräsident Jagland: „Alles, was er in seiner Zeit als Präsident angepackt hat, und wie sich das internationale Klima durch ihn verändert hat, ist mehr als Grund genug, ihm dem Friedensnobelpreis zu verleihen.“ Das Komitee habe schon immer versucht, noch nicht abgeschlossene Entwicklungen für den Frieden zu stimulieren und zu fördern. Das sei auch bei den Vergaben an Bundeskanzler Willy Brandt und an den damaligen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow der Fall gewesen.

Staats- und Regierungschefs aus aller Welt gratulierten Obama. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Es ist ihm in kurzer Zeit gelungen, weltweit einen neuen Ton zu setzen und Gesprächsbereitschaft zu schaffen.“ Der scheidende Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed al Baradei, erklärte: „Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte.“ Dagegen sagte der frühere polnische Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa: „So schnell? Zu schnell!“ Der Preis, der mit umgerechnet rund einer Million Euro dotiert ist, wird seit 1901 alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Stifters Alfred Nobel (1833–1896), in Oslo verliehen.

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