Zeitung Heute : Friedrich Engel: Das ruhige Leben des Henkers von Genua

Clemens Wergin

"Angelo nero", schwarzer Engel haben sie den SS-Obersturmbannführer in Genua genannt. Wegen seiner dunklen Haare. Und weil Friedrich Engel berüchtigt dafür war, bei Vergeltungsmaßnahmen für von Partisanen erschossene Deutsche selber Hand anzulegen. Heute ist sein Haar schlohweiß, doch das Alter hat den ehemaligen Polizei- und SS-Chef von Genua nicht gebeugt. 56 Jahre hat Engel in Deutschland unbehelligt gelebt, in seinem Einfamilienhaus im Hamburger Stadtteil Lokstedt. 1999 ist er von einem Turiner Militärgericht in Abwesenheit des 246-fachen Mordes an Zivilisten für schuldig befunden worden. Doch trotz der Aufforderung Italiens an die deutschen Behörden - jetzt noch einmal von Justizminister Piero Fassino bekräftigt - Engel entweder in Deutschland den Prozess zu machen oder an Italien auszuliefern, ist nichts passiert. Bis das ARD-Magazin "Kontraste" den ehemaligen Obersturmbannführer in Hamburg-Lokstedt ausfindig machte. Und der am Donnerstag gesendete Beitrag über den "Henker von Genua" in Italien einen Sturm der Entrüstung auslöste, weil die Hamburger Behörden im Fall Engel noch immer nicht Anklage erhoben haben.

Der Wert eines Deutschen

Es war im Frühjahr 1944, als sich die Kriegsführung Nazideutschlands gegen das ehemals verbündete Italien verschärfte. Partisanen hatten am 23. März auf der Via Rasella in Rom 33 Angehörige eines deutschen Polizeibatallions in die Luft gejagt. Hitler war außer sich vor Wut. Er verlangte die Exekution von zehn Italienern für das Leben jedes Deutschen. Und so ließ der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) in Rom, Herbert Kappler, in den ardeatinischen Höhlen 335 Italiener hinrichten - die meisten Zivilisten. Ein Exempel, das von da an als Richtschnur für Vergeltungsmaßnahmen in Italien galt: Das Leben eines Deutschen war das von zehn Italienern wert. Eine Regel, die auch Engel in Genua anwandte.

Benedicta, Portofino, Turchino-Pass - das sind die Orte, an denen deutsche Einheiten Massaker gegen die ligurische Bevölkerung verübten. Manchmal ging es um Vergeltung - wie nach einem Anschlag auf das Soldatenkino Odeon in Genua, bei dem fünf Deutsche starben, für die 59 Zivilisten ihr Leben lassen mussten. Oder man sprach allgemein von Aktionen gegen das "Bandenwesen". Gemeint waren die Partisanen. Ihnen hofften die Deutschen den Rückhalt in der Bevölkerung zu entziehen, indem sie ganze Dörfer drangsalierten und Einwohner massakrierten.

Im Kloster Benedicta glaubte die Wehrmacht, endlich einen großen Trupp Partisanen gestellt zu haben. Doch es waren vor allem Bauern und Fahnenflüchtige, die sich den Soldaten ergaben. 147 wurden ohne viel Federlesens erschossen - nur Enio Odino überlebte: "Ich habe einfach Glück gehabt", sagt Odino dem Fernsehen, "ich habe einen Kameraden, der zuvor am Knie verletzt worden war, gestützt. Dieser Freund bekam alle Kugeln ab, die eigentlich für mich bestimmt waren." Eine Aktion, die Engel als SD-Chef der Region verantwortete und für die er 1945 eine Auszeichnung erhielt: Das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern.

Engel, der von einer Nachbarin als "sehr netter alter Herr" beschrieben wird, bestreitet, Aktionen angeordnet oder selber gemordet zu haben. Nur eine Mitschuld für das Massaker am Turchino-Pass räumt er ein: "Ich bin zum Teil verantwortlich für eine einzige Sache: die Vergeltung für den Anschlag italienischer Terroristen auf das Kino in Genua." Er betont das "zum Teil". Sagt, er "bedauere das Leid, dass ich verursacht habe". Und zollt den Italienern Respekt: sie seien ohne zu klagen als Helden gestorben. Aber seine Sprache verrät ihn: Auch heute versteht er die Männer und Frauen der Resistenza nicht als Freiheitskämpfer, die Italien von der Fremdherrschaft erlösen wollten. Noch immer sieht er sie als Terroristen, gegen die jedes Mittel erlaubt war.

Engel hat Vergeltungsmaßnahmen an der Zivilbevölkerung offenbar nicht nur angeordnet, er war auch selber mit dabei. Raimondo Ricci ist heute Abgeordneter im italienischen Senat. Im Genueser Stadtgefängnis wurde er Zeuge, wie immer wieder Inhaftierte aussortiert und aus Rache für Anschläge erschossen wurden. "Er galt als besonders hart und grausam", sagt Ricci über Engel. "Er war ein Mann, der nicht delegierte, sondern der es liebte, bei den Aktionen selbst Kommando zu führen." Ricci selbst entkam dem Massaker am Turchino-Pass. Er hatte Glück: Die Wachmannschaften vergaßen, ihn mitzunehmen. Engel gibt zu, mitgemacht zu haben: "Ich konnte mich der Exekution nicht widersetzen."

Der ehemalige Obersturmbannführer bestreitet aber, dass es in seiner 17-monatigen Amtszeit weitere Massaker "in meinem Hoheitsgebiet" gab. Franco Diodati ist da anderer Meinung. Er ist sich sicher, dass Engel persönlich mithalf, in seinem kleinen Bergdorf bei Genua noch kurz vor Kriegsende 18 Menschen zu erschießen. Er selbst überlebte mit einem glatten Halsdurchsschuss: Die Mörder hatten ihn für tot gehalten.

Nach dem Krieg ist Engel als Holzhändler durch Europa, Japan und die USA gereist. Nur italienischen Boden hat er nie wieder betreten. Obwohl er in Rom studiert hatte und gut Italienisch sprach. Auch zum Turiner Prozess ist Engel nicht erschienen. Er habe schriftlich um Akteneinsicht gebeten, aber nie eine Antwort erhalten, behauptet er. So wurde er wegen 246-fachen Mordes verurteilt. Das ist zwei Jahre her. Nach ersten Presseberichten über den Prozess hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg zwar schon 1998 Ermittlungen aufgenommen. Geschehen ist weiter nichts - obwohl die Prozessunterlagen seit Mai 2000 vorliegen. Man sei noch dabei, die Unterlagen zu übersetzen, heißt es von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Schon 1969 habe es wegen Erschießungen Ermittlungen gegen Engel gegeben. Die entsprechende Akte konnte die Behörde allerdings noch nicht finden. Sicher ist nur: Damals wurde das Verfahren eingestellt. Viel eifriger scheint die Hamburger Justiz aber auch heute nicht zu sein.

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