Friedrich Schorlemmer : Der Himmel in ihm

Er war immer ein Außenseiter. Und ist er nicht in der Tat eine Spur zu unbedingt? Ein Besuch bei Friedrich Schorlemmer, der gute Gründe hätte, zu hassen.

Alte Heimat. Friedrich Schorlemmer in Werben an der Elbe.
Alte Heimat. Friedrich Schorlemmer in Werben an der Elbe.Foto: privat

Am Anfang war der Sturz. Vom Kirchturm. Zwanzig Meter in die Tiefe, die Taube in der Hand.

„Ich wollte sie fangen, ich habe den Halt verloren“, sagt Friedrich Schorlemmer. Damals war er 13.

Den heiligen Geist im Flug fangen, runterfallen, fast eine ganze Kirchturmlänge, trotzdem nicht loslassen und – weiteratmen dürfen. Das ist wohl, was man ein Wunder nennt. Ungefähr so ist sein Leben dann weitergegangen. Er hat nie mehr losgelassen. Keine ganz gewöhnliche Existenzform, vielleicht gehört Friedrich Schorlemmer schon deshalb zu den am besten Missverstandenen im Land. Jeder meint ihn zu kennen, aber jeder hält ihn für jemand anderen.

„Der Staatsfeind Nr. 1 im Territorium“ war er für die Stasi, „eine reaktionär-klerikal-feindlich-negative Person“. Die DDR machte ihn zum „OV Johannes“. Johannes war der Lieblingsjünger des Herrn, der Operative Vorgang füllte ungefähr 11 400 Seiten. Ein Ex-Bürgerrechtler!, sagen viele Bürgerrechtler. Mein Gott, ein Prediger!, rufen jene, die schon fernste Anklänge an den Sound der Erlösung nicht ertragen.

Und ist er nicht in der Tat eine Spur zu unbedingt?

Menschen, die immer aufs Ganze gehen, die jeden Tag den heiligen Geist im Flug fangen wollen, können sehr anstrengend sein.

Wollen wir da wirklich raufgehen?, fragt Friedrich Schorlemmer vor der uralten großen Klinke der uralten nicht ganz so großen Tür der uralten großen Kirche in der kleinsten Hansestadt der Welt. Die kleinste Hansestadt der Welt heißt Werben, es ist die Stadt seiner Kindheit, und wie klein sie ist, erkennt man schon daran, dass nur ein Ruf-Bus dorthin fährt und am Wochenende gar keiner. Eine Hansestadt, abgeschnitten von der Welt. Dafür unterhält sie eine eigene Fähre über die Elbe.

Neuerdings kann Friedrich Schorlemmer nur noch mit leicht bebenden Beinen die Turmtreppe hochsteigen. Genauer: seit er begonnen hat, dieses Buch zu schreiben. Er hat schon viele Bücher geschrieben, aber keines wie dieses. Es ist seine politische Biografie.

Für andere ist eine politische Biografie die Gelegenheit für Abrechnungen, mit Feind und manchmal auch mit Freund, aber das ist von ihm nicht zu erwarten. Friedrich Schorlemmer ist strukturell unfähig, sich gehen zu lassen. Er wollte sich nur vergewissern, wie aus Friedrich Schorlemmer Friedrich Schorlemmer werden konnte. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Kierkegaard.

Und Schorlemmer mag diesen Satz, obwohl er beim Leben bereits versuchte, es zu interpretieren. Schon weil er meist mit einem Bein im Gefängnis stand, da kam es darauf an, das zweite draußen zu behalten.

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